Startseite / Sport / »Zwischen Erfolg und Verdrängung«

»Zwischen Erfolg und Verdrängung«

Eine Ausstellung auf dem Thomaskirchhof erinnert an jüdische Sportler

sportausstellung Größeres Bild

Die Ausstellung »Zwischen Erfolg und Verdrängung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach« erinnert auf dem Thomaskirchhof an bisher kaum bekannte Geschichten. Ein Gespräch mit Kurator Berno Bahro über die Schau, Auswahl und Wissenslücken

Nicht nur eine Wissenslücke schließt die bis Anfang August auf dem Thomaskirchhof zu sehende Ausstellung »Zwischen Erfolg und Verdrängung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach«. Hier sind 17 überlebensgroße Figuren versammelt: Welt- und Europameister, Olympiasieger ebenso Trainer oder Funktionäre – wie der Mitbegründer des Deutschen Fußballbundes und Begründer des kickers Walther Bensemann. Doch Leipziger Sportler sind bei dieser Ausstellung, die neben Biografien, sportliche Erfolge auch historische Bewegtbilder über QR-Codes liefert, nicht zu finden. Vor 40 Jahren eröffnete in Leipzig zwar das erste deutsche Sportmuseum mit einer sehr umfangreichen Sammlung, aber seine Schließung 1991 führte leider nicht dazu, dass die Forschungen zu Orten und Akteuren in den letzten Jahrzehnten einen gebührenden Platz in der Stadtgeschichte erhielten, um nicht dem Vergessen anheim zu fallen.

An jüdische Sportgeschichte erinnert in der Dauerausstellung im Alten Rathaus nur eine Medaille des jüdischen Turn- und Sportvereins Bar Kochba, der sich zu Beginn der Zwanziger Jahre in Leipzig gründete, über 1.000 Mitglieder besaß und 1938 aufgelöst wurde. Auf seinem ehemaligen Sportplatz an der Delitzscher Straße wurden vor anderthalb Jahren die noch vorhandenen Spuren zerstört.

Grund genug, mit dem Kurator Berno Bahro, der an der Potsdamer Universität Zeitgeschichte des Sports lehrt, über die Ausstellung und jüdische Sportgeschichte zu reden.

kreuzer: Gehört jüdische Sportgeschichte zum festen Bestandteil von Museen oder muss dafür noch viel mehr geleistet werden?

BERNO BAHRO: Es ist erkennbar, dass die Thematik den Weg in die Museen findet. Es gab und gibt in den letzten Jahren zahlreiche Ausstellungen – so etwa 2009 »Vergessene Rekorde – jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933« in Berlin, erweitert um die Nachkriegsgeschichte von Makkabi und die deutsch-israelitischen Sportbeziehungen noch einmal in Berlin 2015 oder »Never walk alone – jüdischen Identitäten im Sport« im Jüdischen Museum München. Diese Ausstellung ist auch deshalb beachtlich, weil sie nicht von Sporthistorikern erarbeitet worden ist. Das Thema wird inzwischen also auch von Allgemeinhistorikern bearbeitet und museal aufbereitet.

Zum Allgemeinwissen zählt die Thematik sicher nicht, weil sich auch die Sportgeschichte noch zu sehr in einer Nische befindet. Deutschlandweit sind (im Osten wie im Westen) sporthistorische Professuren abgewickelt worden. Das ist in diesem Zusammenhang nicht förderlich. Diese Entwicklung müsste man umkehren. Die Allgemeine Geschichte entdeckt zwar mehr und mehr die Sportgeschichte, bleibt in der Regel aber bei der Bearbeitung populärer Themen wie Fußball oder Motorsport.

kreuzer: Wie und warum entstand die Ausstellung?

BAHRO: Die Idee für die Ausstellung entstand im Vorfeld der Maccabi Games in Berlin 2015 und ist eine Kooperation des Zentrums deutsche Sportgeschichte mit den Universitäten Potsdam und Hannover. Beteiligt an der Konzeption waren von Anfang an das Staatsministerium für Kultur und Medien und die DFB-Kulturstiftung.

kreuzer: Seit wann wird in Deutschland zur jüdischen Sportgeschichte geforscht?

BAHRO: Die sporthistorische NS-Forschung in der Bundesrepublik geht zurück auf Hajo Bernett. In der DDR wurde auch zur NS-Sportgeschichte geforscht, aber die Geschichte von jüdischen Sportlern spielte dort nur – wenn überhaupt –eine marginale Rolle. Bernett publizierte 1966 seine Dokumentation »NS-Leibeserziehung« und legte damit den Grundstock für eine Beschäftigung mit der Thematik. In den 1970er Jahren folgten weitere grundlegende Publikationen, wie beispielsweise Hajo Bernetts »Der jüdische Sport im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1938«, Kurt Schildes »Mit dem Davidstern auf der Brust. Spuren der jüdischen Sportjugend in Berlin zwischen 1898 und 1938« oder von den Herausgebern Eric Friedler und Barbara Siebert »Makkabi chai – Makkabi lebt. Die jüdische Sportbewegung in Deutschland 1898-1998«.

kreuzer: Nach welchen Überlegungen erfolgte die Auswahl der Sportler für die Ausstellung »Zwischen Erfolg und Verfolgung«?

BAHRO: Die Auswahl der Athleten erfolgte auf der Grundlage des Forschungsstandes (zu welchen Personen gibt es Informationen und Material). Darüber hinaus ging es darum, ein möglichst breites Spektrum abzubilden: Männer und Frauen, verschiedene Sportarten und Disziplinen, nicht nur Sportler, sondern auch Trainer und Funktionäre. Zuletzt sollten verschiedene Schicksale dargestellt werden: Ermordung, erfolgreiche und nicht erfolgreiche Flucht, in wenigen Fällen sogar Rückkehr nach Deutschland nach dem Krieg.

Die Schwimmerin Sarah Poewe bildet die Ausnahme als eine Art Brückenschlag in die Gegenwart: als erste jüdische Athletin, die nach 1945 wieder eine Olympiamedaille für Deutschland errungen hat.

kreuzer: Welche Reaktionen erhielt die Ausstellung bisher?

BAHRO: Die bisherigen Reaktionen waren überaus positiv, nicht nur in Berlin, während der Makkabi-Spiele, wo die Aufmerksamkeit sehr groß war, sondern an allen folgenden Orten. Das lag auch daran, dass in der Regel ein Begleitprogramm (zumeist Vorträge) und Führungen beispielsweise für Schulklassen von Institutionen vor Ort (Jüdische Gemeinden, Jüdische Museen, im weitesten Sinne Sportmuseen etc.) angeboten wurden. Durch die Zugänglichkeit ist die Anzahl der Besucher vergleichsweise groß, auch wenn sie teilweise ungeplant auf die Ausstellung stoßen. In jedem Fall ist das Interesse um ein Vielfaches höher im Vergleich zu einer Ausstellung, die indoor gezeigt worden wäre. Damit haben wir Erfahrungen. (Ende Juni kam es in Frankfurt/ Main zu Zerstörungen der Figuren von Walther Bensemann und der zehnfachen Deutschen Leichtathletikmeisterin Lillie Henoch, Anm. d. Red.)

kreuzer: In welchen Städten wird die Ausstellung noch zu sehen sein?

BAHRO: Die Ausstellung wandert nach Nürnberg, Karlsruhe und Dortmund.

»Zwischen Erfolg und Verdrängung – Jüdische Stars im deutschen Sport bis 1933 und danach«: bis 7.8., Thomaskirchhof
http://www.juedische-sportstars.de

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare