Kultur

Come as you are

Das älteste Kinder- und Jugendtheater Deutschlands feiert 80. Geburtstag

  Come as you are | Das älteste Kinder- und Jugendtheater Deutschlands feiert 80. Geburtstag  Foto: Das ganze Haus feiert/Tom Schulze

Nirvanas Ode an die Eigentlichkeit hüllt mich wohlig ein in einer namenlosen Tel Aviver Bar, während ich über den Auftritt sinniere. Stunden zuvor hat das Leipziger Theater der Jungen Welt hier seine Produktion »Kinder des Holocaust« gezeigt. Darin beschäftigen sich jugendliche Laiendarsteller mit der Shoa und Situationen der (Ohn-)Macht. Ob das das Publikum in Israel wirklich sehen will? »So könnt ihr nicht nach Israel fahren«, hieß es von mancher Seite im Vorfeld.

Das TdJW-Team fuhr dennoch, davon überzeugt, dass Kunst die Auseinandersetzung nicht scheuen darf. Ich durfte damals als Blogger mitfahren. Damals, das war 2010 – und ich bekam vom Inspizienten den Spitznamen »das Gebüsch« weg. Da kannte ich das Theater schon gut, konnte beobachten, wie ernst es sein Publikum nimmt. Und immer wieder etwas wagt, Reibung in Kauf nimmt. Möglichst ohne erhobenen Zeigefinger. Das war nicht immer so. Denn das älteste deutsche Kinder- und Jugendtheater wurde vor achtzig Jahren als moralische Anstalt gegründet – im Sinne der sozialistischen Weltanschauung nach sowjetischem Vorbild.

Mit Kohle zu Kästner zum Kraken

Der Eintrittspreis bestand am 7. November 1946 aus einem Stück Kohle – damit man den Saal heizen konnte. Der Kinderkrimi »Emil und die Detektive« eröffnete die erste Spielzeit. Die Einbeziehung des Publikums stand bereits am Anfang: Neben dem Brikett für den Eintritt in die damalige Spielstätte Kongreßhalle am Zoo sollte das Publikum gebrauchte Kleidung und Alltagsgegenstände für den Requisitenfundus spenden. Partizipation wie heute war aber programmatisch nicht angedacht. Es ging nicht um die Vermittlung von Ästhetik und Freude am darstellenden Spiel. Die Einheitserziehung zur sozialistischen Persönlichkeit diente politischer Indoktrination. Von Theaterpädagogik hatte man ein ganz anderes als das heutige, von Offenheit geprägte Verständnis. Erst nach der Wende konnte sich hier eine andere Theaterpädagogik etablieren, die die Kinder und Jugendlichen zur Reflexion einlädt – statt ihnen Botschaften einzutrichtern –, wenn sie durch die Spieleclubs tollen oder den habelfasten Ginpuin mit Sprachfehler auf seiner »schunderwöhnen Scheißolle« begleiten. Da wird eine weiße Rollkiste zum Eisberg und vielmehr braucht es nicht, um das Publikum zu begeistern. »Dick Bohm«, riefen immer mal die Kinder, wenn sie den damaligen Puppenspieler Dirk Baum anfeuerten. Und wo sonst kommt man aufs fantastische Wortspiel »Der eingebildete Krake«? Natürlich wurde darum ein atmosphärisch-dunkles Spektakel à la H. P. Lovecraft gestrickt, das sich klug verweigerte, den Horror zu erklären. Oft genug reicht es ja, die Zuschauenden in Stimmungen zu versetzen. Dann kann es in ihnen arbeiten, wie es will.

Bis dahin war es ein langer Weg. Unter der Generalintendanz Karl Kaysers wurden in der Spielzeit 1950/51 alle Leipziger Theater zum Kombinat vereint. Das TdJW wurde auf die Rolle als Kindertheater reduziert. Kayser war im kommunistischen Klassenbewusstsein gefestigt, wie das hieß, und bestand auf einem linientreuen Spielplan. Während die Kinder- und Jugendtheater andernorts, wie etwa in Dresden, sich freier entfalten konnten, verhinderte er das in Leipzig. Wie das gesamte Theaterkombinat hatte es eher den Ruf, angepasst zu sein. Was ästhetisch und handwerklich deshalb nicht schlecht gemacht war, wie man von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen hört. Als zum Wendejahr 1989 die Kongreßhalle in Flammen aufging, mochte das manchem als Zeichen dienen. Ein Ensemblemitglied hatte Feuer gelegt, weil ihm ein Auslandsgastspiel versagt wurde, so heißt es.


Neue Heimat am Lindenauer Markt

Mit dem politischen Wandel wurde das TdJW als städtisches Theater selbstständig, die Puppentheatersparte kam hinzu. Nach mehreren Interimslösungen unter anderem in einem Zelt auf dem Jahrtausendfeld fand es 2003 eine eigene Spielstätte am Lindenauer Markt. Durch diese räumliche Freiheit konnte das Theater sich inhaltlich und ästhetisch neu aufstellen, was der damals frisch bestellte Intendant Jürgen Zielinski vorantrieb. Er entwickelte die Idee des Mehrgenerationenhauses: Alle Altersgruppen sind im Publikum willkommen, die Abendstücke sollen auch für Erwachsene funktionieren, jene für die Kleinen auch ihrer älteren Begleitung etwas bieten. Zudem ist es zum Markenkern des Hauses geworden, ungewöhnliche Orte zu bespielen, seien es die Leipziger Kanäle, der Botanische Garten oder einfach die Straße. »Das meint die innigliche Verbindung mit unserem gewachsenen Publikum«, beschrieb Zielinski das. »Das ist keine Floskel, das ist wirklich so: Unser Publikum ist treu. Wir haben Fans, die mit uns aufgewachsen sind und bis heute gern kommen.«

Ist es ein Vogel? Hm. Ist es ein Fisch? Vielleicht. Was ist es dann? Fümms! Fümms? Fümms. In einer Wellpappenkulisse taucht »Rinnzekete« 2016 das Publikum in die Welt des Dada – mit fantastischer Einfachheit, so dass es wild durcheinander quasselnd einen Assoziationspurzelbaum nach dem anderen schlägt. Immer wieder übersteigen Produktionen Genregrenzen, beispielsweise das Tanz-Schauspiel-Crossover »Crystal« übers Drogenthema mit umtanzter Strukturformel und Diskokugel im Jahr 2014. Eine Übersetzung von William Shakespeares »Der Sturm« 2016 in ein Multiplayer-Spiel greift digitale Fallen auf. Mit Liveschlagzeug meditiert 2012 »Parzival« über die Orientierungssuche in einer unübersichtlichen Welt. Im Schkeuditzer Planetarium erzeugte ein Astro-Mythen-Spektakel aus Schatten und Projektionen 2011 einen so großen Rausch, dass sich bei der Premiere ein Schüler übergab. »Frau Beyer, der Patrick kotzt sich«, hießt es zum Glück erst Minuten vorm Schluss.


Auseinandersetzen mit Nationalsozialisten

»Ich bin ein Kind des Holocausts«, sagt eine Dame nach dem Gastspiel in Israel. Und fügt hinzu: »Das wollte ich bei der Diskussion aber nicht sagen, weil es nicht um mich, sondern um die Jugendlichen geht.« Tatsächlich nehmen viele im Publikum »Kinder des Holocaust« positiv auf. Nicht unbedingt den ästhetischen Zugriff, wo auch mal Clowns auftreten. Aber sie schätzen, dass sich eine junge Generation mit den deutschen Verbrechen beschäftigt. Berührend ist dabei das Gespräch mit ehemaligen Leipzigern, die dem Nationalsozialismus entkommen konnten. »Connewitz, da hat’s geblitzt«, erzählt mir vor der Vorstellung eine Frau, die einst in der Arno-Nitzsche-Straße wohnte – die Kultur als Mittel des Austauschs.

Das Haus pflegt die deutsch-israelischen Beziehungen durch bearbeitete Stoffe, eingeladene Künstlerinnen und Künstler. Als 2008 in der Odermannstraße das Büro eines NPD-Politikers nahe des TdJW eröffnet, geht es in die Auseinandersetzung mit der extremen Rechten. Ob historisch mit einem Stück über den im KZ ermordeten Fußballer Julius Hirschfeld 2017 oder »Ein deutsches Mädchen«, das – seit 2023 im Programm – die Gegenwart rechter Cliquen aufgreift. Immer geht es um reale Erfahrungen, etwa mit einem Klassenzimmerstück, das direkt in die Schulen kommt: Ein Schauspieler mimt einen neuen Schüler, den die anderen mobben. Und das tatkräftig mitmachende Publikum – von Beleidigungen bis Backpfeifen ist alles möglich – erschrickt irgendwann übers Mitmachen und die eigene Tatbereitschaft.


Tanz im Mehrgenerationenhaus

Den Charakter des Mehrgenerationenhauses baut die zwischenzeitliche Intendantin Winnie Karnofka, die das Haus zuvor als Chefdramaturgin begleitete, mit dem Bereich Theater und Tanz für die ganz Jungen aus. Mit kleinen Formaten schifft sie durch die Pandemie. Themen wie Diversität werden unter Karnofka noch profilierter bearbeitet. Fürs Mobbing-Stück erhält die Tänzerin Sofiia Stasiv 2025 den »Faust«-Preis. Sie erarbeitet auch die Choreografie für »Heads will roll«, die erste »Maria Stuart«-Umsetzung, die sich in meinen Augen zu sehen lohnt (Premiere 2024, nächste Aufführungen: 12.–15.11.). Schillers Emsige-Depeche-Drama habe ich schon oft als an der Rampe stehendes Aufsagetheater erlebt. Hier widerfährt seinem unspielbarsten Stück eine famose Transformation in eine Pennäler-Geschichte. Es geht um starke Frauen, verpackt in eine coole Highschool-Story mit Josephine Schubert in der Paraderolle ihres Lebens.

Für den »Faust« ist auch »Wimmelstadt« nominiert, mit dem Neuintendantin Miriam Tscholl vor einem Jahr ihre erste Spielzeit eröffnete. Im November findet die Verleihung statt, pünktlich zum 80. Geburtstag des TdJW. Der soll mit einer »fetten Party« und überregionalen Gästen gefeiert werden, verspricht Tscholl. Tagsüber werde das Haus zum Ort eines Kindergeburtstags, völlig kostenlos für alle.

»Eine einladende Geste«, nennt Miriam Tscholl als Grund, warum sie nach Premieren höchstselbst das Publikum anspricht. Wie alles im Haus einladende Gesten sind. »Ein Moment von vielen Einladungen.« Denn das TdJW ist nicht exklusiv für bestimmte Menschen da, das solle zum Ausdruck kommen. Partizipation ist das Ziel. Das Jubiläum habe ihr noch einmal bewusst gemacht: »Man steht nicht persönlich für eine solche Geschichte – das Theater ist mehr als eine Dekade, mehr als eine Intendanz, das geht über ein Ensemble, ja: über eine Generation und sogar ein politisches System hinaus. Da wird noch einmal deutlich und relevant, wie jung diese Kunstfreiheit ist. Und wie wertvoll.« Tscholl findet es symbolträchtig, dass das Haus damals mit Kästner eröffnete: »Erich Kästner war der Erste, der in der Literatur die Kinder ins Zentrum stellte. Er ließ sie agieren und handeln.« Der Grundgedanke, dass der Kinderblick das Wichtigste ist, begleitet das TdJW bis heute. »Da ist Kästner Vorbild und prägend.« Come as you are. TOBIAS PRÜWER

> TdJW-Kindergeburtstag: 7.11., 14 Uhr, danach: Festakt »80 Jahre TdJW« (19 Uhr) und Jubiläums-After-Party (21 Uhr), Eintritt frei – www.tdjw.de


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