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Wie ein nasser Lappen

Die Kolumne aus dem Heft: Der Bitprofessor

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Der Bitprof wartet auf die nächste Schlacht und hat dabei eigenartige Gedanken, die Liebe betreffend.

Computerspielen ist zuweilen eine sehr meditative Tätigkeit. Dabei kommen einem die eigenartigsten Gedanken. Zum Beispiel der hier: Liebe brennt wie ein nasser Lappen. Das ist ein altes jüdisches Sprichwort und darüber kann man ruhig mal nachdenken, während bei »Total War« die nächste Schlacht geladen wird oder man in »Battlefield 3« erschossen am Boden liegt. Dazu eine kleine Geschichte:

Ein Freund erzählte mir von seiner Oma, 84 Jahre alt. Die Dame war in guter Verfassung, stets schick gekleidet und sprach gern von ihrem Lover. Der war 87 Jahre alt, die beiden kannten und mochten sich seit mehr als 60 Jahren. Sie trafen sich in all der Zeit immer mal wieder bei Silvesterpartys, Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen. Inzwischen waren beide verwitwet. Es lag also nichts näher, als nun die letzten Jahre miteinander zu verbringen.

Das taten sie dann auch fast zwei Jahre lang. Dann rief Oma an und sagte, sie habe Schluss gemacht mit ihrem Freund. Er langweile sie, erzählte sie, kümmere sich nicht mehr richtig um sie und habe außerdem die unangenehme Angewohnheit, überall, wohin sie gingen, einzuschlafen. Liebe brennt wie ein nasser Lappen. Mein Kumpel war geschockt. Wenn selbst in höchstem Alter, an der Schwelle zum Tod, die Zweisamkeit am Alltag zerbricht, wie sollte er jemals der echten, ewigen Liebe vertrauen?

Ich glaube trotzdem dran – an die Liebe. Einfach so. Nasse Lappen glühen vor sich hin und verbrennen nie. Vielleicht sind sie ja aus Seide, duftend und weich. Und wenn das Strohfeuer der Verliebtheit dunkel, kalt und tot in Asche liegt, dann lacht das fröhlich glimmende Seidentuch sich ins Fäustchen. Ja, manchmal hat man eigenartige Gedanken beim Computerspielen. Zumindest so lange wie die Ladepause dauert.

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