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Stadtgeschichte auf der Kunstlederbank

»Centraltourist« pflegt auf Stadtrundfahrt Umgang mit der urbanen Selbstinszenierung

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»Arbeit besiegt alle.« Ohne erkennbares Augenzwinkern münzt Reiseführer Roland den Sinnspruch auf dem Krochhochhaus um: »Omnia vincit labor.« Kurz darauf verbessert er sich: »Alles besiegt die Arbeit.« Und schon plaudert er munter aus seinem Berufsleben als Chef der traditionsreichen Santa-Maria-Busreisen.

Das Familienunternehmen habe noch vor keiner Herausforderung kapituliert, und Reiseführer Roland freut sich, gemeinsam mit dem Centraltheater eine Stadtrundfahrt anbieten zu können. Das setze nämlich innerstädtische Impulse, pflichtet ihm Tochter Charlotta artig-schüchtern bei, die ebenfalls in Sightseeing macht.

Nachdem Pernille Skaansar vor zwei Jahren mit Intendant Sebastian Hartmann das ebenfalls urbane Interventionsstück »Schwarztaxi« entwarf, schickt sie nun für »Centraltourist« ein größeres Gefährt in die Spur. Vor dem Theater wartet der beige-gelbe IFA-Bus aus den Fünfzigern bereits auf seine rund 20 Gäste. Die nehmen auf braunen Kunstlederbänken Platz, und während sie sich noch an das rötliche Deckenlicht gewöhnen, schlägt die Wagentür zu. Busfahrer Bernd braust los. Es schaukelt gewaltig – ein Gefühl, das die gesamte Tour nicht abebben wird. Wieder und wieder übertönt ein Tusch die Reiseführer, aber Details sind nicht wichtig bei der Schunkeltour durch die nicht immer wahren Stadt- und Familiengeschichten. Hier sollen alle Sinne angesprochen werden.

Die Tour ist vollgepackt: Alsbald fliegen Bahnhof, Oper und Gewandhaus vorbei. Schließlich verschlingen anonyme Straßenzüge den Bus. Unermüdlich spulen die Begleiter fröhlich-verbindlich ihre Infohäppchen ab, zeigen auf Baulücken, wo einst Imposantes thronte. Die Gäste verrenken sich die Hälse nach Gebäuden, die der Bus bereits passiert hatte. Und sie brauchen einige Vorstellungskraft, denn streckenweise präsentiert sich eine bloße Verfallsgeschichte, ragen Superlative aus der Vergangenheit verblasst ins Jetzt des Seitenfensters hinein.

Ein wohltemperierter Umgang mit der städtischen Selbst-inszenierung wird so erfahrbar. Ins Parodistische kippt die Tour nicht, und das angedeutete Familiendrama, von nuanciert überzogenen Figuren gegeben, mischt ihr melancholische Spuren bei. Wie zum historischen Geschehen übt die Inszenierung eine Halbdistanz zum Publikum. Nie auf Mitmachtheater getrimmt, dennoch einladend, kommt sie dem touristischen Sehen nahe, das schließlich vom zurückgelehnten Willen zum Unterhaltenwerden geprägt ist. Wie von selbst intonieren die Zuschauer dann auf halber Strecke einen dreistimmigen Kanon – »Wenn einer eine Reise tut« – und applaudieren ausgelassen der finalen »Santa Maria«-Polonaise, bevor sie der urbane Tumult wieder hat.

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