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»Das kollektive Irresein nimmt nicht ab«

Der Künstler Hans Nevidal zeigt Brandschutzfilme an der Fassade der DNB – warum?

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Am 10. Mai 1933 krönte die Deutsche Studentenschaft ihre »Aktion wider den undeutschen Geist«, indem sie auf dem Berliner Opernplatz tagelang Bücher von geächteten Autoren verbrannte.
Anlässlich dieser Bücherverbrennung zeigt der österreichische Künstler Hans Nevidal am Mittwochabend Brandschutzfilme auf der Fassade der Deutschen Nationalbibliothek. Der kreuzer fragte nach dem Wieso, Weshalb und Warum.

kreuzer: Herr Nevidal, warum müssen wir uns Brandschutzfilme ansehen?

HANS NEVIDAL: Weil sich die Geschichte wiederholt. Das kollektive Irresein nimmt nicht ab. Ganz im Gegenteil, mit dem immer schnelleren Auftreten neuer Medien nimmt die Gedankenfreiheit nicht zu. Nein, vielmehr breitet sich Zensur- und Kontrollzwang immer mehr und weiter aus. Diese Tendenz bildet eine große Gefahr für die Zukunft.

kreuzer: Was bewegt Sie dazu?

NEVIDAL: Bisher sah ich das Anliegen prophylaktischer, psychosozialer Hygiene im Vordergrund. Dies ist durchaus doppelbödig gemeint, da manche das Vernichten von »zersetzenden Schriften« auch als Akt der Prophylaxe und der sozialen Hygiene sehen! Zusehends ängstigt mich jedoch die sehr hohe Zustimmung der Bevölkerung für totalitäre Politiker in immer mehr Ländern.

Auch wenn ich nicht daran glaube, mit Kunst die Welt zu verändern, ist mir meine Haltung wichtig. »Ich möchte noch in den Spiegel schauen können.

kreuzer: Sie zeigen seit 2000 Brandschutzfilme an der Fassade der Deutschen Nationalbibliothek im Wechsel von Frankfurt/Main und Leipzig unter einem besonderen Schwerpunkt. Welche Filme haben Sie für 2017 ausgewählt?

NEVIDAL: Ich begann 2000 in Frankfurt/Main und 2001 in Leipzig. Insgesamt sollen bis 2033 34 Aktionen zum 10. Mai stattfinden, die sich immer mit aktuellen Entwicklungen beschäftigen. Im vergangenen Jahr stand die Ukraine im Mittelpunkt. 2017 werden aus aktuellem Anlass US-amerikanische und türkische Brandschutzfilme zu sehen sein. Vor allem die Entwicklung in der Türkei ist beänstigend.

»Projektionen zum 10. Mai«: Mittwoch, 22 Uhr, an der Fassade der Deutschen Nationalbibliothek Semmelweissstraße / Ecke Philipp-Rosenthal-Straße

Hans Nevidal, geboren 1956 in Wien, erforscht als ausgebildeter Architekt und Experimentalgrafiker soziale Prozesse und Konflikte. Seit 1991 betreibt er den minimal-Verlag und die minimal-Edition. Seit 2000 projiziert er anlässlich des Jahrestages des Autodafés von 1933 Brandschutzfilme an die Fassaden der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt/ Main und Leipzig.
http://brandschutz.mur.at/

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