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»Menschen sollen das leben, worauf sie Lust haben«

Zwei Leipziger wollen einen alternativen Sexshop eröffnen

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Vegane Sextoys, feministische Pornografie, emanzipatorische Workshops: Mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne wollen Max Valerij und Claudia Mika in Leipzig einen alternativen Sexshop eröffnen. Im Interview erzählen sie, was den Unterschied zu anderen Sexshops ausmacht und warum es Zeit für einen alternativen Sexladen in Leipzig ist.

kreuzer: Mit eurem Laden voegelei wollt ihr »Sex aus der Schmuddelecke holen« und einen wert- und hierarchiefreien Raum schaffen. Was ist bei euch anders als in anderen Sexshops?

CLAUDIA MIKA: Das fängt damit an, dass wir uns die Ladeneinrichtung sehr hell und sauber vorstellen, mit Tageslicht. Es wird eine Sitzecke geben, wo man sich mit den Sachen auseinandersetzen kann. Ich sehe unsere Aufgabe darin, Leuten zu zeigen, dass es auch andere Formen von Pornografie gibt, die nicht in dem Sinne obszön sein muss. Viele Leute haben Lust, sich damit zu beschäftigen, aber das, was sie bisher gesehen haben, hat ihnen nicht gefallen. Es gibt tolle Angebote, die wir dann eben hier zusammenführen wollen.

MAX VALERIJ: Das Konzept erfinden wir ja nicht neu. Alternative Pornografie ist in Europa in den letzten Jahren gewachsen, es gibt auch viele kleine Sextoy-Manufakturen wie in Dresden. Wir tragen das zusammen, schaffen einen Raum, in dem es Alternativen zum Mainstream gibt.

MIKA: Die Menschen müssen Lust darauf haben, aber auch für sich selbst entdeckt haben, dass weder Beate Uhse oder Orion ihr Ding waren und sie auch im Internet nicht das gefunden haben, was sie suchen. Gerade wenn es um Spielzeuge geht, ist es ein enormer Unterschied, diese anzufassen und so zu fühlen, ob einem das gefällt. Dazu gehört auch eine gewisse Wertschätzung dem Menschen gegenüber, der seine Sexualität entdecken will.

VALERIJ: Wir wollen auch keine Produktverpackungen oder DVDs mit körperidealisierten Bildern in den Laden stellen. Es soll zunächst einmal ein wertfreier Raum sein, in dem man gucken kann, was es so gibt. Wir wollen Sachen, die diskriminierend wirken, nicht reproduzieren. Das ist eigentlich nicht schwer, denn es gibt viele gute Produkte.

kreuzer: Warum glaubt ihr, dass Leipzig so etwas braucht und es hier Erfolg haben kann?

VALERIJ: Das braucht jede Stadt.

MIKA: Wenn, dann hier. Es ist einfach Zeit für so einen Laden in Leipzig. Es gibt eine riesige studentische Szene, eine riesige alternative Szene. Man kann sich hier gut mit dem Thema beschäftigen.
VALERIJ: Dazu gehören auch die Geisteswissenschaften und die Kunstszene; es gibt eine große queerfeministische Szene, eine große linke Szene, eine große hippie-öko und vegane Szene. Wir glauben, dass einfach ein Markt dafür da ist. Der Laden hat aber auch das Potenzial, Menschen zu erreichen, die nicht Teil diese Szene sind. Denn im Mainstream werden Abweichungen von einer bestimmten Norm oft als Fetisch stilisiert, dabei sind das ganz normale Dinge. Die Mehrheit der Menschen ist groß oder klein, dick oder dünn, alt oder jung. Die Körperideale sprechen eigentlich nur wenige an: jung, attraktiv, weiß, schlank, makellos, durchtrainiert, keine Schwangerschaftsstreifen oder Pickel. Die Mehrheit ist stattdessen offen, anders, vielfältig. Wir haben zwar nicht auf alles eine Antwort, aber wollen da möglichst viel umsetzen.

MIKA: Wir wollen aber kein Szeneladen sein. Das wäre zwar einerseits schön, lohnt sich aber andererseits auch nicht.

VALERIJ: Und man verändert nichts.

kreuzer: Was wollt ihr denn durch einen solchen Laden verändern?

VALERIJ: Das gesellschaftliche Bild, den Umgang mit Sexualität. Einen offenen, anderen Umgang zu finden, auch mit der eigenen Lust und der eigenen Körperwahrnehmung. So, wie sie bisher präsentiert wird, ist Sexualität oft mit sehr unreflektierter, diskriminierender Pornografie verbunden. Dazu wollen wir eine Alternative schaffen. Mit Literatur, Filmen, Toys, aber auch Workshops, Kursen und Beratung.

kreuzer: Ihr werdet durch das Social Impact Lab, einem Gründerzentrum für Start-ups, gefördert. Was sind die Vorteile?

MIKA: Insbesondere Dinge wie Mentoring, Finanzierungsplan, Marketing, Strategien, Beratung. Es gibt verschiedene Stiftungen und Firmen, die dem Lab Gelder geben und verschiedene Programme – wir werden durch das Programm »Sozial und Gründer« gefördert. Dadurch, dass wir hier sind, haben wir auch ein Schreiben vom Social Impact Lab, dass wir Sozialunternehmer sind. Das macht schon einen anderen Eindruck.

kreuzer: Wie seid ihr dazu gekommen, das zu machen?

MIKA: Ich habe Sprachwissenschaften studiert und bin seit zwei Jahren Personalreferentin für mehrere Start-ups in Deutschland. Der Gedanke, nah an diesen Start-ups zu sein und irgendwann, wenn eine Idee kommt, auf die ich Lust habe, einzusteigen, war schon länger da. Auch Sexualität war lange Zeit ein Thema für mich, ich bin auch sehr offen erzogen worden.

VALERIJ: Ich mag Sex und fand Körper schon immer faszinierend. Ich habe mich viel mit Sexualität, Geschlechterrollenbilder, Missbrauch und anderen Themen auseinandergesetzt und habe eine Fortbildung zum Sexual- und Paarberater gemacht. Mir geht es darum, einen neuen Zugang zu Sexualität zu schaffen und nicht einfach bestimmte Sachen zu reproduzieren. Wir wollen kein Ideal schaffen. Menschen sollen das leben, worauf sie Lust haben. Da sind wir auch relativ wertfrei gegenüber dem, was Menschen machen.

kreuzer: Wollt ihr auch ein regelmäßiges Workshop- und Austauschprogramm anbieten?

MIKA: Es soll einmal im Monat einen größeren Workshop geben. Regelmäßig etabliert sollen auch Tage von Frauen für Frauen sein. Auch Lesungen können wir uns gut vorstellen. Das ist aber alles noch ein bisschen abhängig von den Räumen, die wir bekommen. Deswegen ist auch das Crowdfunding so wichtig. Je mehr finanzielle Sicherung wir haben, desto mehr können wir reinstecken. Wir haben Träume und Ideen, aber am Ende hängt es eben am Geld.

kreuzer: Habt ihr denn schon Räume?

MIKA: Wir haben uns schon einiges angeguckt, aber die Suche erst einmal nach hinten gestellt, bis das Crowdfunding durch ist und wir wissen, mit wie viel Geld wir planen können.

VALERIJ: Das ist auch nicht immer leicht, denn viele haben noch ein Bild von Sexläden, wie sie früher waren, stellen uns in die Schmuddelecke und wollen keinen Sexshop in ihrem Haus.

kreuzer: Wann wollt ihr aufmachen?

MIKA: Im September soll der Laden eröffnet werden. Ab Mai soll es aber erst mal einen Webshop geben. Dann wollen wir auch schon anfangen, Veranstaltungen unter dem Namen voegelei zu machen. Es ist eben wichtig, dass die Leute uns kennenlernen und merken, dass wir nicht die Perversen sind.

https://http://www.startnext.com/voegelei

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