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Trouble in Plagwitz

Das Westwerk steht vor Veränderungen, die Mieter rüsten zum Widerstand

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Wird das Westwerk jetzt bald ein Parkhaus? Kommt da wirklich ein Billiard-Club rein? Fragen wie diese machten die Runde in Plagwitz in den vergangenen Monaten. Kündigungen und Äußerungen seitens des Eigentümers Christian Voigt beschwören schlechte Zeiten für die Kulturschaffenden, die im Westwerk ein Zuhause gefunden haben.

Nach aktuellen Informationen der Initiative »Westwerk retten« wurde bereits den Mietern einer gesamte Etage, in der sich unter anderem der Kunstraum Westpol befand, gekündigt. Auch der Computerverein »Sublab« muss nun zum 31. Juli raus. Anfang des Jahres erhöhte die Hausverwaltung die Nebenkosten um absurde 60 Prozent – für einige Mieter ist dies nicht mehr tragbar. Angeblich sei geplant, das Westwerk so aufzupeppen, dass es weiterhin finanzierbar bleibt, erklärt Westwerk-Verwalter Peter Sterzing in einem Interview mit der LVZ – und verweist auf den Supermarktbau am Felsenkeller. Die Umstrukturierungen würden »den Charakter und die Vielseitigkeit des Stadtteilzentrums nicht zerstören«, verspricht Sterzing. Der Bauwagen–Späti nebenan soll angeblich einem Parkhaus weichen, wobei aktuell noch keine Kündigung und auch keine konkreten Pläne für den Bau vorliegen.

Es befinden sich derzeit rund 100 Mieter im Westwerk. Laut Verwalter sind von den Veränderungen bisher nur ungefähr zehn davon betroffen. Unter anderem auch der Kunstraum Westpol, der, laut Sterzing, die letzten fünf Jahre die Räumlichkeiten mietfrei nutzte. Nach Erhöhung der Kosten ist dieser nun zahlungsunfähig und muss weichen. »Die Zeiten ändern sich, wir brauchen die freien Flächen«, behauptet Sterzing. Was nicht kommerziell vermarktungsfähig ist, wird offenbar unattraktiv. Sterzing gibt allerdings auch Entwarnung und sagt, dass es keine konkreten Pläne für einen Billiard-Club und einen Supermarkt gibt. Feststeht, dass bald Neuvermietungen und Umstrukturierungen an der Karl-Heine-Straße anstehen.

Schon letztes Jahr deutete Christian Voigt, Eigentümer des Westwerks, in einem Interview mit der »Donner und Reuschel Aktiengesellschaft« solche Veränderungen an. Bisher wollte der Vermieter sich dem kreuzer gegenüber zu der aktuellen Situation nicht äußern. Allerdings sei für die kommenden Tage eine Pressemitteilung geplant.

Das Westwerk bietet einen »selbstorganisierten Raum für Kunst und Kultur« und ist aus dem Leipziger Stadtteil Plagwitz nicht mehr wegzudenken. Das ehemalige Industrieareal bietet für viele Menschen einen Ort, an dem sie sich kreativ selbstverwirklichen können. Hier finden regelmäßig Veranstaltungen zu Kunst, Tanz und Film statt. Auch Konzerte oder Ausstellungen werden dankend angenommen. All das könnte sich in näherer Zukunft ändern.

Die Betreffenden sehen dem Ganzen aber nicht tatenlos zu. Mieterinnen und Nutzer des Westwerks sehen sich in ihrer Existenz bedroht, sind organisiert und rüsten zum Widerstand. Im Internet gibt es einen Blog der Initiative, die sich für den Erhalt des Westwerks einsetzt, sowie eine Facebook-Seite.

Für den 5. Februar ist ein Vortrag mit »Diskussion zu stadt- und kiezpolitischen Entwicklungen« angesetzt und am 11. Februar soll es einen »kreativen Demotag« geben.

westenwehrtsich.noblogs.org und auf Facebook unter »Westwerk retten«

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4 Kommentare

  1. Onlineredaktion | 27. Januar 2017 | um 14:58 Uhr

    Das „selbstorganisiert“ bezieht sich auf die Leute, die in dem Raum agieren, dort also Kunst und Kultur selbst organisieren.

  2. reflector | 28. Januar 2017 | um 00:54 Uhr

    Oh bitte Leute, vielleicht mal das Gespräch suchen…? 60% Nebenkostenerhöhung von was? 2 Euro? 10 Euro? – das Unbehagen bei diversen, sich überschlagenden Entwicklungen im Immobiliensektor unserer schönen Stadt teilen mit Sicherheit die meisten Leser dieser Seite, wie auch ich.
    Ich möchte aber an dieser Stelle alle selbständig denkenden und handelnden Individuen freundlich dazu anregen, nicht gleich jeden Hausbesitzer und -vermieter der Hexerei zu bezichtigen und auf den imaginären Scheiterhaufen zu stellen. Diese Menschen kann man – genauso wie andere Bevölkerungsgruppen auch: auf gar keinen Fall alle über einen Kamm scheren.
    der Herr XY bekommt gerade für sein Westwerk auf dem Immobilienmarkt einen Preis, von dem vor 10 Jahren keiner gewagt hätte zu träumen. Wär doch reichlich unintelligent, dem j e t z t dermaßen vor die Türe zu sch***** dass der die Schnauze voll hat und die Bude an den meistbietenden amerikanischen Investor verhökert. oder?
    Wäre dieser Mensch einfach nur profitorientiert, würde der g a a a n z a n d e r s agieren.
    Auch soziale Kampfbaustellen – in Situationen in denen durchaus die Möglichkeit bestünde, mit der gegenüberliegenden Seite ein für alle Beteiligten konstruktives Gespräch zu führen – gepaart mit übereifrigem Schnäppchenjägertum: zerstören unsere Stadt und unsere Gesellschaft.
    Ein Gebäude zu erhalten kostet Geld, nicht zuletzt weil auch der dafür zuständige Handwerker seinen idR nicht allzu großzügig ausfallenden Mindestlohn, der aber nun mal gesetzlich festgelegt wurde, bekommen möchte.
    also mal nachdenken, mal das Gespräch suchen, mal offen sein für die andere Seite, vielleicht auch ein bisschen Empathie, und den Wunsch haben, konstruktive Lösungen zu finden ! Ist manchmal gar nicht so schwierig.

    Wenn jetzt die grauen Zellen immer noch keine Aktivität zeigen, immer noch keine Bereitschaft dazu besteht, die hochgekochten Emotionen zu reflektieren und die irrationalen Ängste und impulsiven Wutanwandlungen zu hinterfragen, und auch dieses diffuse Gefühl einer stetig wachsenden, allumgebenden Bedrohung nicht weichen möchte – stehen die Chancen gut, kommenden Montag auf dem Richard-Wagner-Platz ein paar neue Freunde suchen… :-/

  3. reflected | 5. Februar 2017 | um 13:16 Uhr

    @reflector: Das was die Verwaltung in den Interviews erzählt ist sachlich genau genommen richtig, zeichnet aber trotzdem ein verzerrtes Bild.

    So waren die Räume des Westpols, die tatsächlich die letzten fünf Jahre mietfrei genutzt wurden, faktisch aufgrund des Zustandes auch unvermietbar. Durch die Überlassung an den Westpol hat der Vermieter also auch nicht unerheblich profitiert: Einerseits dadurch, dass damit im Westwerk mehr Öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen statt fanden, andererseits aber auch dadurch, dass die Gruppe Westpol als Zwischennutzer den Raum erhalten hat, zum Beispiel wenn nach einem Unwetter wieder kubikmeterweise Wasser durchs Dach gebrochen waren.

    Was die 60% angeht: das ist leider falsch angegeben – es bezieht sich auf die Gesamtkosten. Der Mieter von dem diese Zahl kommt hat seit neun Jahren regelmäßig Miete bezahlt, für Räume die komplett in Eigenleistung ausgebaut und nutzbar gemacht wurden. Mit der jetzigen Erhöhung der Gesamtkosten um 60% erscheint es ihm nicht sinnvoll die Räume im Westwerk zu halten, denn selbst in Innenstadtnähe gibt es Gewerberäume die bezüglich Preis/Leistung attraktiver sind.

    Weitere Ausführungen spare ich mir an dieser Stelle, aber vielleicht konnten diese zwei Beispiele zeigen, dass die Informationen die die Verwaltung an die Presse gibt nicht immer ein vollständiges Bild geben.