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Einen Knacks haben und trotzdem funktionieren

Alexej Meschtschanow ist Preisträger der 19. Leipziger Jahresausstellung

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Stahlrohre spielten die tragende Rolle bei der Eröffnung der 19. Leipziger Jahresausstellung. Während im Westwerk am Dienstagnachmittag noch Wände aufgebaut und die Beleuchtung optimiert wurden, zog die Jury von Werk zu Werk, um den 14. Preisträger zu küren. Die Wahl fiel auf den Ukrainer Alexej Meschtschanow.

Der vormalige Meisterschüler der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig überzeugte mit den zwei Arbeiten »Der neue Knopf« (2010) und »Blumenbank« (2005). Erstere kombiniert die Schwarz-Weiß-Fotografie eines Mannes mit einem geschweißtem Stahlrohr, der schützende Glasrahmen scheint von dessen Kraft gesprungen.

Im zweiten Werk wird Stahlrohr zur tragenden Stütze eines bunt-gekachelten Fliesentisches. Fast wie eine Prothese wirke das Rohr in beiden Werken, so die Interpretation der fünfköpfigen Jury, bestehenden aus Marcus Andrew Hurttig (Museum der bildenden Künste), Titus Richter (MDR Artour), Wolfgang Schilling (Best Side Story), André Schlaubke (Querdenker) und Rosi Steinbach, der Preisträgerin von 2011. Sie bescheinigte Meschtschanows Arbeiten »kraftvollen skulpturalen Ausdruck« und »spannende Kombination verschiedener Materialien«. Der Künstler würde mit ihnen »zentrale Fragen der menschlichen Existenz aufwühlen« und konnte sich somit unter den 37 ausstellenden Künstlern durchsetzen.

37 Künstler – darunter auch Hans Aichinger, Katharina Immekus oder Matthias Ludwig – das sind so viele, wie noch nie in der 20-jährigen Geschichte des 1992 wiedergegründeten Vereins »Leipziger Jahresausstellung«. Auch das Preisgeld wurde im Jubiläumsjahr auf 8000 Euro erhöht. Gefeiert wird doppelt: Die Gründung des ersten Vereins Leipziger Jahresausstellung vor 100 Jahren, unter anderem durch Max Klinger sowie die Wiederbelebung dieser Tradition vor 20 Jahren.

2012 blickt der Verein auf eine im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Geschichte quer durch Leipzig zurück. Ohne festen Ausstellungsraum gastierte die Leipziger Jahresausstellung von den Messehofpassagen bis zum Städtischen Kaufhaus in über einem Dutzend Orten. Diese Situation wird nun im Westwerk Programm. »Unterwegs«, das Motto der Ausstellung, thematisiert Nomadentum des Vereins wie Zeitgeist, erklärt der Vereinsvorsitzende Rainer Schade: »Es ist ein schönes Thema in unserer Welt, in der wir immer irgendwo unterwegs sind.« Trotzdem hat der Verein das »Unterwegs-Sein« satt: »Von der Beleuchtung bis zu den Hängewänden müssen wir uns ständig neu erfinden«, berichtet Schade. In der großzügigen Industriehalle des Westwerkes erzählen Briefmarken vom Unterwegs-Sein, Neonplakate waren in Leipzig unterwegs, bevor sie einen Platz in der Ausstellung bekamen und selbst die »Blumenbank« des Preisträgers verliert durchs Stahlrohr die Bodenhaftung.

»Es ist eine große Auszeichnung, dass einen die akademische Heimat so annimmt«, freute sich Alexej Meschtschanow, der in Berlin arbeitet und sich gestern spontan auf den Weg zur Ausstellungseröffnung nach Leipzig machte: »Ich nehme den Preis nicht nur in meinem Namen an, sondern auch im Namen derer, die wie meine Arbeiten einen Knacks haben und trotzdem funktionieren.«

19. Leipziger Jahresausstellung „Unterwegs“ bis 3. Juni im Westwerk
http://www.leipziger-jahresausstellung.de

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Dein Kommentar

  1. MaThe | 10. Mai 2012 | um 14:14 Uhr

    Ich war bei der 2009 „1 x 10 =20“ Ausstellung und das hatte mir damals echt gut gefallen. Vor allem das Konzept, das die vorangegangenden Preisträger einen neuen Künstler „präsentieren“ oder eher: einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen, mochte ich.

  2. m.g. | 12. Mai 2012 | um 22:30 Uhr

    Im wahrsten Sinne ein *netter* Text über eine Ausstellung, die in bester Jahresausstellungsmanier wieder Kraut und Rüben ist. Welche Beleuchtung wurde denn diesmal „erfunden“? Keine. Einige Arbeiten hängen unvorteilhaft im Dunkeln, einige vorteilhaft im Dunkeln.

    Vertreten sind übrigens 38 Künstler, und so viele gab es auch schon in der Vergangenheit, etwa bei der 15. Jahresausstellung“Tunnel“.

    Meschtschanow war übrigens nicht „vormals“ Meisterschüler. Er ist Meisterschüler. Vormals war er Meisterschülerstudent. Man muss mit einem Tunnelblick gesegnet sein, um ihn erst jetzt zu entdecken. Womit wir bei der eigentlichen Leipziger Tragik wären.

    „Ich bin der Hunger“ – nach frischerer Kunst, neuen Ausstellungsmachern & und dem Ende des Geltungswahns? Dank jedenfalls an Ute Richter.