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No Future auf der Grünen Wiese

Die Kinostarts im Überblick

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Von Realitätsverlust zu metapherschwangeren Plots und Totgesagten, die tatsächlich länger leben, spannen die Neustarts diese Woche einen großen Bogen. Ein Pärchen tourt auf äußerst sympathische und unterhaltsame Weise durch ein angeschlagenes Italien und ist sich uneins darüber, ob es dem Land lieber den Rücken kehren oder bleiben soll. Und der gestresste Iron Man bietet intelligentes wie humorvolles Popcorn-Kino.

Punks not dead? Totgesagte leben länger! Not ist der älteste Punk mit Hund Europas, sagt er selbst und lässt jedenfalls die notwendigen Attitüde nicht missen. Mit dem Vierbeiner zieht der ergraute Irokese durch die Gegend – zum Geburtstag der Mutter trifft er mit seiner Familie zusammen. Die Eltern haben einen Kartoffelimbiss in einem Einkaufspark. Der Bruder verkauft hier Betten bis zu einem Matratzen-Koller. Er wird rausgeworfen und Not nimmt sich seiner an, bringt ihm das Leben in der Freiheit der Grünen Wiese bei. Erneut hat das Regie-Duo Benoît Delépine und Gustave de Kervern (»Aaltra«, »Mammuth«) eine bittere Satire vorgelegt, die das spätmoderne Leben im Ganzen der Verdammung preisgibt. Konventionen jucken die Filmemacher nicht, surreal bis absurd sieht sich ihr zorniger Streifen an. Der Film wirkt, als hätten sie über weite Strecken einfach improvisiert, die Hoffnung auf einen guten Ausgang nie aufgegeben. Damit ist es natürlich genauso Essig wie mit dem Beginn der Weltrevolution auf dem Aldi-Parkplatz. Als hätte es den Ausverkauf des Punk nie gegeben, legt das wütende Gespann los, weiß nicht, was es will, aber ganz genau, wie man es bekommt … Anarchy in the Shopping Mall – No Future auf der Grünen Wiese! Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Der Tag wird kommen«: 2.-9.5., Kinobar Prager Frühling

Auf der Suche nach einem besseren Italien reisen die Journalisten Gustav Hofer und Luca Ragazzi sechs Monate lang durch ihr Heimatland. Nachdem ihre Wohnung in Rom gekündigt wurde, überlegen sie, ob sie das Land verlassen sollten wie ihre Freunde, die nach Berlin, Neuseeland oder in die Schweiz ausgewandert sind. Aber Hofer und Ragazzi sind sich nicht ganz einig und landen immer wieder in Gesprächen darüber mit ihren Landsleuten. Während der eine Italien wegen wachsender Perspektivlosigkeit gern den Rücken kehren möchte, schätzt der andere das Klima und das gute Essen. »Italy, Love It Or Leave It« ist ein unterhaltsames Spiel mit gängigen Klischees und zeichnet zugleich eine bizarres wie kritisches Bild des Mittelmeerstiefels.

»Italy, Love It Or Leave It«: 4./5.5., Kinobar Prager Frühling

Das New Yorker »Fugue String Quartett«: zwei Geigen, eine Bratsche, ein Cello. Drei Männer, eine Frau. Gemeinsam stehen sie kurz davor, ihr 25-jähriges Jubiläum zu feiern. Kein Wunder, dass die Vier nach einem Vierteljahrhundert gemeinsamen Spiels auch im Privatleben verbunden sind. Alexandra, Tochter der Bratschistin Jules beschreibt das Verhältnis ihrer Mutter zu ihren Musikerkollegen treffend mit den Worten: »Einer, den sie liebt, einer, den sie begehrt, und einer, mit dem sie verheiratet ist.« Der, mit dem Jules verheiratet ist, Robert, spielt im Quartett die zweite Geige. Doch als bekannt wird, dass Cellist Peter an Parkinson erkrankt ist und nur noch ein letztes Abschiedskonzert spielen kann, sieht Robert seine Chance gekommen. Metaphernschwanger erzählt Regisseur Yaron Zilberman in »Saiten des Lebens« eine Geschichte über Geltungsdrang, Liebe und Musik. Da ist es vor allem dem großartigen Schauspielensemble um Catherine Keener, Philip Seymour Hofman und Christopher Walken zu verdanken, dass das Ganze nicht ins Lächerliche abdriftet. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Saiten des Lebens«: ab 2.5., Passage Kinos

Als einer der bedeutendsten Mitglieder der sogenannten »New Hollywood«-Ära steht der Regisseur Brian De Palma für große filmische Qualität. Zu seinen Werken gehören wegweisende Gangsterfilme wie »Scarface« und »Die Unbestechlichen« oder der Psycho-Thriller »Carrie«. In den letzten Jahren allerdings bröckelt die glanzvolle Fassade des US-amerikanischen Filmemachers ein wenig. Nach fünf Jahren Schaffenspause kehrt De Palma nun mit dem Erotik-Thriller »Passion« zurück auf die Leinwand. In diesem setzt die erfolgreiche Businessfrau Christine (Rachel McAdams) alles daran, ihre Führungsposition in einem Berliner Werbeunternehmen zu festigen. Das bekommt auch ihre Mitarbeiterin Isabelle (Noomi Rapace) zu spüren. Brian De Palmas Film ist ein Remake des französischen Thrillers »Love Crime« von Alain Corneau. Nach Einführung der Figuren und des Konflikts verliert sich die Inszenierung aber in einem Sammelsurium aus Genre-Zitaten und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion innerhalb der Erzählung verschwimmen zu stark. Darunter leidet eindeutig die Spannung, so dass in »Passion« allein das Darstellerinnen-Trio Noomi Rapace, Rachel McAdams und Karoline Herfurth durch seine gelungene Verkörperung böser Weiblichkeit punkten kann. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Passion«: ab 2.5., Passage Kinos

Der inspirierende, Mut machende Dokumentarfilm »Voices Of Transition« lässt in einer sensiblen Patchwork-Montage die wichtigsten Protagonisten des agrarökologischen Wandels zu Wort kommen: In Frankreich, Großbritannien und Kuba zeigen uns Landwirte und Wissenschaftler, Permakulturdesigner und Pioniere der Transition-Town-Bewegung, wie man den Herausforderungen von Klimawandel, knappen Ressourcen und drohenden Hungersnöten mit radikal neuen Wegen begegnen kann. (Text: Passage Kinos)

»Voice Of Transition«: 1.5., 19:30 Uhr, Passage Kinos, in Anwesenheit des Regisseurs Nils Aguilar

»Bier ist nicht Sauferei, Bier ist Nahrungsmittel«, lernt der US-Amerikaner Matt Sweetwood auf seiner erhellenden Deutschland-Tour, bei der er Brauereien, Hopfenbauern, Volksfeste und Stammtische besucht. Das Prinzip dieser Art Dokumentarfilm ist bekannt: Um die Deutschen besser zu verstehen, wird von außen ein Blick auf ein kulturelles Phänomen geworfen. Liebevolle Animationen alter Bier-Dioramen sowie Kupfer- und Holzstiche lassen die Historie lebendig werden. Wie der bereitwillige Protagonist die heutigen Rituale beim Brauen und Feiern am eigenen Leib kennenlernt, ist gut eingefangen, sinnvoll erzählt und lustig bis absurd anzuschauen. Leider nur am Rande Thema ist das Problem des Alkoholismus oder die marginale Rolle der Frau als schmückendes Beiwerk und Servierkraft. Sprüche dieser Art fallen jedenfalls genug. (DOK.MA, 2012)

»Beerland«: ab 2.-4., 6./7.5., Kinobar Prager Frühling, am 4.5. in Anwesenheit des Regisseurs

Kriminalhauptkommissar Bernie Reid (Gabriel Byrne) ist körperlich am Ende. Er hat seit Wochen kaum mehr eine Minute geschlafen und lässt sich stattdessen stundenlang durch die Londoner Nacht treiben. Und nun hat er auch noch einen neuen Fall: Ein Mann wurde in einem Apartment erschlagen. Doch Reids Konzentration gilt weniger dem Mord als der schönen Anna Welles (Charlotte Rampling), die er am Tatort im Vorübergehen erblickt hat. »I, Anna« erzählt eine düstere Geschichte über Einsamkeit, Verlust und Liebe. Überzeugend hat Barnaby Southcombe seinen Erstlingsfilm ins Kostüm des Film Noirs gesteckt – und mit Rampling und Byrne zwei überzeugende Hauptdarsteller gewonnen. Allerdings kränkelt sein Film auf inhaltlicher Ebene. Die Verstrickungen der Hauptfigur Anna erscheinen zu erzwungen und Southcombe verliert sich ein wenig in den Bemühungen, die mystische Aura dieser Figur aufrechtzuerhalten.

»I, Anna«: ab 2.5., Passage Kinos

Iris (1917-1990) und Peter von Roten (1916 – 1991) sind das Schweizer Pendant zu Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Iris und Peter lernen sich an der Uni Bern kennen. Iris ist eine modern-weltoffene, idealistische und lebenshungrige junge Frau aus liberal-protestantischem Zürcher Elternhaus. Peter seinerseits ist ein origineller Querdenker. Iris verliebt sich in Peter. Sie will diese Liebe kompromisslos zu ihren Bedingungen leben und lehnt das traditionelle Frauenbild der damaligen Schweiz ab. »Verliebte Feinde« erzählt nicht nur die Geschichte dieser Galionsfigur der europäischen Frauenbewegung. Iris und Peter von Roten haben auch in ihrer Liebesbeziehung gezeigt, dass es einen Ausweg aus der Trostlosigkeit der bürgerlichen Moral gibt.

»Verliebte Feinde«: ab 2.5., Passage Kinos

Charlie war mal ein cooler Typ. Und im Fall von »Charlies Welt« kann man – dank der Namensgleichheit – über Filmfigur und Hauptdarsteller Charlie Sheen gleichermaßen sprechen. In beiden Fällen aber bedauerlicher Weise nur in der Vergangenheit. Beginnen wir mit dem Film: Charles Swan III. ist ein Frauenheld, der Cadillac fährt und ein eigenes Design-Büro besitzt. Doch als ihn seine Freundin verlässt, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht und Charlie flüchtet sich in Fantasien von sexy Frauen-Geheimbünden und halbnackten Indianerinnen. Auch Bill Murray taucht als Charlies Manager in Cowboy-Kluft in diesen Tagträumen auf. Doch die Frage drängt sich auf, was ein eigentlich ernstzunehmender Schauspieler wie Murray in diesem Blödsinn verloren hat. Denn der Plot ist flach. Charlies Erlebnisse sind nur lose aneinandergefügt und lieblos erzählt. Dass Regisseur und Drehbuchautor Roman Coppola auch an dem überragenden Skript zu Wes Andersons »Moonrise Kingdom« mitgeschrieben haben soll, ist schwer zu glauben. »Charlies Welt« hält sich an stereotype Charakterisierungen und jeder Versuch, darüber hinauszugehen, misslingt. Charlie selbst ist eine mäßige Karikatur seines Darstellers Charlie Sheen. Die ganze Kritik können Sie im aktuellen kreuzer nachlesen.

»Charlies Welt – Wirklich nichts ist wirklich«: ab 2.5., CineStar, Schauburg

Unser Autor Martin Schwickert hat sich für uns »Iron Man 3« angesehen. Sein Statement lautet: Intelligentes wie humorvolles Popcorn-Kino über den Self-Made-Man mit posttraumatischen Stresssymptomen.

Filmfutter fernab der Neustarts:

Schau Vinterberg

Die Schaubühne nimmt Thomas Vinterbergs »Die Jagd«, der seit Ende März in den deutschen Kinos zu sehen ist, zum Anlass und widmet dem Regisseur eine Filmreihe, die einen Einblick in dessen Schaffen gewährt. Gezeigt werden neben Vinterbergs aktuellem Werk auch »Das Fest«, »Dear Wendy« und »It’s All About Love«. ab 1.5., Schaubühne Lindenfels

Filmriss Filmquiz

Denn sie quizzen nicht, was sie tun. Lars Tunçay & André Thätz fragen sich quer durch die Filmgeschichte und haben jede Menge tolle Preise im Gepäck. 2.5., Conne Island

Weitere Filmbesprechungen und -tipps finden Sie hier und in unserer Printausgabe.

Gute Unterhaltung im Kinosessel!

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