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Die Ergonomie der Abstände

Wie es so ist, Sandsäcke zu schleppen

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Hochwasser in Leipzig? Der Kollege Christoph Graebel wollte nicht untätig vor dem Rechner sitzen und ist mal losgefahren. Pumpen holen und Sandsäcke weiterreichen. Ein Bericht aus der Kette.

Plötzlich hat Leipzig ein blaues Band. Die Stadtverwaltung veröffentlicht am 3. Juni eine Karte vom Leipziger Hochwassergebiet. Dunkelblau, wo’s schnell nass wird, hellblau, wo’s erst später nass wird. Wasser in der Südvorstadt? Unvorstellbar. Meine Heimstatt im beschaulichen Dölitz-Dösen ist weder hell- noch dunkelblau. Irgendwie gut so. Fühlt sich aber auch alles sehr theoretisch an. Dann kommt der Anruf vom Schwiegervater. Ob ich mal jetzt bitte bei seiner Arbeit vorbeifahren könnte, um die Süffelpumpe zu holen. Das Heiligtum des Betriebes. Es ist 11 Uhr vormittags. Ich sitze im kreuzer-Büro und gucke öffentlich-rechtliches Internet-TV. Ich möchte heute niemanden anrufen und sagen: »Apropos Hochwasser, mit einer Anzeigenschaltung helfen Sie, den kreuzer vorm Untergang zu bewahren.« Ich möchte aber auch nicht immer lesen, dass in Kleindalzig der Pegel steigt. Ich weiß gar nicht, wo Kleindalzig liegt. Ich muss nachgucken. Ach da, neben Großdalzig (logisch) und am Zwenkauer See. Warum, frage ich mich, lassen die den nicht volllaufen? Später erfahre ich, dass das – mein neuer Lieblingsname – Entlastungsbauwerk Zitzschen schon geöffnet wurde. Zitzschen ist bereits offen. Komisch beruhigt, weil ich nicht weiß, was ein offenes Zitzschen genau bedeutet, fahre ich zu Schwiegervaters Maloche. Frau Pförtnerin hat keine Ahnung, aber die Kollegen lassen sich bereitwillig beim Mittag stören. Süffelpumpe ins Auto, Zündung an. Nüscht.

Wie einem richtigen Fluthelfer machen auch mir Pfützen und Wasserstände bis 40 cm Tiefe überhaupt nichts aus. Solange ich im Auto sitze. Durch so eine Pfütze war ich zuvor gesaust. Als Fluthelfer hat man es eben eilig. Motor nass – ich warte mit Schwiegervaters Kollegen, dass er trocknet. Ein VW Amarok wird aufgefahren, er soll meinen »Citrong« in Schwung bringen. Das lässt der sich nicht gefallen und springt wider Erwarten doch an. Auf nach Borna.

Scheiße in der Stube

»Da musste bitte hinten rum fahren, bei den Neubauten und dann durch die Schluppe und da stellste dich hin.« Alles andere sei schon zu. Also voll mit Wasser. Whyra heißt das aufgequollene Bächlein. Angekommen, Pumpe gesackt und durch die Gartensparte und am Sportlerheim vorbei. Der Sportplatz vom FC Wampe ist ein See. Irgendwer sagt »Wasserball«. Am neuen Ufer liegen zwei Ziegelsteine: »Markierung, wo’s steht.«

Vor dem Haus der Schwiegereltern stehen Nachbarn und Nachbarn und noch die von oben aus der Straße, deren Nachbarn schon evakuiert wurden. »Denen steht die Scheiße in der Stube.« Scheiße, das.

Drei Gartenwasserpumpen versuchen in Schwiegerelterns Wasserschacht den aufbrausenden Grundwasserspiegel unter dem Kellerniveau zu halten. Damit Nachbars Scheiße bleibt, was sie ist: Nachbars Scheiße. Aber die Pümpchen schaffen das nicht. Süffelpumpe mit Starkstrom und Feuerwehrschlauch aber schaffen das. Ran den Schlauch, rein das Ding, rein den Stecker, raus zum Sportplatz das andere Schlauchende. Wasser marsch! Kaffee, Kuchen.

Im Carport steht der Gefrierschrank und brummt. Sicherheitshalber musste er aus dem Keller ausziehen. Im Keller steht alles auf Ziegelsteinen. »Wann habt ihr das denn alles gemacht?« – »Die Nacht.« Irgendwie wird mir an dem Sicherheitsaufwand klar, dass da nicht nur der Sportplatz unter Wasser steht. Irgendwie ist das alles echt scheiße. Das Warten darauf, dass das Wasser kommt und das Hoffen darauf, dass es nicht kommt.

Garten unter Wasser

Ab nach Hause, denke ich, bevor Borna die Schotten dicht macht und wir im Kaufland übernachten müssen. Rückfahrt funzt super. Mutter ruft an und fragt, wie es so läuft. Läuft bisschen viel gerade. Wie geht’s in Borna? Wie geht’s in Pegau?

Ach, Scheiße, die Pegauer. Ausgeblendet. Die wohnen doch in Hörweite der Weißen Elster, dem Drecksbiest. Pegau anrufen: Garten unter Wasser. Das größte Übel kommt noch. Der Hang schützt bisher das Haus. Gottseidank gibt’s keinen Keller. Der Bürgermeister hätte gesagt, wir sollten uns auf das Schlimmste einstellen. Der hätte sogar vom Talsperrenmeister schon einen Rüffel bekommen, weil er sich erlaubt hatte zu fragen, warum Zitzschen nicht früher geöffnet worden wäre. Landestalsperrenmeister Bobbe (auch so ein Name) taucht ab Montagabend in jedem Hochwasserbeitrag auf. Print, Online und TV. Hier jetzt also auch. Reicht aber.

Ich klemme bei Facebook. »Hochwasser 2013«, »Vermutliche Jahrhundertflut« oder so ähnlich heißen spontan eröffnete Gruppen. Pegelstände werden ausgetauscht, Wasserstände und dergleichen bekanntgegeben. Ich rufe noch mal in Pegau an. Zustand unverändert besorgniserregend. Ich rufe in Borna an. Pumpe läuft und ein besorgniserregender Zustand ist noch kein Katastrophenfall. Noch nicht. Das ist das eigentlich Besorgniserregende.

MDR Aktuell sendet Sondersendungen. Und Leipzig Fernsehen auch. Dort höre ich, in Kleinpösna werden Sandsäcke gefüllt. Da braucht es Leute. Unter Umständen mache ich das am Dienstag, denke ich noch und schlummere doch irgendwie beruhigt ein.

Helfer für Hirschfeld gesucht

Dienstag, 4. Juni. Aufwachen um 6 Uhr. Der Fußboden glänzt. Ist das Wasser? Nein. Es ist lediglich sauber. Kaffee läuft. Ich entdecke die zahlreichen Online-Ticker. Wasser steigt überall. Leipzig hat die Nacht überstanden. In Borna steht das Wasser. Ein Damm bei Pegau sei gebrochen. Ich rufe Borna an. Alles gut. Die Süffelpumpe hat bis frühmorgens das Grundwasser weggepumpt. Ich rufe in Pegau an. Keiner geht ran. Ich rufe sofort noch mal an. Lage nach wie vor angespannt. Der Pegel steigt aber weiter.

Ich fahre ins kreuzer-Büro. Um 10 Uhr platzt mir der Kragen. Ich hoffe, dass das Internet ausfällt. Ich hoffe, dass der MDR Mediathek-Streamingserver absäuft. Mir fallen nach und nach immer mehr Leute ein, die in den genannten Orten wohnen. In den unfassbar vielen Orten. Außer in Zeitz, Greiz und Schleiz – da kenne ich wirklich niemanden. Diese und andere Orte rücken auf einmal so nah an mich heran, theoretisch. Auch Passau ist plötzlich ums Eck. In Passau wurde sogar das Mittelalter getoppt. Welch Superlativ. Leipzig hat dann auch einen: Höchster Wasserstand seit 150 Jahren. Man lobe, denke ich mir, die Stadtbaumeister, die immer schon im Auwald lustwandeln wollten und ihn nicht bebauen ließen. Dahin kann die Weiße Elster auslaufen.

Apropos auslaufen. Mir platzt also der Kragen, weil ich nichts tun kann. Und dann steht im Onlineticker der Volkszeitungskollegen: Helfer für Hirschfeld gesucht. Ich suche Hirschfeld. Finde es auf Google-Maps bei Kleinpösna. Ein Kieswerk. Ich fahre hin. Voller Parkplatz mit Platzanweiser. Es folgen 300 Meter Fußmarsch. Im Schatten des großen Industriegebäudes, aus dem allerlei Förderbänder herausragen, türmen sich zwei Berge Sandsäcke. Und zwei Berge Sand. Frisch mit Sand gefüllte Plastikgewebebeutel wandern durch Menschenketten von Sandberg zu Sandsackberg. Einer winkt. Es ist ein Feuerwehrmann. Freiwillige Feuerwehr Kleinpösna steht an seiner Jacke. Freiwillige leiten Freiwillige an. Das scheint mir ein guter Plan. »Wir brauchen jetzt hier welche.« Da bin ich. Der letzte Bandscheibenvorfall ist vergessen. Eine Reihe bildet sich. »Stellt euch versetzt. Mit versetzter Blickrichtung. Das ist ergonomischer.« Ergonomische Freiwilligkeit. So machen wir das. Viele sind in Grüppchen gekommen. Man unterhält sich über meinen Kopf hinweg. Ich zügele die Rampensau in mir. Muss mich auf die Säcke konzentrieren. Sie kommen von links und gehen nach rechts. Meine Kette befindet sich an einer Position, an der die neuen anlanden, auf dieser Insel der Freiwilligen. Ständig kommen neue dazu. Die Kette wird recht eng. Hinter mir auf dem Sandsackberg sagt jemand: »Mal noch zwei Männer wären schön.« Ich drehe mich um, lasse den im Moment ankommenden Sandsack Sandsack sein und erklimme den Berg aus ebensolchen. »Wir machen hier erst mal die Kuhle voll.« Jetzt beginnt das Workout. Ich stehe auf dem Südhang, nehme die Säcke von unten rechts entgegen und gebe sie nach oben links weiter. Alle zehn Säcke ändere ich meine Position um 90 Grad. Wenn ich nicht mehr könnte, müsste ich einfach weggehen. Das wäre aber sehr Arschloch, weil die anderen zwei Herren meine Position dann überbrücken müssten, bis ein Nachfolger auf dem Hang steht.

Die Heils-Armee bringt Pfannkuchen

In so einer sandsackbefördernden Menschenkette ist es nämlich wie mit dem Regenguss im Böhmischen. An der Sandsackbefüllstation interessiert es keinen, ob ich gerade bereit bin oder nicht. Die Sandsäcke kommen. Den Dauerregen hat es auch nicht interessiert, ob die Hochwasserschutzmaßnahmen in Grimma abgeschlossen sind. Er ist einfach heruntergekommen, die Bäche sind angeschwollen und das Hochwasser kam.

Hier kommen nun also die Säcke. Eine Stufe unter mir steht einer mit einem »Baudienstleistungs«-Pullover. Der reicht die Säcke nicht zu mir weiter, er wirft sie. 120 Minuten stehe ich am Hang, fange Sandsäcke und reiche sie weiter. Werfen war nie meine Stärke. Jemand sagt »Pause«. Meine Kette macht Pause.

Und, frage ich mich, wie ist das jetzt? Unterhält man sich jetzt? Kommt die Kette nach der Pause geschlossen wieder? Wie lang ist die Pause? Der Feuerwehrmann vom Anfang fragt mich: »Was’n los?« »Pause.« »OK.« Es ist hier alles irgendwie irgendwie. Keiner weiß wirklich, was als nächstes kommt – aber keiner vermisst einen Plan.

In einem Feuerwehrzelt stehen Reihen von Apfelschorle- und Wasserflaschen. Ich bediene mich. Ein Transporter hält davor: »Die Heils-Armee« steht drauf. Die Heils-Armee bringt Pfannkuchen, also Berliner. Die Heils-Armee kannte ich nur aus Filmen. Jetzt ist sie hier. Mit lecker Gebäck. Pause, Pause, Pause.

»Billiger als das Fitnessstudio«

Nach der Pause kommen große LKWs von Feuerwehr und Stadtreinigung. Sie laden große Container vor den Sandsackbergen ab. Die werden jetzt befüllt. Wie eine Schar Hühner, die aus großer Entfernung eine Frischfuttergabe ausmacht und sogleich angerannt kommt, laufen die Freiwilligen in großer Zahl auf die kleinen Flächen zwischen Containern und Sandsackbergen zu. Ketten werden gebildet und die Sandsackberge wieder abgetragen. Rund 1.000 Säcke kommen in einen Container, höre ich. Ich habe keine Ahnung, ob das stimmt. Ich weiß auch nicht, ob ein Sandsack 2 oder 4 oder 7 Kilo wiegt. Verschiedene Zahlen werden genannt. »Die Säcke werden alle am Deich in Großzschocher gebraucht«, erzählt ein Mitfreiwilliger. »Ein paar gehen auch nach Dresden«, sagt ein anderer, während wir uns in ergonomischer Zickzackformation die Säcke weiterreichen. »Oh, Dresden«, denke ich. Ich hätte aber auch »oh, Grimma«, »oh, Bitterfeld« oder »oh, Halle« denken können. »Die Infopolitik ist nicht gerade super hier«, sagt jemand. »Welche Info brauchst du denn noch, außer: Der nächste Sack kommt bestimmt?« Eben. Die Info reicht hier den meisten. Was die alle machen, wo die alle herkommen, wie alt die alle sind, weiß ich im Übrigen auch nicht. Einer erzählt mir, dass er nach dem Ablegen sämtlicher Abiprüfungen viel Zeit hätte. Die interessanteste und dämlichste Frage des Tages stellen erst die Journalisten, die am Nachmittag das Wir-Gefühl einfangen wollen. »Warum machst du hier mit?« – »Warum wohl?« fragt manch Freiwilliger zurück und reicht die Säcke weiter. »Billiger als das Fitnessstudio«, »Ich dachte, das ist eine Jobbörse«, »Starke Frauen kennenlernen«. Meine Kette wirft sich Antworten zu. Immer wird noch einer draufgesetzt. Wie auf Klassenreise nach dem Bergfest. Alle etwas überdreht. Wir machen uns darüber lustig, dass die weit entfernte Stadtverwaltung auf Facebook postulierte, man solle nicht mehr nach Hirschfeld fahren, es seien ausreichend Freiwillige vor Ort. »Wer löst uns dann ab?«, fragen wir. Fragen wir uns. Und finden die Antwort: »Keiner. Weitermachen.« Wir wissen nichts. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass die Sandsäcke nur für den Hochwasserschutz da sein werden. Wo und wann sie zum Einsatz kommen, ob sie von THW-Händen getragen oder vom Bundeswehr-Hubschrauber abgelegt werden, interessiert uns alles nicht. Wir sind die, die die Sandsäcke weiterreichen. Zwischendrin versuche ich kurz, zu denen zu gehören, die die Sandsäcke füllen, was mir gar nicht liegt. Lieber weiterreichen. Wir sind die Kette. Fällt einer aus, wird die Kette neu geschlossen. In Ketten wie diesen kann das schwächste Glied auch mal ausgelassen werden. Diese Kette ist so gut, wie sie ist. Also gerät auch nichts aus den Fugen, als um 17.30 Uhr mein linker Arm schlapp macht. Der ist zwar nicht älter als ich, aber er ist anscheinend am Limit. Meine Kette sagt »Ciao«, ich sage »Tschüss« und trete heraus aus der Freiwilligkeit.

Während der Rückfahrt ruft meine Mutter an. Ich erzähle ihr von Ketten und Säcken. Erst erkundigt sie sich nach meinem Rücken und sagt dann: »Komisch, oder? Bei solchen Ereignissen rücken die Menschen doch wieder näher zusammen.« Ach so, dieses Wir-Gefühl. Ja, das stimmt. Ist aber auch anders nicht möglich, größere Abstände sind beim Sandsacken nicht ergonomisch. »Warum ist das wohl so?« »Mutter, ich weiß nicht.« Vielleicht ist das das Maximum an Zusammenhalt, dass die Leute aushalten. In Halle, lese ich einen Tag später, ist die Freiwilligkeit jedenfalls auch ausgebrochen. »Und«, fragt Mutter, »haben sie sich wenigstens bedankt?« »Ach, die wissen doch gar nicht, welcher Sack von mir ist.«

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