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»Ganz andere Arten des Denkens«

Die Zeitschrift PS setzt sich mit Ungleichheiten im Literaturbetrieb auseinander

PS-Redaktion, Foto: Katharina Manschik Größeres Bild

Das Magazin »PS – Politisch schreiben« ist eine Plattform, die aktiv in aktuelle Debatten des Literaturbetriebs eingreift und sie reflektieren will. 2015 gegründet, formuliert die Zeitschrift einmal jährlich »Anmerkungen zum Literaturbetrieb«. Der kreuzer hat mit den Redaktionsmitgliedern Kaśka Bryla und Carolin Krahl, Studierende am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL), sowie dem Beiratsmitglied Lena Vöcklinghaus, Promovierende im Graduiertenkolleg »Schreibszene Frankfurt«, darüber gesprochen, welche Art von Literatur momentan überhaupt sichtbar ist und wieso bestimmte betriebliche Strukturen überdacht werden sollten.

Fragen, die auch auf dem Merkur-Blog in einer aktuellen Debatte über Sexismus an Schreibschulen gestellt werden. Neben zahlreichen anderen Absolventinnen und Studierenden aus Leipzig, Hildesheim und Biel haben sich auch Bryla und Vöcklinghaus mit einem Beitrag an dieser Diskussion beteiligt.

(Anm. d. Red.: Die Interviewten bestanden darauf, mit »einer Stimme« sprechen zu wollen und bei ihren jeweiligen Antworten nicht individuell genannt zu werden. Darum »spricht« hier nun die Zeitschrift »PS«.) 

kreuzer: Welchen politischen Auftrag hat Literatur überhaupt?

PS: Literatur kann man nicht abtrennen von der Person, die sie schreibt. Weil wir alle in einer Gesellschaft leben, sind wir politisch, wenn wir schreiben – selbst wenn der Inhalt per se apolitisch ist. Literatur soll mehr als nur konkrete Statements transportieren, nämlich Möglichkeiten liefern, sich auf andere Welten einzulassen oder Figuren und Gedankengänge nachzuvollziehen. Um überhaupt eine Sensibilität für Anderes zu entwickeln und damit die Fähigkeit, darüber in gegebenem Rahmen urteilen zu können. Geschichten sollen erzählt werden, um Austausch zu schaffen. Das ist politisch, weil es eine gesellschaftliche Öffnung ermöglicht, die in der Literatur mehr Platz finden kann als in Debatten. Im Fiktionalen oder Fantasieraum kann man neue und ganz andere Arten des Denkens aufmachen.

kreuzer: Wieso soll der Literaturbetrieb einer Analyse unterzogen werden?

PS: Wenn Machtgefälle in gesellschaftlichen Strukturen vorhanden sind, gibt es die auch in deren Betrieben. Man muss sich Wege überlegen, wie man speziell dagegensteuern oder Dinge ändern kann und will. Unser Ansatz ist, marginalisierten Stimmen mehr Raum zu geben, ohne sie dadurch erneut zu marginalisieren.

kreuzer: Welche literarischen Stimmen vermissen Sie im Betrieb?

PS: Unser Konzept ist, Stimmen, die sich an den Rändern der Gesellschaft befinden, mit Stimmen, die schon Gehör finden, zu mischen. Dafür suchen wir Schreibende in Institutionen wie Gefängnissen, Frauenhäusern oder psychiatrischen Einrichtungen und Szenen, die eine bestimmte Positionierung haben, aber innerhalb des Betriebs weniger Chancen auf einen Platz. Im letzten Heft war unser Thema »Genie wider Kollektiv«, was wir auch im Verzeichnis zeigen wollten, indem wir nicht kenntlich gemacht haben, wer welchen Text verfasst hat. Denn es geht ja auch immer darum, wer über was schreiben und sich zu welchem Thema zu Wort melden darf.

kreuzer: Wer oder was entscheidet, welche Autorinnen und Autoren gesehen und gelesen werden?

PS: Da kommen verschiedene Tendenzen zusammen, die sich nicht auf eine Sache reduzieren lassen. Klar gibt es Verlage oder sozialgesellschaftliche Strömungen, die zu bestimmten Zeitpunkten mehr Aufwind bekommen, wie zurzeit Flucht und Migration, wodurch manche Themen und Autorinnen hervorgehoben werden. Auch in Jurys sitzen Personen, die oft schon seit längerer Zeit im Literaturbetrieb sind. Meistens sind das eben weiße, alte Männer. Dadurch werden – nicht mal böswillig, sondern eher aus Gewohnheit – bestimmte Themen hervorgehoben.

kreuzer: Welche strukturellen Gegebenheiten lassen es zu, dass manche Themen dominant sind?

PS: Das fängt im Kleinen an: In den Seminaren in Schreibschulen wird eine bestimmte Auswahl von Autorinnen und Autoren getroffen, die man liest. Das entscheidet, worauf man sich zu beziehen hat und was auch verstanden wird, wenn man sich darauf bezieht, also worüber man reden kann. Wenn man sich auf Kafka oder Foster Wallace bezieht, gibt es Anknüpfungspunkte und man wird im Gespräch ernst genommen. Wenn man aber zum Beispiel auf feministische Einflüsse verweist, ist das eher schwierig. Das hat auch mit der Auswahl der Lehrenden zu tun. Oft ist es persönlicher Geschmack, was in den Seminaren durchgenommen wird. Wenn man nicht überlegt, wen man vor sich sitzen hat, und nicht versucht, Interessen zu bedienen und Sachen abzubilden, die man nicht auf dem Schirm hat, sind meist einseitige Merkmale vertreten. Einstellungsentscheidungen können einen großen Einfluss auf Schreibprozesse haben. Wir freuen uns, dass die Diskussionen da gerade starten – über eine Frau in einer mächtigen Position am DLL zum Beispiel.

kreuzer: Welche Möglichkeiten gibt es, aufmerksamer für festgefahrene Strukturen zu werden?

PS: Wenn man in einer Verantwortung steht, muss man eigene Strukturen überprüfen und anfangen, sie zu hinterfragen. Auch wir bemerken in unserer Redaktion diese Doppelbödigkeit: Wir sind ja ebenfalls Autorinnen, die in diesem Betrieb versuchen zu funktionieren, aber gleichzeitig Gegenpositionen erarbeiten wollen. Wichtig ist immer, offen zu bleiben und zu glauben, dass man die Lösung nicht so einfach finden kann, für etwas, das so lange Zeit hatte, sich festzusetzen. Und: Nicht versuchen zu leugnen, dass man selbst diesen Einflüssen auch unterliegt.

 

http://www.politisch-schreiben.de

Dieses Interview erschien auch in der Juli-Ausgabe des kreuzer.

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