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Die Stollentrolle der Kulturbeilage

Die Blogger von »Der Umblätterer« feiern das Feuilleton

Die Nana Mouskouri der Inneren Sicherheit, die Claudia Roth der TV-Serien und der Big Mac unter den deutschen Politikern, sie haben mindestens eines gemeinsam: Sie finden sich fein aufgelistet im Blog »Der Umblätterer«, der die »Halbwelt des Feuilletons« durchmisst.

Die Nana Mouskouri der Inneren Sicherheit, die Claudia Roth der TV-Serien und der Big Mac unter den deutschen Politikern, sie haben mindestens eines gemeinsam: Sie finden sich fein aufgelistet im Blog »Der Umblätterer«, der die »Halbwelt des Feuilletons« durchmisst. Der Blog sammelt nicht nur solch schräge Stilfiguren, sondern zelebriert jenen Teil der überregionalen Presse, den die meisten Leser noch schneller aus dem Mantelteil gleiten lassen als die Börsenkurstabellen.

»Wir sind kein Watchblog«, sagt Frank Fischer, einer der Umblätterer-Gründer und -Herausgeber, »sondern eine Art Perlentaucher für noch weniger Leute.« Fischer studierte Germanistik und Informatik in Leipzig und ist vor Kurzem zur Promotion nach Jena übergesiedelt. Ins Leben gerufen wurde der Blog 2005, als er und einige befreundete Studenten bevorzugt im Leipziger Café Cantona regelmäßig zusammentrafen, um sich über ihre Feuilletonfreuden auszulassen. Ihre Top Ten des Jahres listeten sie online auf. Mit zu Ende gehendem Studium verflüchtigte sich die Runde und wanderte als in die Länge gezogenes Kaffeehaus-Gespräch ins Netz – was seitdem glücklicherweise die Gelegenheit zum Mitlesen bietet. Diese kleine Öffentlichkeit, in der er »dem Luxus, sich mit Kultur auseinanderzusetzen« nachgehen kann, macht für Fischer das Besondere des Blogs aus, der als Fundgrube des Nischenwissens 2010 für den Grimme Online Award nominiert war.

Der Maulwurf ist ihr Signet, doch eigentlich müsste es ein Stollentroll sein, hätte Walter Moers diesem in seinen »Käpt’n Blaubär«-Geschichten nicht Pest und Cholera angedichtet. Maulwürfe sind blind und kleinmütig. Doch wortgewaltig mit Trolleskraft sind die Umblät-terer am Werk und legen (Er-)Findergeist an den Tag, wenn es der gekonnten Kulturkritik dient. Da werden solch tiefsinnige Vergleiche angestellt wie etwa zwischen Erneuerungslyriker Stefan George und Wikileaks-Frontmann Julian Assange: Beide hätten einen eingeschworenen Kreis um sich geschart, eine wilde Jugend erlebt und den Glauben, etwas Höherem wie Wahrheit oder Kunst zu dienen. Das Große Concert des Gewandhauses wird im Umblätterer schon mal als »Oktoberfest der Klassik« abgefrühstückt. Und man lernt hier vergessene Romanciers kennen.

Dabei kommen die Autoren ohne belehrenden Ton aus. Statt zu schwadronieren oder zu protzen, sind ihre Beiträge im charmanten Vortragston gehalten. Die Blog-Macher, so ließe sich resümieren, sind nicht nur die Stollentrolle der Kulturbeilagen, sondern auch die Peter Lustigs der Salonkultur.

http://www.umblaetterer.de
aus dem kreuzer-Heft 02.11

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