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Haare auf Krawall

Punk made in GDR ist seit diesem Schuljahr Pflichtstoff an den sächsischen Gymnasien

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Ereignisse, die wir uns gewünscht haben: Zum 20-jährigen kreuzer-Jubiläum haben wir Meldungen geschrieben, die wir immer schon mal schreiben wollten.

»Lasst uns singen, lasst uns tanzen, lasst uns leben wie die Wanzen.« – Inbrünstig ist die Klasse 8a des Humboldt-Gymnasiums im Musikunterricht bei der Sache. In der nächsten Stunde wollen die Schüler das L’Attentat-Stück »Leipzig in Trümmern« für den Wettbewerb »Jugend singt« als Kanon einstudieren. Eine harte Nummer, denn die verflossene Leipziger Punk-Combo L’Attentat ist ein beliebter Songlieferant, seit sie auf dem sächsischen Lehrplan steht. Der Chor der Lene-Voigt-Mittelschule hat bereits angekündigt, mit »Kinderkrieg« in den musikalischen Wettstreit zu ziehen. »Die scheppern einfach geil aus dem Handy, und die Texte find ich auch geil«, freut sich der 12-jährige Konstantin Müller, der sich ein Anarcho-»A« auf die Hand gemalt hat und Dose genannt werden will. Feiner, aber in der Sache gleich drückt sich Andreas Martin Sonne vom Sächsischen Bildungsinstitut aus: »In ihrer devianten Attitüde und grobschlächtigen Widerborstigkeit ist das Punk-Trio made in GDR ein höchst eigenwilliges, aber dennoch unschätzbares Kulturgut.« Als Mitglied der Lehrplankommission war der kurzgeschorene Mann mit dem kleinen Zopf im Nacken maßgeblich an der Kanonisierung von L’Attentat beteiligt und sorgte auch dafür, dass das Buch »Haare auf Krawall« seit diesem Schuljahr Pflichtlektüre im Deutschunterricht aller sächsischen Gymnasien ist.

Der Erfolg der Ost-Punk-Doku »Too much Future« und der gleichnamigen Ausstellung hat dem Punk-Liebhaber entscheidende Argumente an die Hand gegeben. Selbst in Dresden habe man die Ausstellung geduldet, erzählt Sonne. Und im Popperschuppen Ilses Erika konnte im vergangenen Jahr sogar eine Diskussion über die »verschwendete Jugend« in Ost und West stattfinden. »So viel kulturelles Kapital konnte auch eine CDU-Regierung nicht ungenutzt lassen«, feixt Sonne. »Sicherlich ist L’Attentat nicht jedermanns Geschmack. Das kann man aber auch von Bach oder Barock behaupten.«

Und doch sieht Sonne den durchschlagenden Erfolg nicht mehr ganz so lässig, seit vor wenigen Wochen an fast allen sächsischen Schulen anonym verfasste Handzettel aufgetaucht sind. Auf ihnen wird die Wiedervereinigung von L’Attentat verkündet und zur Teilnahme am dezentralen Reunion-Konzert aufgerufen – mit den Worten: »Kommt alle: Leeeeipzig in Trümmerrrrn!«

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