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»Ich bin ländlich-sittlich, aufrecht, ein Idiot eben«

Uta Pilling über Pressephobie, bitterböse Chansons und Leipziger Bildungsbürger

Uta Pilling, 59, ist Malerin, Lyrikerin und Sängerin. Fast täglich singt sie in den Fußgängerzonen Leipzigs ihre unbequemen Chansons. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Musiker und Schriftsteller Jens-Paul Wollenberg, lebt sie in der Südvorstadt.

Uta Pilling, 59, ist Malerin, Lyrikerin und Sängerin. Fast täglich singt sie in den Fußgängerzonen Leipzigs ihre unbequemen Chansons. Mit ihrem Lebensgefährten, dem Musiker und Schriftsteller Jens-Paul Wollenberg, lebt sie in der Südvorstadt.

KREUZER: Frau Pilling, im Vorgespräch zu diesem Interview sagten Sie: »Ich lese keine Zeitungen oder Zeitschriften. Denn wenn ich da reinschaue, kommt mir die Galle hoch.« Warum geben Sie mir dieses Interview?
UTA PILLING: Ich habe schon sehr oft Interviews gegeben. Damit habe ich kein Problem. Ich selber lese die Blätter aber nicht. Und zwar deswegen: Meine Eltern waren zu DDR-Zeiten Lehrer und hatten aus statistischen Gründen das ND und die Junge Welt abonniert. Obwohl sie eigentlich staatsfeindlich eingestellt waren. Das empfand ich als solche Aftermoral, so zu tun, als ob! Und ich war damals wie heute so ländlich-sittlich, aufrecht, ein Idiot eben. Deshalb habe ich frühmorgens die Zeitungen aus dem Kasten geholt, zerrissen und in den Müll geschmissen. Seitdem bin ich ein gebranntes Kind, was die Presse angeht.

KREUZER: Wer oder was sind Sie eigentlich?
PILLING: In erster Linie bin ich Mutter, Großmutter, Partnerin. Alles andere entsteht zwischen Rotkohlpott und Waschmaschine.

KREUZER: Was entsteht da?
PILLING: Ich male Bilder, schreibe Bilder, singe Bilder. Malen und schreiben, das mache ich schon seit Jahrzehnten. Dann habe ich 1990 Jens-Paul Wollenberg kennengelernt, meinen jetzigen Lebensgefährten. Er war damals ganz schön weit unten. Als Anreiz für ihn, damit er sich herausgefordert fühlt und mir widerspricht, habe ich angefangen, Liedtexte zu schreiben und auf der Gitarre mit drei Akkorden zu begleiten. Aber er hat eben nicht gesagt: »So ein Mist, so kann man das nicht machen!« Sondern er war total betroffen und hielt die Luft an. So sind dann auch die ersten CDs mit ihm zusammen entstanden: »Razzia im Paradies« oder »Ein Wrack im Frack«. Die waren auf der Lieder-Bestenliste noch vor Konstantin Wecker und Hans-Eckardt Wenzel. Das war ein kreativer Mustopf, Wahnsinn!

KREUZER: Und trotz dieser Erfolge machen Sie noch Straßenmusik?
PILLING: Ja. Ich habe nur 523 € im Monat. Davon gehen sämtliche Festkosten ab. Essen, Trinken und sonstiges muss ich zusammensingen. Etwa 8,50 € bekomme ich am Tag.

KREUZER: Sind Sie zu anarchistisch für einen bürgerlichen Job?
PILLING: Ja. Ich bin schon zu DDR-Zeiten aus allen Jobs rausgeflogen, weil ich die Fresse nicht halten konnte. In einem Job musste ich mal Plakate für die SED-Kreisleitung verpacken. Um neun habe ich mit der Arbeit begonnen, um elf war ich fertig, habe mich hingesetzt und gelesen. Da kam die Chefin und wollte mir das verbieten. Ich sagte ihr, dass ich das Pensum schon komplett geschafft hatte. Darauf sie: »Dann müssen Sie so tun, als ob Sie Plakate zählen!« Die meinte das ernst! An dem Tag bin ich da sofort raus.

KREUZER: Worum geht es in Ihren Liedern?
PILLING: Ich mache eine Mischung aus sarkastisch-bitterbösen politischen Texten und leisen, schwermütigsten Chansons – zum Beispiel: »Bäume sind so still und spenden Trost«. Die kann ich leider nur selten auf der Straße singen. Denn da muss ich ja brettern können. Deswegen mache ich da die politischen Sachen.

KREUZER: Ihre Lieder sind aber eigentlich gedanklich zu dicht, um sie Passanten zuzumuten.
PILLING: Ich kann einfach keine gefälligeren Texte machen. Manche fragen mich: »Kannste auch ‚Lebt denn der alte Holzmichel noch?« Das kann ich nicht. Dazu kommt, dass ich keine Instrumentalstücke beherrsche. Aber mit irgendwas muss ich ja mein Geld verdienen. Deswegen muss ich die Menschen penetrant belästigen.

KREUZER: Müssen Sie auch Kritik für Ihre Weltkritik einstecken?
PILLING: Ich bin schon richtig geschlagen worden! Für einen Song, der gegen Rechtsradikalismus gerichtet ist, hat man mich in die Kniekehle getreten. Zum Glück stand ich da gerade mit dem Rücken an einer Säule. Sonst wäre ich mitsamt Akkordeon ins Nichts gefallen. Und normalerweise singe ich mit geschlossenen Augen. Deswegen hat mir beim gleichen Lied mal einer eine Möhre in den Mund gesteckt. Da habe ich in den nächsten Papierkorb kotzen müssen. Oder elegant gekleidete Frauen, aber mit rechtem Potenzial: »Halt die Fresse, sonst wirst du vergast!« Solche Sprüche, mitten auf der Straße! Aber die Leipziger Bildungsbürger gehen weiter und gucken dann von weitem, was noch passiert. Keiner hilft. In Berlin ist das anders, da bin ich schon oft verteidigt worden.

KREUZER: Aber haben Sie auch Fans?
PILLING: Ja, meine Freunde. Meine Freundin Olga aus Sankt Petersburg ist mein größter Fan. Ihr spiele ich die Lieder immer zuerst vor. Sie liegt dann immer auf dem Teppich und heult.

KREUZER: Machen wir mal Poetry-Slam: Improvisieren Sie doch mal ein Gedicht, das Ihr Leben zum Inhalt hat!
PILLING: Oh, das kann ich nicht! Denn die Texte müssen mich überkommen, wenn ich schreibe. Nicht ich schreibe dann, sondern etwas schreibt in mir. Wenn ich schreiben soll, kann ich es gleich in die Tonne schmeißen. Aber vielleicht trifft es dieser schon geschriebene, feministische Text am besten:
Ans Kreuz geschlagen / aufs Kreuz gelegt / nicht schwer zu erraten / um wen es hier geht / zweitausend Jahre / vom feinsten Humor / der Galgen er bleibt / dem ewigen Thor / die Pritsche der Thörin / auf der kommt sie nieder / wirft Nachwuchs befleckten / wieder und wieder / zu schlagen ans Kreuz / aufs Kreuz zu legen.


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