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Der Traditionelle

Leipziger Bundestagskandidaten im Porträt: Sören Pellmann, Die Linke, Wahlkreis Süd

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Am 24. September ist Bundestagswahl. Bis dahin stellen wir hier die wichtigsten Bundestagskandidaten aus den beiden Leipziger Wahlkreisen vor. Heute: Sören Pellmann, Die Linke. Lokalpolitisch erprobt statt progressive Neuausrichtung.

Wenn Sören Pellmann in seinem Grünauer Büro hinter dem großen Schaufenster mit Blick auf die Einkaufsstraße inmitten der Plattenbauten sitzt und von seiner Jugend dort erzählt, erinnert das ein bisschen an eine Szene aus dem Wenderoman »89/90« von Peter Richter. »Grünau zählte zu großen Teilen zur ›national befreiten Zone‹. Es gab keine Clubstruktur oder Ähnliches, wo man als Jugendliche hingehen konnte, wo man nicht Dresche gekriegt hat, wenn man nicht rechts war«, sagt der Fraktionschef der Linksfraktion im Leipziger Stadtrat. Während solche Situationen für die Protagonisten in Richters Roman vor allem Konfrontation, Chaos und Fassungslosigkeit bedeuten, so legten sie für den 1977 geborenen Pellmann entscheidende Grundsteine für seine linke Politisierung. Schon mit zwölf ging er auf Antifa-Demos, noch heute sieht man ihn auf zahlreichen Anti-Legida-Protesten. Mit sechzehn trat Pellmann in die PDS, die Vorgängerin der Linkspartei, ein. Für diese kandidiert er nach siebeneinhalb Jahren im Stadtrat nun für die kommende Bundestagswahl.

Seine Beweggründe sind pragmatisch. Der Lehrer hat schon während seines Jura- und Lehramt-Studiums immer wieder im Bundestag gearbeitet, damals als persönlicher Referent der Linken-Abgeordneten Heidemarie Lüth. Im Stadtrat habe er außerdem viel zur politischen und parlamentarischen Arbeit gelernt, was ihm nun auf Bundesebene nutzen könne. Hinzu kam, dass Parteigenossen ein »bekanntes Gesicht in der Stadt« wollten. »Jemanden, der sich das zutraut«, sagt Pellmann selbst.

Er traut sich. Mit seiner Wahl wagt die Linkspartei jedoch wenig Neues. Denn neben Franziska Riekewald treten aus Leipzig zwei Kandidaten an, die zum traditionellen Lager rund um Sahra Wagenknecht gehören. Ähnlich wie sein Vater Dietmar Pellmann und dessen enger Verbündeter Volker Külow repräsentiert Pellmann junior damit vor allem eine Linke der alten Garde, die nicht nur für Konformität und Ordnung steht, sondern auch eine Spur DDR-Nostalgie mit sich bringt.

Es wundert kaum, dass diese Riege immer wieder in Konflikt mit Vertretern eines neueren, emanzipatorischen Lagers kommt. So auch 2014. Damals meldete Parteikollegin Juliane Nagel infolge der Eröffnung eines Polizeipostens in Connewitz eine Kundgebung dagegen an. Das blieb auch aus den eigenen Reihen nicht unkommentiert. Kurzerhand distanzierte sich Pellmann von der völlig legalen, satirischen Aktion und solidarisierte sich mit der Polizei. Sinn für Humor und kollegiale Zusammenarbeit sieht anders aus. Pellmann selbst beschreibt den Vorfall als Lappalie, innerhalb der Fraktion sieht er »keine Konfliktlinien«. Auch die Zusammenarbeit mit SPD und Grünen im Stadtrat lobt Pellmann – und hofft daher auch auf Bundesebene auf eine Rot-Rot-Grüne-Koalition.

Zu seinen Wahlkampfthemen gehört neben den ihm vertrauten Themen Ordnung und Sicherheit sowie Bildungspolitik insbesondere der Kampf gegen Kinderarmut. »Auch ich musste schon erleben, wie sich Armut anfühlt«, erzählt er aus seinen Jugendjahren nach der Wende. Während er diese Zeit aufgrund zunehmender Freiheiten einerseits als positiv empfand, hinterließ der damit einhergehende soziale Abstieg seiner Familie bei ihm gleichzeitig einen bitteren Nachgeschmack. Denn der damalige Umbruch führte zur vorübergehenden Arbeitslosigkeit seiner Eltern und damit zu einer »Phase persönlicher Existenzsorgen«. Pellmann sagt, er könne sich aufgrund dieser Zeit anders in die von Armut betroffenen Menschen hineinversetzen als andere Politiker. Neben der persönlichen Verbundenheit aufgrund seiner Biografie liegt sein Hauptaugenmerk auch deshalb auf Grünau, dem Stadtteil mit der höchsten Kinderarmutsquote in Leipzig. Überhaupt ist Grünau der Dreh- und Angelpunkt des Politikers. Dort verbrachte er nicht nur Kindheit und Jugend, sondern auch einen Großteil seines Lebens, bevor er mit seiner Frau nach Plagwitz zog. Noch heute ist er an einer Grünauer Schule tätig. »Das ist eine Verbundenheit über viele Jahre hinweg, ich fühle mich hier zu Hause«, sagt Pellmann und wirkt damit mehr wie ein passionierter Lokalpolitiker als wie ein Kosmopolit.

Sören Pellmann ist sympathisch, aber kein Exzentriker. Keiner, der viel wagt. Mehr Reformist als Revolutionär. Er bringt zwar Erfahrung mit und bleibt den Themen treu, die ihn sein Leben lang prägten, zeigt sich dabei aber wenig progressiv. Damit steht er eher für die Wahrung alter linker Themen als für neuen Wind innerhalb der Partei. Große linke Neuerungen lassen sich im Falle seiner Wahl im Bundestag vermutlich nicht erwarten, kompromissorientierte Verbesserungen in Sachen Bildung und Kinderarmut schon eher. Sicher ist jedoch, dass mit der Wahl Pellmanns ein klarer Antagonist rechter Kräfte einen Sitz bekäme. Er findet nicht nur eine Kooperation mit der CDU problematisch, sondern positioniert sich auch klar gegen jegliche Zusammenarbeit mit der AfD. Denn wie Pellmann selbst beteuert, ist und bleibt er Antifaschist. »Das kriegt man nicht raus. Das will ich auch gar nicht rauskriegen.«

Weitere Porträts:
Daniela Kolbe, SPD, Wahlkreis Nord http://kreuzer-leipzig.de/2017/09/10/die-linke/
Thomas Feist, CDU, Wahlkreis Süd http://kreuzer-leipzig.de/2017/09/11/meinungsstarker-opportunist
Monika Lazar, Grüne, Wahlkreis Süd http://kreuzer-leipzig.de/2017/09/12/die-basisarbeiterin/

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