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Neue Runde Ecken

Die Vorstellung des B-Plans Nr. 438 wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet

Foto: Andreas Manecke Größeres Bild

An diesem Nachmittag kommen viele Interessierte in das Turmzimmer im Neuen Rathaus. Viel mehr, als die Stadt erwartet hätte. Es sollen die Pläne für die Sanierung eines verfallenden Plattenbaus am Clara-Park vorgestellt werden. Das Objekt ist bekannt, berühmt sogar, war es doch das Gästehaus des Ministerrates der DDR.

Regelmäßig stiegen Honecker und die Genossen hier zur Leipziger Messe ab, Ende der achtziger Jahre soll hier der Milliardenkredit an die DDR zwischen Franz-Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski ausgehandelt worden sein. Jetzt soll also alles in neuem Glanz erstrahlen. Viele mühen sich ab, um noch einen Stuhl in den ohnehin viel zu kleinen Raum zu schleppen. Ganz vorn sitzen fein säuberlich aufgereiht die Anzugträger. Sie gehören zu den Firmen, deren Namen an der großen Leinwand im Raum unter der Überschrift »Vorhabensbezogener Bebauungsplan Nr. 438« aufgelistet sind: »EBV Grundbesitz«, »Seecon Ingenieure« und »Homuth+Partner Architekten«.

Nach ein bisschen Eigenwerbung der EBV Grundbesitz wird endlich die für die Anwohner wichtigste Frage geklärt: Was passiert mit dem Grundstück? Architekt Peter Homuth erklärt, dass alle Gebäude Wohnhäuser werden. Zusätzlich zu dem Flach- und dem Hochbau wird ein drittes Gebäude errichtet, das sich aber von der Architektur her vom ehemaligen Gästehaus abheben soll. Es soll »runde Ecken« haben, sagt er. Das Publikum lacht. Homuth hält inne und sieht aus, als würde ihm gerade was einfallen. Egal, weiter gehts.

130 Wohnungen soll der Neubau später fassen, »die breite Masse ansprechen« und »bezahlbar sein«. Den Quadratmeter wird es kalt ab einem Mietzins von 10 Euro aufwärts geben. Damit aber trotzdem jeder die Möglichkeit hat, sich eine Wohnung in dem Gebäude zu leisten, würden die Wohnungen eben kleiner ausfallen. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung habe dann eben nur 45 Quadratmeter. Das Penthouse 200 Quadratmeter. Die Balkone sollen eine geschlossene Brüstung bekommen. In der Seitenstraße habe er leere Bierkästen und verwelkte Pflanzen auf Balkonen mit offener Brüstung gesehen, erzählt Homuth, das wolle er anders machen. Ein Mittel der Qualitätssicherung.

Ob man das Gebäude denn nach der Renovierung besichtigen kann, will eine Anwohnerin wissen, schließlich sei es ja ein Denkmal. Nein, die Gründerzeithäuser in der Stadt seien ja auch nicht öffentlich zugänglich, erklärt der Architekt. Dass das nicht das Gleiche ist, liegt wohl allen im Raum auf der Zunge. Nach ein paar weiteren kritischen Fragen zieht Homuth sein Sakko aus. Er schimpft über die CDU, die ihn beschimpft habe, als er das »hässliche« Gebäude unter Denkmalschutz stellen wollte. Es wird unruhiger. Ein alter Mann fragt, ob es denn Aufzüge geben wird. Im Hochhaus schon, entgegnet Homuth und lacht, die drei Stockwerke im Flachbau werde man ja wohl laufen können. Und wenn nicht, müsse man halt ins Erdgeschoss ziehen. Irgendwann drehen sich die Diskussionen im Kreis. Ob man ein Museum einbauen könne (»Eher nicht«) und das Heisig-Relief nicht außen angebracht werden könne, um es allen zugänglich zu machen (»Nein«)? Viele andere Fragen bleiben offen. Die Wohnungen finde man dann auf Immoscout im Internet, erklärt Grundstückseigentümer Praus auf Nachfrage. Vielleicht findet man dort auch die Antworten auf die offenen Fragen.

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