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»Die Zukunft gehört der Jugend«

HGB-Professor Rayan Abdullah über die arabische Revolution und warum sie an den deutschen Herbst 89 erinnert

Rayan Abdullah ist Professor für Typografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB). Seit 30 Jahren lebt der gebürtige Iraker in Deutschland, hat die Friedliche Revolution in Westberlin erlebt. Als Gründungsdekan der Fakultät für Kunst und Design an der Deutschen Universität in Kairo reist er regelmäßig nach Ägypten. Ein Gespräch über die Probleme und Hoffnungen der Menschen vor Ort.

Rayan Abdullah ist Professor für Typografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB). Seit 30 Jahren lebt der gebürtige Iraker in Deutschland, hat die Friedliche Revolution in Westberlin erlebt. Als Gründungsdekan der Fakultät für Kunst und Design an der Deutschen Universität in Kairo reist er regelmäßig nach Ägypten. Ein Gespräch über die Probleme und Hoffnungen der Menschen vor Ort.

kreuzer: Wie kam es eigentlich, dass in der arabischen Welt plötzlich so viele Menschen auf die Straße gegangen sind?

RAYAN ABDULLAH: Die Bewegung kam hauptsächlich dadurch, dass WikiLeaks wichtige In-formationen veröffentlicht hat, die die Misere in der arabischen Welt aufzeigen. Es fehlt an Arbeit, es fehlt zum Teil an Essen, doch die Herrscher haben unvorstellbare Gelder angehäuft. Daraufhin sind sie auf die Straße gegangen. Und WikiLeaks hat noch mehr Informationen – und wenn diese herauskommen, wird mindestens die Hälfte dieser Herrscher nicht bleiben können.

kreuzer: Was haben die Protestler, überwiegend junge Menschen, bislang erreicht? Wo führen die Proteste hin?

ABDULLAH: Viele Ziele sind schon erreicht. Durch das Internet sind die Jugendlichen un-tereinander vernetzt und das führt dazu, dass die Herrscher eine riesige Angst haben. Das wird alles über Facebook und andere Netzwerke organisiert. Diese Bewegung ist grenzübergreifend und die Zukunft gehört diesen jungen Leuten. Europa, die Amerikaner und gerade die Deutschen müssen diese Menschen unterstützen und sich klar und deutlich positionieren.
Das fehlt mir im Moment noch.

kreuzer: Gerade in Ostdeutschland fühlen sich jetzt einige an die Zeit um 1989 erinnert. Wo sehen Sie Parallelen zwischen damals und heute?

ABDULLAH: Die Revolution 1989 in Deutschland war besonders schön, weil sie so wunderbar friedlich war. Das ist in Ägypten leider anders. Auch das Umfeld ist anders, genauso die Menschen und die Kultur. Reisefreiheit haben sie, Pressefreiheit dagegen nur sehr bedingt. Das größte Problem ist allerdings die Korruption, das gab es damals in der DDR so nicht. Aber die Kraft, die Idee der Straße, das hat man von Deutschland gelernt. Damals hat die gesamte arabische Welt vom Fall der Mauer geredet. Und das ist immer noch in den Köpfen.

kreuzer: Ist es angemessen oder anmaßend, wie sich westliche Politiker und Medien derzeit in die Angelegenheiten der arabischen Welt einmischen?

ABDULLAH: Ich finde es anmaßend. Es wird nur ein Bruchteil von dem berichtet, was die Menschen dort tatsächlich bewegt. Diese Revolution betrifft die Menschen von Marokko bis Irak, Europa ist nicht weit weg. Alle wissen, wie wichtig ein Frieden in der arabischen Welt ist. Es müsste ausführlich berichtet und sich klar positioniert werden. Doch das passiert nicht, und das ist enttäuschend.


aus dem kreuzer-Heft 03.11

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