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Wenn ein Mann seinen Mann stehen soll

Der Film »Gangsterläufer« liefert ein eindringliches Porträt eines jugendlichen Kriminellen

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In seinem Dokumentarfilm »Gangsterläufer« schaut Regisseur Christian Stahl genau hin und begleitet jahrelang einen kriminellen Jugendlichen, ohne zu viel zu erklären.

So komisch der Name, so rasch ist das Spiel erklärt: Hin und wieder treffen sich im Quartier um die Sonnenallee Dutzende männlicher Jugendliche und veranstalten ein gestaffeltes Spießrutenlaufen. Einer beginnt als Fänger und darf für 30 Sekunden verprügeln, wen er erhascht. Der wird dann ebenfalls Fänger und so spult sich das negative Schneeballsystem solange ab, bis nur noch einer übrig ist: der Gangsterläufer. Kiez-King will auch Yehya werden, der wie folgt charakterisiert wird: »Sohn palästinensischer Flüchtlinge aus dem Libanon, Rütli-Schüler mit lauter Einsen – und Häftling. Mit 17 wird Yehya nach einem Raubüberfall zu drei Jahren ohne Bewährung verurteilt.«

»Gangsterläufer« ist ein Film über Yehya, der auf seine recht einfache Art sympathisch ist, was aber nicht über seine kriminelle Energie in Hochpotenz hinwegtäuscht. Solche Unterschätzung ist auch dem Regisseur Christian Stahl passiert, der Yehya aus der Nachtbarschaft als höflichen, manchmal zu wilden Jungen kannte, bis er die negativen Seiten vom Gang-Boss erfuhr. Er beschloss, Yehya, der unbedingt zum Gangsterläufer aufsteigen will, mit der Kamera zu begleiten.

Sommer 2005: Yehya erzählt, wie er mit sieben die erste Anzeige bekam, weil er ein Holzhaus abfackelte, mit ungefähr zehn Jahren verletzte er einen Jungen mit einem Messer. Weitere Anzeigen folgen: Raub, Erpressung, Körperverletzung – die sich füllende Deliktliste ist lang. Nun könne er sich nichts mehr leisten, erzählt der Jugendliche, oder er sei sofort in Haft. Er gibt sich leicht einsichtig. Cut. 2007: Zwei Jahre sitzt Yehya nun schon im Gefängnis. Ein Verwandter hätte ihn zu einem bewaffneten Raubüberfall überredet. Mehr als eine halbe Million seien drin gewesen. Das Geld hätte gereicht, um dann sauber zu werden und sich etwas Legales aufzubauen. Nur noch ein Bruch, ein Deal noch: So beginnt nicht selten der gescheiterte Aussteigertraum.

Regisseur Stahl hat Yehya häufig im Gefängnis besucht, ist auch bei dessen Gerichtsverhandlung zugegen, zeigt, wie die Familie zu Hause auf den Sohn wartet, begleitet dessen ersten Freigang. Stahl bereist auch mit dem Vater und zwei Söhnen den Libanon, zeigt ihr im Bürgerkrieg zerstörtes Haus und eine fassungslose Familie: Selbst der mentale Fluchtpunkt Libanon, an den man irgendwann vielleicht wieder zurückkommen will, hält nicht mehr stand.

Dabei wirkt der Film zu keiner Stelle verharmlosend. Er führt unsentimental in ein Milieu ein, über das oft gesprochen wird, aber auf das der Blick selten nicht schon vorbelastet gerichtet wird. Ratlose Eltern, die sich nie etwas zu Schulden kamen ließen, kommen zu Wort – auch wenn nur der Vater spricht. Typische Eltern-Sohn-Gespräche im Knast sind zu sehen. Sie waschen ihm den Kopf, weil er sich mit einem Ferrari einen noch dickeren Namen im Viertel machen wollte. Respekt erlange man doch anders, meinen sie. Und hier kommt auch das ganze Dilemma zutage: Coming of Age ist nie leicht, in einer Flüchtlingsfamilie in Deutschland ist das noch schwieriger. Wenn der Vater der Flüchtlingsfamilie aufgrund des Duldungsstatus in Deutschland 14 Jahre keine Arbeitserlaubnis erhält, dann zehrt das nicht nur an seinem Selbstbild als Ernährer. Die permanente Unsicherheit bringt ihr Übriges mit: Wie soll dann das möglich werden, was gemeinhin als Integration gefordert wird. Aber auch die patriarchale Kultur, in der ein Mann eben seinen Mann stehen soll, bricht in den kriminellen Geschäften von Yehya voll durch. Wenn Mackerhaltung und dicke Lippe noch versetzt werden mit religiösen Überzeugungen oder Floskeln wie »Allah ist mit den Aufrechten«, gibt es eben kein Halten mehr. So rückt ein zielloser junger Mensch in den Fokus, der eingeklemmt in ein wirres Vexierspiel aus vermeintlichem Ehrbewusstsein und einem Nicht-Opfer-Gestammel, traditioneller Erziehung und Aufwachsen auf der Straße, nicht weiß, wohin mit sich und seiner Kraft. Damit übersteigt der Film auch den Migrationshintergrund seines Protagonisten, denn in solcher Situation befinden sich auch andere junge Menschen. Und während Yehya bisweilen geläutert wirkt, muss der Zuschauer erleben, wie dessen Brüder allmählich selbst abrutschen. Dieser Dokumentarfilm erklärt nichts, schaut aber ganz genau hin, wo andere schon vorschnell urteilen. Und das macht diesen Film so eindringlich und sehenswert.

7.-9., 12./13.2. in der Cinémathèque in der naTo und
9.-15.2. in der Schaubühne Lindenfels

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