Startseite / Literatur / Die Ausgelöschten

Die Ausgelöschten

Dino Bauks »Ende. Abermals.« ist ein seltener Roman über die slowenische Bevölkerungspolitik

dinobauk Größeres Bild

Die Geschichte beginnt im Nebel, im Herbst 1989. Dieser Nebel fühlt sich an wie etwas Vertrautes, etwas, an das man sich erinnert. Dessen man sich nicht mehr ganz sicher war bis zum Moment, in dem die ersten Sätze diese Erinnerung bestätigen. »Er mochte neblige Herbsttage, an denen man nur das sieht, was ganz nahe ist. In dieser kleinen Welt, begrenzt durch Wände kondensierter Feuchtigkeit, konnte er so tun, als wäre er allein: auf der Straße, in der Stadt, auf der Welt.« So beginnt der gerade auf Deutsch erschienene Roman »Ende. Abermals.« des slowenischen Autors Dino Bauk.

Natürlich ist Denis, um den es hier geht, nicht allein auf der Welt, noch nicht. Er ist auf dem Weg zu einem Rockkonzert irgendwo in Ljubljana, rauchend, selbstgewiss wie nur 16-Jährige es sein können, hoffend, dass ein Mädchen an der Bushaltestelle zur verabredeten Zeit auftaucht. Zuvor hat er seine Eltern mit  fadenscheinigen Erklärungen abgespeist, ist der Enge der Siedlung entflohen, in der ihm die Decke auf den Kopf fällt. Ahnungsvoll und ahnungslos zugleich hat er eine Vorstellung von der eigenen Zukunft, »glaubt fest daran, dass er nicht unbemerkt durchs Leben gehen« und vielleicht eines Tages Erfolg haben wird mit der Kellerband, die ihn und seine Freunde Peter und Goran zusammenschweißt. Die Weltläufe interessieren ihn nicht, »wenngleich die Berliner Mauer bereits in Trümmern war, auf dem Platz des Himmlischen Friedens tote Studenten lagen und der Osten seines Landes bedrohlich bebte.« Wie eine andere Tonspur dringen die Nachrichten zu ihm durch und haben doch nichts zu tun mit dem Sound, der sein Leben bestimmt.

Zwei Jahre später, 1991, wird Slowenien unabhängig sein und Denis in ein paar Monaten zu den Ausgelöschten gehören. Jenen rund 25.000 Menschen aus anderen jugoslawischen Teilrepubliken mit Wohnsitz in Slowenien, die die slowenische Staatsbürgerschaft nicht bekommen und von der neuen Regierung über Nacht aus dem Bevölkerungsregister gelöscht werden. Darüber wurde noch nicht oft geschrieben. Bauks in Slowenien vielbeachtetes Debüt ist neben Miha Mazzinis noch nicht ins Deutsche übersetzten Roman »Izbrisana« (Die Ausgelöschte) und dem neuen Buch von Goran Vojnović, Shootingstar der jungen slowenischen Literatur (»Die Feige«, 2018 im Folio Verlag), einer der wenigen Romane, in dem die öffentlich verschwiegenen, im kollektiven Gedächtnis Ausgelöschten eine Rolle spielen.

Bauk lässt seine Hauptfigur in den Erinnerungen seiner Freunde und seiner großen Liebe Mary, auf die Denis an jenem Abend gewartet hatte, weiterleben. Ihre Erinnerungen setzen im Moment der eigenen Krise ein. Goran und Peter telefonieren eines nachts, der eine wegen Korruption gesuchter Manager, der andere frustrierter, trinkender Beamter. Gorans Frage »Denkst Du noch manchmal an ihn?« katapultiert beide mit Wucht zurück. Und Mary? »Auf der Straße gingen die Lichter an, vom Himmel begannen Schneeflocken zu fallen, hinter dem Fenster im zwanzigsten Stock des roten Hochhauses in Brooklyn zeichnete sich die Silhouette einer schlanken, langhaarigen Frau ab, die durch das Fenster nicht auf die Straße blickte, sondern durch die Nacht und über den Atlantik, zwanzig Jahre zurück.« Marys Freund ist ausgezogen, aber sie denkt nicht über die gescheiterte Beziehung nach, sondern an ihren ersten Geliebten Denis. Ihre Bilanz am Ende dieser Nacht: »Alles war nur ein kürzerer oder längerer Stopp auf ihrem Weg, der sich vom zügellosen Aufsaugen von Freiheit über zielloses Umherirren zu immer neuen Zielen wand. Ziele, die sich stets als falsch erwiesen.«

Es ist die unabgeschlossene Beziehung zu Denis, dessen Spur sich 1994 im Bosnienkrieg verliert, nachdem er als offiziell staatenlos Slowenien verlassen musste und in die Armee einer anderen ehemaligen Teilrepublik eingezogen wurde, die Mary, Peter und Goran auf ihr eigenes Leben zurückblicken lässt. Was haben wir in all den Jahren gemacht? Die drei erscheinen dann im harten Licht, messen sie sich am kurzen Leben ihres Freundes. Sein Tod hatte nichts Heroisches, sondern war Folge undurchsichtiger politischer Verhältnisse und gesellschaftlicher Dynamik. Haftet den Szenen im nächtlich-nebligen Ljubljana etwas Vertrautes an, ähnelt der furiose Aufbruch von Denis, Mary, Peter, Goran dem Porträt einer Generation kurz nach dem Mauerfall in Chemnitz oder Leipzig, erzählen die Kapitel über das Auseinanderbrechen Jugoslawiens, den Krieg und den Neuanfang, unterlegt mit dem Soundtrack jener Jahre, die Geschichten der um 1970 in Jugoslawien Geborenen, von denen noch immer zu wenige übersetzt sind. Bauks Roman lässt die Wunden seiner Generation pulsieren und erzählt gleichzeitig eine schillernd-rotzige Liebes- und Freundschaftsgeschichte.

Dino Bauk: Ende. Abermals. Übersetzt aus dem Slowenischen von Sebastian Walcher. Wien: Hollitzer 2017. 220 S., 19,90 €
Dino Bauk im Gespräch mit Doris Akrap, 25.3., 15.15 Uhr, TAZ-Bühne

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare