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»Ich bin 100 Prozent Krise«

Der Musiker, Schriftsteller und Theaterautor PeterLicht über Systeme, alte Schuhe und abgebrochene Fragen

Ist er nicht hier, fläzt er auf dem Sonnendeck: Indie-Popper PeterLicht ist eine umtriebige Figur. Er schreibt nicht nur Bücher und veröffentlicht Texte, er ist auch am und für das Theater aktiv. Derzeit wird in Leipzig sein Stück »Das Abhandenkommen der Staaten« (Regie Mareike Mikat) aufgeführt, das er extra für die Skala schrieb. Dem kreuzer wollte er gern Rede und Antwort stehen, nur mit der persönlichen Begegnung klappte es einfach nicht. Deshalb führten wir das Interview kurzerhand via E-Mail – herausgekommen ist dabei ein digitales Katz-und-Maus-Spiel um die treffende Pointe, welches das Fehlerpotenzial dieses flüchtigen Mediums gar vortrefflich offenbart.

Ist er nicht hier, fläzt er auf dem Sonnendeck: Indie-Popper PeterLicht – ohne Leerzeichen zwischen Vor- und Zunamen – ist eine umtriebige Figur. Er schreibt nicht nur Bücher und veröffentlicht die Texte seiner Lieder als Lyrik-Bände. Er ist auch am und für das Theater aktiv. Derzeit wird sein Stück »Das Abhandenkommen der Staaten« (Regie Mareike Mikat) aufgeführt, das er extra für die Leipziger Skala schrieb. Dem kreuzer wollte er gern Rede und Antwort stehen – nur mit der persönlichen Begegnung klappte es einfach nicht, weshalb wir ein Interview via E-Mail mit ihm geführt haben. Herausgekommen ist ein digitales Katz-und-Maus-Spiel um die treffende Pointe, welches auch vortrefflich das Fehlerpotenzial dieses flüchtigen Mediums offenbart.

kreuzer: Kaltstart: Sind Staaten systemrelevant?

PETERLICHT: Ist der Staat das System oder ist er nur relevant für DAS SYSTEM? Gute Frage. Yeah Yeah. SYSTEM. Über dieses Wort nachzudenken heißt, augenblicklich verrückt zu werden. Aber genau richtig, hier mit einem Begriff Kalt zu beginnen: Der Staat ist kalt. (Aber ist er das tatsächlich, wo er ja von warmen Geschöpfen getragen wird (37 Grad)). Also doch ein warmer Staat. Manchmal tragen die Toten einen Staat, dann ist es ein kalter Staat.

kreuzer: Was ärgert Sie an Staaten am meisten?

LICHT: Die Frisur und die Diddl-Tassen auf dem Schreibtisch.

kreuzer: Wieso zwängt sich der Mensch in Staaten, wenn diese ihn doch drücken wie ein alter Schuh?

LICHT: Alte Schuhe drücken nicht. Sie passen.

kreuzer: Wie bewerkstelligt man ein Abhandenkommen der Staaten? Oder geschieht das einfach?

LICHT: Das kann man nicht bewerkstelligen. Das Abhandenkommen ist eingebaut.

kreuzer: »Wir werden siegen!« – Woher kommt der unerschütterliche Optimismus, der aus Ihren Texten spricht? Ist das naiver Fortschrittsglaube oder missverstehe ich hier etwas?

LICHT: Man kann ja Texte gar nicht missverstehen. Und gerne bin ich naiv.

kreuzer: Wie würden Sie folgenden Satz weiterführen: »Wenn ich aufwache und von einer großen Umwälzung erfahre, dann …«

LICHT: … füge ich mich ein in das Weltgeschehen mit einer kleinen Umwälzung und drehe mich auf die andere Seite. Später hefte ich die Pantoffeln an die Sohlen, bürste elektrisch den Zahn und koche mir zur Feier des Tages einen Pferdefuß.

kreuzer: »Letztendlich wollen wir unsere Ruhe haben« schrieben Sie einmal als Generationsmotto auf. Ist das nicht eher universell?

LICHT: Oh schön, da outen Sie sich als Parade-Generationsvertreter: Das RUHEBEDÜRFNIS sei universelles Menschenwesen! Da hab ich meine Zweifel dran: Mit Ruhebedürfnis kommt man nicht auf den Mond oder über die Kontinentalplatten oder nach Amerika.

kreuzer: Wie fühlt es sich an, auf der Stadttheaterbühne gegeben zu werden? Und Stadttheater und PeterLicht – warum beißt sich das nicht?

LICHT: Fühlt sich an wie ein entfernter Verwandter in Südamerika. Ich vermute ihn unter falschem Namen in Patagonien
auf einer Hazienda sitzend und geklautes Geld verjuxend.

kreuzer: Sie inszenieren inzwischen auch selbst am Theater. Wollen Sie damit Ihren Ruf als universeller Pop-Künstler komplettieren, oder was reizt Sie daran?

LICHT: Das Theater ist ein wirrer Ort.

kreuzer: Schreiben sich Theaterstücke anders als Pop-Songs? Oder sollte man sich da nicht allzu sehr im Vorfeld Gedanken machen?

LICHT: Alle meine Stücke und Lieder entstehen ausschließlich im Vorfeld. Das bin ich den Lesern und Hörern schuldig. Zum ersten Teil Ihrer Frage: Leider schreiben sich die Stücke nicht selber. Das wär nicht übel. Dann käm ich mal nach
Patagonien. So aber sitz ich die ganze Zeit hier rum im Vorfeld und mache mir Gedanken.

kreuzer: Ist das Theater für Menschen mit Berufsbild Endverbraucher überhaupt noch der geeignete Ort?

LICHT: Unbedingt!

kreuzer: PeterLicht wird auf linken Demos gespielt, aber auch die bürgerliche Journaille kommt nicht an ihm vorbei. Wie viel Krisenphänomen steckt in PeterLicht?

LICHT: PeterLicht ist 100 Prozent Krise. Singende Krise.

kreuzer: Letzte Frage: Was würde PeterLicht eigentlich mit oder in einem Staats-Theater

LICHT: Lieber Tobias Prüwer, in der letzten Frage sanken Sie also offensichtlich mitten im Satz kraftlos nieder, fielen mit der Nasenspitze auf die »Send«-Taste. Und so gelangte diese angekochte Frage an mich. So will also ich selbst die Frage zu Ende formulieren und dann souverän beantworten. »Was würde PeterLicht eigentlich mit oder in einem Staats-Theater … Staats-Theater … … Staats-Theaterschiff?, Kantine … Suppenküche, Pförtnerhäuschen … Häh!? eineM Staats-Theater … IN oder MIT … Was würde PeterLicht … In einer Mit Betriebsversammlung … unterirdische Gänge … IM Theater … Häh??! Eigentlich? Wie? Was? Was WÜRDE …? ………. Stelle fest,
Respect, die Frage ist UNFORTSETZBAR.

Nicht ganz – sie lautete: »Was würde PeterLicht eigentlich mit oder in einem Staats-Theater anfangen? Oder wäre ihm ein Staats-Zirkus lieber?« Aber vor der Richtigstellung war die PeterLicht-Gestalt schon wieder im Äther entschwunden.

»Das Abhandenkommen der Staaten«, 26.12., Skala
http://www.centraltheater-leipzig.de
aus dem kreuzer-Heft 12.10

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