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»Wie damals beim Neuen Forum«

Ein Interview über den Bürgerentscheid, ein Dejavu und Nachwuchssorgen in der »Kabaretthauptstadt Deutschlands«

Gunter Böhnke war Gründungsmitglied der academixer und ist seit fast 50 Jahren auf der Kabarettbühne zu Hause. Jüngst unterstützte er die Plakatkampagne der Privatisierungsgegner beim Bürgerentscheid über den Anteilsverkauf der Stadtwerke

Gunter Böhnke war Gründungsmitglied der academixer und ist seit fast 50 Jahren auf der Kabarettbühne zu Hause. Jüngst unterstützte er die Plakatkampagne der Privatisierungsgegner beim Bürgerentscheid über den Anteilsverkauf der Stadtwerke.

KREUZER: Sie haben Ihr Gesicht der Kampagne der Privatisierungsgegner beim Bürgerentscheid geliehen, und es hat ja auch geklappt. War das für Sie ein persönlicher Triumph?

GUNTER BÖHNKE: Überhaupt nicht. Es hat mich, ohne die Dimension vergleichen zu wollen, ein bisschen an 1989 erinnert: Beim ersten Treffen im Bachviertel ging es zu wie damals beim Neuen Forum. Alles wuselte durcheinander, von Leuten aus Connewitz bis zum Professor war alles vertreten, und alle wollten eine Sache. Dann habe ich bei der ersten Veranstaltung auf dem Nikolaihof ein paar Sätze gesagt. Der Grundgedanke stammt aus meiner Kindheit auf dem Dorf: Wenn der Bauer die Kühe zum Schlachten führte, waren das nie die dicksten. Als ich ihn fragte, warum, meinte er: »Kühe, die man melken kann, schlachtet man nicht.« Dieser Gedanke hat mich bis heute begleitet.

KREUZER: Glauben Sie, dass diese Kampagne ein neues bürgerschaftliches Engagement entfacht?

BÖHNKE: Ich hoffe es. Zum ersten Mal seit 1990 haben sich die Bürger zusammengefunden und gesagt: Wir sind mit der Art und Weise, wie die Stadt regiert wird, nicht einverstanden. Das war der Haupttenor, und damit war es auch eine Abstimmung über diese Art des Regierens. Sie hat gezeigt, wir können etwas ausrichten.

KREUZER: Sie sind ja vor allem Kabarettist. Wird das Kabarett in Ihren Augen genügend gefördert?

BÖHNKE: Die Stadt ist, glaube ich, ganz froh, dass sie sich von den Kabaretts getrennt hat und die geringe Förderung für drei Kabaretts der Stadt jetzt ausgelaufen ist. Sie ist froh, dass die Kabaretts selber wirtschaften, und kümmert sich nicht.

KREUZER: Im Fall Pfeffermühle …

BÖHNKE: … hat sich die Stadt fair verhalten. Ich habe das Lavieren der Pfeffermühle nicht verstanden. Die haben ja jetzt ihren Interimsort im Kosmos-Haus in der Gottschedstraße. Was allerdings nie in der Zeitung stand, ist, dass das Gebäude der Pfeffermühle, das teilweise im Krieg zerstört wurde, das älteste Kleinkunsttheater in Leipzig war. Das kann man doch nicht so einfach aufgeben.

KREUZER: Hat sich das Publikum in den letzten Jahren gewandelt?

BÖHNKE: In den letzten Jahren der DDR haben die Leute immer gesagt, Gott sei Dank, dass es euch gibt, da vergisst man mal den schlechten Alltag, und ihr seid auch noch kritisch. Da hatte man im Zuschauerraum 250 Verbündete. Wir gingen auf die Bühne, und alle waren für uns. Nach 1989 gab es eine Spaltung des Publikums. In den Vorstellungen saßen dann Blöcke, die nicht applaudierten. Aber das hielt nur eine Spielzeit, und heute ist es eigentlich ähnlich wie in der DDR. Die Leute kommen hauptsächlich, um sich zu unterhalten und zu lachen, aber der politische Aspekt des Programms interessiert sie nicht so sehr. Kabarett ist Unterhaltungskunst. Wir merken aber, dass eher wenig junge Leute ins Theater gehen, vor allem keine Studenten.

KREUZER: Sie haben ein Nachwuchsproblem.

BÖHNKE: Ich habe mal gesagt, die Leipziger Kabarettisten gehen gemeinsam in Rente, und im Prinzip ist es auch so. Die alte Riege der Pfeffermühle ist schon in Rente. Wir werden jetzt so 65, und es gibt ganz wenig Nachwuchs. Immerhin gibt es in der Pfeffermühle ein junges Schülerkabarett.

KREUZER: Liegt das vielleicht auch an der starken Konkurrenz durch die Comedy-Schiene?

BÖHNKE: Das glaube ich nicht. Dort gehen die jungen Leute hin, ja. Ich empfinde Comedy nicht als Konkurrenz, weil sie etwas ganz anderes machen. Das Problem sind die Medien. Der MDR hat sich vom Kabarett im Prinzip verabschiedet. Andere Dritte wie WDR, NDR oder der Bayerische Rundfunk machen das besser.

KREUZER: Das Kabarett in Leipzig hat also ein massives Zukunftsproblem?

BÖHNKE: Leipzig ist ja die Kabarett-Hauptstadt Deutschlands. Nirgends gibt es auf einem Quadratkilometer so viele Spielstätten. Ich denke, dass es das Problem schon heute gibt. Es gibt 1.000 Kabarettplätze in Leipzig, aber nur die academixer spielen täglich. Die Auslastung liegt nur bei 50 Prozent, wobei die Wochenenden immer ausverkauft sind.

KREUZER: Und die Touristen …

BÖHNKE: … kommen wenig. Ich finde ja eh, der Tourismusstandort Leipzig ist nicht genug ausgebaut. In Dresden ist das viel besser geworden.

KREUZER: Machen Sie eigentlich noch etwas anderes als Kabarett?

BÖHNKE: Ich schreibe zurzeit ein neues Buch – diesmal über meine letzten Reisen nach Tansania und Neuseeland. Bis es rauskommt, mache ich erst mal kein neues Programm.


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