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Der Mensch in der Revolte

Das Centraltheater startet in die neue Spielzeit. Wir ziehen eine Bilanz des ersten Hartmannjahres

Der Mensch in der Revolte. Fragile Gestalten staksen durch die Bühnenleere und beten ihr Mantra vom Arbeitsfetisch herunter. Fahnenappelle und Lichterketten rufen das »Wir« an, das sich alsbald wieder fragmentiert zu verzweifelt sinnsuchenden Atomen. Schließlich löst sich alles menschliche Verzagen in einer Schafherde auf.

Der Mensch in der Revolte. Fragile Gestalten staksen durch die Bühnenleere und beten ihr Mantra vom Arbeitsfetisch herunter. Fahnenappelle und Lichterketten rufen das »Wir« an, das sich alsbald wieder fragmentiert zu verzweifelt sinnsuchenden Atomen. Schließlich löst sich alles menschliche Verzagen in einer Schafherde auf.

Die im Juni einmalige Aufführung von »Das schwarze Loch« sollte einen Ausblick geben auf den neuen Spielplan. Auf mehreren Ebenen – als Individuum, Gruppe und Zwangskollektiv – wurde hier die Dialektik von gesellschaftlichem Sein und Bewusstsein ergründet, durch die sich fast trotzig das »Prinzip Hoffnung« als loser, roter Faden zog.

Am 17. September beginnt die neue Saison, eigentlich idealer Anlass für eine Bilanz des Jahres eins der Hartmannintendanz. Jetzt könnte man die Zahlen prüfen und feststellen, dass diese nicht rosig sind, aber auch schlechter hätten ausfallen können. Davon abgesehen, wie viel Buchhaltung über Kunst aussagt, läuft in diesem Fall die Bilanzfrage darauf hinaus, die Rolle eines Stadttheaters zu bedenken. Denn mit Hartmann kam nicht einfach ein neuer Intendant an die städtische Bühne Leipzig, sondern ein anderes Theaterverständnis.

Wer die gezeigten Inszenierungen durchgeht, stößt rasch auf ein Dilemma. Sicherlich war es eine durchwachsene Saison, oft Durchschnitt, legt man bundesdeutschen Maßstab an. Aber von Teilen des Publikums wurde sie aufgenommen, als ob ihnen eine Avantgarde vor die hohe Stirn schlüge. Schon bei der Benennung Hartmanns wurden voreilige Angstschreie vor Kunstblutorgien und nacktem Ringelpietz laut. Woher kommt solches Ressentiment in einer sich weltoffen gebenden Stadt?

Wird hier eine unterschwellige Kränkung des bürgerlichen Selbstverständnisses erkennbar, das sich seiner Bastion der Hochkultur beraubt sieht? Stimmen solcher Verlusterfahrung jedenfalls waren auf den Zuschauerkonferenzen zu vernehmen, deren Einrichtung eine gute, aber resultatlose Idee war. Mitunter heftig prallten die verschiedenen Theaterauffassungen aufeinander. Während eine Seite den Wechsel grundsätzlich lobte, wurde dieser von der anderen rundweg abgelehnt. Argumentiert wurde oft nicht. Viele zeigten sich einfach froh, dass die Nach-Engel-Ära erfrischend anders ist. Andere störte genau das. Und wenn eine Frau kritisierte, die »jungen Leute« zeigten keinen Respekt vor dem Theater, wenn sie es in Jeans betreten, wurde jene Abscheu vor der Öffnung des Hauses deutlich.

Dabei will Hartmann niemanden vor den Kopf stoßen. Er nimmt im Gegenteil die Zuschauer sehr ernst, hat das Experiment der tagesaktuellen Skala eingestellt, Programmhefte eingeführt und immer wieder das Gespräch gesucht. Oft antworteten seine ästhetischen Kontrahenten auf die Frage nach ihren Wünschen nur mit »so wie früher«. Man kann den Impuls, alle Veränderung zu verneinen, nachvollziehen. Für viele scheint die Bosestraße ein Hort der Sicherheit gewesen zu sein. Hier kannte man sich aus und findet sich nun nicht mehr zurecht. Aber was soll ein neuer Intendant damit anfangen? Warum Hartmann anlasten, was eine städtisch eingesetzte Berufungskommission »verbockt« hat?

Harmlos, aber beklatscht: Hartmanns »Arsen und Spitzenhäubchen«

Was ist und aus welchem Grund gehen wir ins Stadttheater? – um die Frage mit Schiller zu formulieren. Geht es darum, vermeintliche Klassiker als Klassiker zu sehen, also den »Wilhelm Tell«, wie er vor fünfzig, vierzig oder siebzig Jahren gespielt worden ist? Oder ist das Theater eher ein Ort, der den Besucher angehen soll, wie auch immer man das dann gestalten mag? Warum dient gerade die stärkste Inszenierung – der »Macbeth« – als Argument gegen Hartmanns Stil? Weil hier das von Shakespeare beschriebene Elend des Krieges und mordlustige Verzehren nach Macht folgerichtig als blutrote Raserei und gewaltiges Bildtheater gegeben wurde? Und wieso wurde das harmlose »Arsen und Spitzenhäubchen« derart beklatscht?

Hartmann scheint auf einen Ausgleich der Interessen bedacht. Es bleibt zu hoffen, dass dieser nicht auf einen langweiligen Kompromiss hinauslaufen wird. Der Auftakt der neuen Spielzeit mit SIGNA (s. S.) ist immerhin skandalträchtig genug und der in die Jahre gekommene Hermann Nitsch wird das Übrige für anschwellende Zetermordio-Schreie beitragen.

Sisyphosmühen? Hartmann selbst wird sich der Aufgabe stellen müssen, zu seiner eigenen Theatersprache zu finden, in der nicht immer wieder Frank Castorf mitspricht. Dass er aber das Leipziger Publikum vor die Frage nach dem Wesen von Theater stellt, muss ihm angerechnet werden. Der Mensch in der Revolte – und sei es nur die ästhetische – wird auch in der kommenden Spielzeit zu erleben sein.

Ein Dossier rund um das Thema Centraltheater findet sich unter http://www.kreuzer-leipzig.de/dossiers/23
Theater | aus dem kreuzer-Heft 09.09

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