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Hex, hex

Vom Zaunreiten, Hexenhämmern und Ü-Eiern in Pink

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»Nach der Schrift trifft es sich so bei einer schwarzen Seele, wenn sie sich in Hinabsetzung der eigenen Geschäfte um fremde kümmert.« Wäre der Inquisitor und Frauenverachter Heinrich Kramer mal bei seinen eigenen Geschäften geblieben, aber er musste ja mit dem »Hexenhammer« eines der folgenschwersten Bücher der europäischen Geschichte schreiben: »So werden die Hexen mit Worten und Werken doch als Abgefallene beurteilt.« Und wenn man sie erstmal als solche verurteilt hat, dann brennt die Hexe wie Zunder.

Jüngst war im Kunstraum D21 die Ausstellung »Hexen 2.0« von Suzanne Treister zu sehen. In ihren Tarotkarten nachahmenden, psychedelischen Drucken beschäftigt sich die Londoner Künstlerin mit dem technologischen Zeitalter und Gegenkulturen. Heidegger und Oppenheimer werden in ihrer netzartigen Arbeit abgebildet, der Summer of Love und Cybernetics ebenso thematisiert wie LSD und WWW. Seltsam nur, dass ein Aspekt der Popkultur ausgespart bleibt: Von Metal keine Spur.

Dabei haftet dem Metal nicht nur eine Sympathie für den Teufel an, er ist durchdrungen von Ketzertum und bietet Dystopien an allen Orten. Sei es als Maskerade oder aus gelebtem Luzifer-Fantum – unzählige Soundtracks zum Blocksbergritt liefert das Metal-Geschrammel: »Teufel, Hexen, Dämonen bereit / Zum Seelenraub / Leichenfrost, Glückseligkeit« (Totenmond). So viele Zeigefinger hätte Inquisitor Kramer gar nicht, um denunziatorisch draufzuzeigen. Vielleicht wäre ihm die Metal-Bandszene aber ohnehin zu männlich dominiert – wobei sich das ja gaaanz langsam ändert. Geärgert hätten ihn die Leipziger Black-Thrasher von Bitchhammer, die sein Hexenhammer-Werk dem Namen nach so schön verhohnepipeln. Und sind Metal-Headz nicht jene buchstäblichen Zaunreiter zwischen Zivilisation und Wildnis, von denen der Begriff Hexe abstammt? Nicht nur im Schlaf gebären sie Monstren.

Eine Art Hexenprozess – aus Sicht russisch-orthodoxer Patriarchen zumindest – fand vor anderthalb Wochen in Moskau mit der Verurteilung von drei Pussy-Riot-Aktivistinnen sein vorläufiges Ende. Dass die Verunglimpfung von Performance-Punk als religiöser Terrorismus in Leipzig keine Proteste auf den Plan rief, ist bedauerlich. Nicht hinnehmen allerdings wollte man hier, dass es jetzt Überraschungseier exklusiv für kleine Hexen-Lillifees gibt. Der Leipzig-Almanach hat hierfür ein hübsches Beispiel für Subvertising aufgetan. [Disclaimer: Der Autor macht beim Leipzig-Almanach mit.] Bleibt zu hoffen, dass Pink nicht das neue Schwarz wird.

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