Kultur

»Zeitgenössischer 
Tanz kann 
einschüchternd 
wirken«

Choreograf Manuel Roque über seine Arbeit 
und den Kanada-Schwerpunkt der Euro-Scene

  »Zeitgenössischer 
Tanz kann 
einschüchternd 
wirken« | Choreograf Manuel Roque über seine Arbeit 
und den Kanada-Schwerpunkt der Euro-Scene  Foto: Robin Pineda Gould

Zur Euro-Scene schlägt diesmal unter anderem ein koreanischer Straßenimbiss auf, der Kochkunst mit Performance verbindet. Es gibt Urban Dance, ein Duett mit einer Baggerschaufel, einige Europa-Premieren – und einen Themenschwerpunkt zum zeitgenössischen Tanz in Québec. Dafür kehrt auch Manuel Roque nach einem Jahr zur Euro-Scene zurück. Wir haben mit ihm gesprochen

Wie haben Sie die Euro-Scene im letzten Jahr erlebt?

Es war großartig. Das gesamte Programm war fantastisch. Ich empfand es als Privileg, meine Arbeit hier präsentieren zu dürfen. Außerdem lernte ich Festivalleiter Christian Watty kennen, der bei der Entstehung von »Sweet Rodeo« zur wichtigen Stütze wurde. Es ist mir eine Ehre, die Weltpremiere bei der Euro-Scene zu zeigen.


Wie entwickeln Sie eine Choreografie für den Pas de deux zwischen Flirt und Distanzierung?

Ich habe bereits mit Nils Levazeux an »Bang Bang« gearbeitet. Darin tanzen wir eine anspruchsvolle Passage mit synchronen Sprüngen – wir befinden uns fünfzig Minuten lang Seite an Seite. Ausgangspunkt für »Sweet Rodeo« war die Idee, unsere Position zu verändern, uns direkt gegenüberzutreten und die gesamte Zeit Blickkontakt zu halten. Das Stück handelt von zwischenmenschlicher Verbindung, von der Freude, die sie bereitet, aber auch von der Angst, die sie auslösen kann. Wir arbeiten körperbetont mit Elementen aus dem Gesellschaftstanz, die wir jedoch aus ihrem ursprünglichen Kontext lösen und durch repetitive Bewegungsabläufe verfremden. Ich will keine Geschichten, Situationen oder Szenarien entwerfen. Ich arbeite mit physischem Material, beobachte, was dieses dem Publikum vermitteln könnte, und versuche, die Fantasie der Zuschauer anzuregen, damit sie eigene Gedanken oder körperliche Reaktionen entwickeln.


Sie interessieren sich für Körper und Politik. Was verbindet diese?

Mir war es wichtig, das Thema Verbundenheit aufzugreifen, da wir meiner Meinung nach in einer Zeit gesellschaftlicher Zersplitterung leben. Ich beobachte viel Isolation. Auch im politischen Diskurs nehme ich zunehmend eine Haltung wahr, die von der Angst vor dem Fremden geprägt ist. Ich empfand es als Akt des Widerstands, die Freude an der Verbundenheit, die Neugier auf das Gegenüber und die Großzügigkeit zu thematisieren.


Wie würden Sie die kanadische Tanzszene beschreiben?

Die kanadische Tanzszene ist definitiv sehr vielfältig – Künstlerinnen wie Dana Michel, Catherine Gaudet oder Louise Lecavalier schaffen beispielsweise völlig unterschiedliche Werke. Ein starkes und widerstandsfähiges Ökosystem beruht auf Vielfalt. Anstatt uns Künstler also in ständige Konkurrenz zueinander zu zwingen, sollten wir ein System schaffen, in dem sich alle entfalten und ihre eigenen Ideen, ihre Kreativität und ihre Arbeitsweisen entwickeln können.


Nicht wenige Menschen sagen: »Ich verstehe Tanz nicht, das ist nichts für mich.« Welchen Tipp haben Sie, damit Leute Zugang zum Tanz finden?

Ich kann gut verstehen, dass zeitgenössischer Tanz einschüchternd wirken kann. Das Spektrum der künstlerischen Ansätze ist so breit gefächert, dass es mir unmöglich erscheint, pauschal zu sagen: Ich liebe oder ich hasse ihn. Es gibt Tanzaufführungen, die zu den besten meines Lebens zählten, andererseits gibt es Vorstellungen, bei denen ich mich zu Tode langweilte und nicht wusste, wie ich den Saal unauffällig verlassen sollte. Im Tanz geht es um Körper. Wir alle haben einen Körper, daher können wir letztlich einen Bezug zu dem herstellen, was uns auf der Bühne vermittelt wird. Die Einladung, wieder eine unmittelbare Verbindung zu der Erfahrung des eigenen Körpers zu finden, erscheint mir als wunderbare Möglichkeit, uns selbst und unsere Gemeinschaften zu pflegen.


> »Sweet Rodeo«: 3./4., 6.11., 17.30 Uhr, 7.11., 21.30 Uhr, Diskothek/Schauspielhaus – im Rahmen des Euro-Scene-Festivals: 3.–8.11., www.euro-scene.de


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