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And the Winner is?

Das Bewegungskunstpreisfestival feiert die Freie Szene

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Hermaphrodit, Don Quichotte oder der Labyrinthgänger: Wer wird am Wochenende den diesjährigen Bewegungskunstpreis absahnen? Dieser versteht sich als eine Auszeichnung von der Freien Szene für die Freie Szene. Mittlerweile wird er auf einem kleinen Festival vergeben. Die Nominierten zeigen ihre Kunst, bevor der Sieger in großer Gala gekürt wird.
UPDATE: Gewonnen haben Inga Gerner Nielson & Johannes Maria Schmit und die partizipative Performance »The Queeng of Ama*r«.

Aus 21 Bewerbern wurden die drei Besten der Saison 2015/16 ausgewählt. Dazu gibt es als Schmankerl Improtheater von Marko Mayerl und Matthieu Loos aus Frankreich. Mit 5.000 Euro ist der Preis eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Darstellende Kunst in Deutschland und dient der Förderung künftiger Inszenierungen. Lesen Sie nachstehend die Jurybegründungen für die Nominierten:

»Don Q. Fragmente einer Rittergeschichte«
Rico Dietzmeyer mit Theatergruppe Don Q, Leipzig

Hoch poetisch, mit Geschick und Gefühl bringen die drei Darsteller Miguel de Cervantes’ hochkomischen Abgesang der Blechbüchsenkrieger auf die Bühne. Bemerkenswert sind die fein gearbeiteten Masken und Figuren sowie ihre gute Führung. Der originelle Mix aus Puppen- und Sprechtheater fügt die Ritterlyrikfragmente zur ansehnlich wilden Jagd nach Chimären, Windmühlenflügeln und Bratwürsten.

»Solo Kause Zwieback. Kabasurdes Abrett Teil 3. Die Erweiterung des Labyrinths«
Wolfgang Krause Zwieback, Leipzig

WKZ ist unbestritten unser Held für Labyrinthe, rätselhaften Wegesystemen aus Gedanken und Worten mit abrupten Richtungswechseln. In seinem Solo »Erweiterung des Labyrinths« verschränkt er synästhetisch und cool Musik von Shaban mit Live-Malerei und scharf-poetischen Auftritten seiner Alter Egos. Und dieses Mal verliert er sich nicht, erschafft ein Riesengedicht von Wandern und Arbeiten – ist doch sein bester Dramaturg und im Fokus des Lebens!

»The Queeng of Ama*r«
Inga Gerner Nielsen & Johannes Maria Schmit, Leipzig/Kopenhagen

Diese Audienz für eine Person ist eine ungewöhnliche und nie einseitige Mischung aus absolutistischer Hofhaltung, Performance und Installation. Gemeinsam mit den Performern wartet der Zu-schauer der/dem Queeng von Ama*r, einem königlichen Hermaphroditen zu Besuch in Leipzig-Volkmarsdorf, auf. Die Durchführung des Rituals ist eine Erkundung des Verhältnisses von Luxus, Kunst und Armut. Am Ende findet man sich auf der Straße wieder, zwischen präpotentem Überfluss und schreiender Hartz IV-Armut, unsicher sinnierend über die eigentliche Bedeutung von Reichtum. Ein kluger und ungemein notwendiger Theaterluxus!

UPDATE: Gewonnen haben Inga Gerner Nielson & Johannes Maria Schmit und die partizipative Performance »The Queeng of Ama*r«. Die Laudatio lesen Sie hier im Wotlaut:

Dass das Theater immer ärmer wird, ist inzwischen ein alter Schuh. Der Theateroptimist möchte hinzufügen, dass das Verarmen des politischen und gesellschaftlichen Diskurses eine direkte Folge davon ist. Aber soweit wollen wir, Gott bewahre, heute Abend nicht ausgreifen. Wir lassen auch beiseite, dass Armut gerade heute eine Schande und eine schallende Ohrfeige für die menschliche Gattung ist. Denn Fakt ist, wenn man arm ist, kann man lamentieren, protestieren und sich nackt an Dinge ketten: Meist verändert sich nicht viel – sagen wir mal provokativ: NIX! Bleibt die Frage, was tut man, wenn man arm ist? Diese Frage, leider eine gute wie aktuelle, führt uns direkt zu den Preisträgern des Bewegungskunstpreises 2016.

Inga Gerner Nielsen und Johannes Maria Schmit laden uns erst mal auf eine Tasse Tee ein. Und zwar in einem Café auf der Eisenbahnstraße. Wie Sie wissen, ist die weit über Leipzigs Stadtgrenzen hinaus berüchtigt. Hier sei nur soviel zu diesem Ort gesagt, dass er so wunderbar disparat ist. Je nach Gusto kann man an diesem Viertel alles exemplifizieren, was in unserer Gesellschaft/Stadt schlecht oder eben auch gut läuft. In konservativen Begriffen ist er jedenfalls arm und eben deshalb hat sich der/die Queeng of Ama*r auch entschlossen, diesem Stadtteil Leipzigs einen Besuch abzustatten. Denn die Eintrittskarte, die der designierte Zuschauer per Mail bekommen hat, ist tatsächlich die Einladung zu einer Audienz bei ihrer/seiner königlichen Hoheit der/dem Hermaphroditen, die/der über eine Insel aus Unrat vor der dänischen Stadt Kopenhagen herrscht – wie später zu erfahren ist. Pro Vorstellung beziehungsweise Audienz ist genau ein Zuschauer geladen und so sitzt man im Café, blickt auf das Treiben auf der Eisenbahnstraße und harrt – vielleicht ein bisschen unbehaglich – der Dinge, die da kommen mögen.

Dann erscheinen vor dem Schaufenster des Cafés zwei freundliche, junge Menschen mit einem bunten Regenschirm. Sie sind die Maintainer der/des Queeng – also in etwa ihre/seine Unterstützer, Bewahrer, Verwalter, Pfleger oder Erhalter. Unter dem Schirm wird man über die Straße und in eine abgeschranzte Wohnung im HAL Atelierhaus geleitet. Dort beginnt die Vorbereitung auf die Audienz. Denn wie von den Performern völlig richtig eingeschätzt, weiß heutzutage kein Mensch mehr, wie man sich da verhält. Der Geladene wird über die/den Queeng unterrichtet und ihre/seine freundschaftlichen Kontakte zu anderen Königshäusern sowie ihrer/seiner großen Vorliebe für Glanz und Glamour und die Lust zu reisen. Letztere speise sich vor allem aus der Freude, die besuchten Orte in den Schein der/des Queeng zu rücken. Wesentlich für den Gast sind allerdings die Informationen über das zeremonielle Protokoll des 17. Jahrhunderts. Welch großer Gunstbeweis es ist, an den Verrichtungen des Herrschers Anteil zu nehmen und ihm nahe zu sein – anders als heute war die Beseitigung der täglich anfallenden Fäkalien ein kaum zu überbietendes Privileg. Irgendwann in den Ausführungen der Maintainer beschleicht den Belehrten die ungewisse Angst, ob er sich wirklich jeden Hinweis und jede Vorschrift wird merken können. In dieser Ungewissheit und mit der Aussicht nun bald Teil des zeremoniellen Protokolls zu sein, wird der Präparierte dann zurückgelassen.

Dass die tatsächliche Audienz dann den zuvor aufgebauten Erwartungshorizont völlig umkehrt, ist eine der Stärken der Performance. Kein dritter Darsteller wartet auf den Besucher, vielmehr besteht die Zeremonie darin, dass der Gast gemeinsam mit den Maintainern die/den Queeng erst zur Erscheinung bringt. Die in der Vorbereitung beschriebene Machtrepräsentation des Absolutismus wird konterkariert in der Audienz des/der Queeng. Denn die gelingt nur, wenn der Besucher selbst zum Komplizen und Erhalter des Herrschaftskörpers wird. Als genauso fragwürdig offenbaren sich die Gegenstände, die die/der Queeng dem Gast vorführt und die sie/ihn an verschiedene Erlebnisse und Orte ihres/seines Besuchs in Leipzig erinnern. Aus den verschiedenen Ecken des Audienzraumes hervorgeholt, bleibt es dem Willen zur Konspiration überlassen, in ihnen wertvolle Relikte oder einfach nur Müll zu erkennen.

Zwischen Ernsthaftigkeit und Lächerlichkeit – letztlich wird das Zwitterwesen durch beide Maintainer, die sich einer Badewanne drängen, dargestellt – schält sich langsam der Kern der Audienz heraus: Was bedeutet Armut? Welche Handlungsmöglichkeiten ergeben sich aus ihr? Welche Dinge besitzen wert? Gibt Momente im Leben, die von unserer angeblich vernunftbegabten Gattung nicht gemessen, gewogen und in die Verwertungsmaschine gesteckt werden können?

Dass sich diese Gedanken en passant zwischen den Zeilen, zwischen Ernst und offensichtlicher Unzulänglichkeit, ohne moralischen oder klassenkämpferischen Zeigefinger und ohne auf der Hand liegende Antwort entwickeln, ist die Meisterschaft der/des Queeng of Ama*r. Dass das Handfeste, Eindeutige, die einfache Lösung nicht das Ziel der Operation ist, kumuliert im letzten Teil der Audienz: dem gemeinsamen Traum mit der/dem Queeng, der faktisch nur in der Imagination des Besuchers stattfindet.

Es ist die große Qualität der Performance »The Queeng of Ama*r«, dass sie den Begriff der Armut reflektiert, ohne in Sozialromantik zu verfallen. Leise, listig und hintersinnig verführt die Audienz zu dem »revolutionären« Gedanken, dass Armut der wahre Reichtum ist: Weil der materielle Reichtum unsere Imagination verarmt, uns von unserem Gegenüber entfernt, Anerkennung und Wertschätzung nur qua Währung verteilen kann und damit einen Großteil der Menschheit ins Abseits schickt. Armut dagegen, das demonstriert die/der Queeng, erfordert Erfindungsreichtum, Solidarität, einen Sinn – oder viele – für das, was sich mit Geld nicht kaufen lässt.

Dabei – um es noch einmal unmissverständlich zu sagen – geht es nicht um ein Plädoyer für die Armut oder das Armsein. Vielmehr ist die Leistung von Inga Gerner Nielsen und Johannes Maria Schmit, dass sie angesichts der schier unerträglichen Aussicht, dass noch lange Zeit der größte Teil der Menschheit arm sein wird, eine Reflexion auf Armut versuchen, die sich aus Passivität und Ohnmacht herauszuwinden sucht. Dass sie dies mit großem Ernst, augenzwinkernder Leichtigkeit und einer ausgeklügelten aber unaufdringlichen Dramaturgie tun, macht sie zu verdienten Preisträgern des Bewegungskunstpreises 2016. Herzlichen Glückwunsch Inga Gerner Nielsen und Johannes Maria Schmit!

Bewegungskunstpreis, 3./4.2., Lofft, Schaubühne, naTo, http://www.bewegungskunstpreis.de

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