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»Ohne uns würde es nicht funktionieren«

Theresa Ingendaay über die Gründung der Fahrradkurier-Gewerkschaft

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Zeitdruck, schlechte Bezahlung, Eigenverantwortung für das Arbeitsgerät und kaum Absicherungen: Der Job als Fahrradkurier ist eine moderne Form flexibilisierter Prekarität. In Leipzig hat sich nun eine Gruppe aus Kurieren der Bestelldienste Foodora und Deliveroo zusammengeschlossen und die Gewerkschaft Deliverunion gegründet. Ziel ist es, die Arbeitsbedingungen derjenigen zu verbessern, die sonntagabends das bestellte Essen an die Haustür bringen.

kreuzer: Wie kam es zur Gründung der Deliverunion?

THERESA INGENDAAY: Die Idee gab es im Sommer schon mal, ist aber erst mal wieder eingeschlafen. Ein paar Monate später gab es wieder große Diskussionen, weil viele Fahrerinnen und Fahrer unzufrieden waren. Mir wurde dann grundlos gekündigt – ohne Entschädigung. Das war für mich der Grund, die Strukturen zu kritisieren. Der Unmut wurde immer größer und ein paar Leute haben sich zusammengeschlossen. Es war Zufall, dass Freunde von mir jemanden kannten, der bei der FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union) ist. Wir haben uns getroffen und dann ging es relativ schnell: Vor etwa einem Monat hatten wir unsere Betriebsgruppengründung.

kreuzer: Warum habt ihr euch für eine Zusammenarbeit mit der FAU und nicht für traditionelle Gewerkschaften wie ver.di entschieden?

INGENDAAY: Das ist durch die privaten Kontakte entstanden. Diejenigen, die sich bei der Deliverunion organisieren, sind alle aus dem linken Spektrum. Der basisgewerkschaftliche Ansatz der FAU war uns einfach sympathisch. Ich hatte auch mal mit ver.di Kontakt, aber eigentlich fühlt sich keine der traditionellen Gewerkschaften wirklich verantwortlich.

kreuzer: Eine Kritik an den Arbeitsbedingungen in der sogenannten Gig-Economy, also einem auftragsabhängigen, sehr flexibilisierten Arbeitsverhältnis, gibt es schon länger, nicht nur in Berlin, sondern auch in Großbritannien oder Frankreich. Was ist hier in Leipzig eure Kritik?

INGENDAAY: Die konkrete Kritik ist, dass diese Flexibilität hauptsächlich auf Seiten der Gig-Economy existiert. Für die Fahrer und Fahrerinnen ist es zwar auch flexibel, aber der Alltag sieht dann so aus, dass die meisten zwei, drei Schichten am Tag haben und zwischendrin mehrere Stunden frei, womit der ganze Tag zerschossen wird. Die Frage ist also, wem diese Flexibilität nützt. Die andere große Kritik ist, dass fast alle Mitarbeiter wenig vom Umsatz profitieren. Es gibt ein paar große Tiere und der Rest verdient neun Euro die Stunde, sogar unser direkter Vorgesetzter in Leipzig verdient nicht viel mehr. Dabei sind die Fahrer und Fahrerinnen essentiell für das Unternehmen. Ohne uns würde das Konzept nicht funktionieren. Das wird aber nicht wertgeschätzt. Zudem wird man die ganze Zeit gepusht und dein Telefon schaut zu, denn über die App wird getrackt, wie schnell du bist, wie lange du beim Kunden bist und so weiter. Manchmal bin ich gefahren und musste überlegen, ob ich gerade eine Bestellung im Rucksack habe oder nicht, weil ich gar nicht mehr selbst gedacht habe, sondern die App alles für mich gemacht hat.

kreuzer: Ihr fahrt mit euren eigenen Fahrrädern. Es gab kürzlich Verhandlungen über eine Kilometerpauschale für Verschleiß und Reparaturen.

INGENDAAY: Die sind bislang noch nicht erfolgreich. Die Gewerkschaft in Berlin fordert derzeit 34 Cent pro Kilometer. Ob das reicht, kann man so genau nicht sagen. Das kommt auf die individuelle Fahrzeit an. Angeboten hat Foodora jedoch lediglich fünf Cent. Auch wir werden eine Reparaturpauschale fordern.

kreuzer: Wie ist die Arbeit bei Foodora und Deliveroo jeweils organisiert?

INGENDAAY: Bei Foodora gibt es befristete Arbeitsverträge, bei Deliveroo arbeiten die Leute größtenteils selbstständig, also auf Honorarbasis. Da ist es noch mal krasser, denn sie bekommen kein Krankengeld, kein Urlaubsgeld und eben auch keinen Stundenlohn, da wird man nach Bestellung gezahlt. Da heißt es, man würde im Schnitt achtzehn Euro verdienen. Aber wenn du in drei Stunden keine einzige Bestellung kriegst, sinkt der Schnitt natürlich rapide.

kreuzer: Hängt ihr mit den Streiks in Berlin zusammen?

INGENDAAY: Diese Vernetzung soll jetzt passieren, in Berlin sind die Fahrerinnen und Fahrer ja schon etwas länger organisiert und verhandeln bereits mit den Unternehmen. Wir wollen uns aber von ihnen Tipps holen und aus den Erfahrungen lernen, die dort gemacht wurden. Aber auch, um unser Gruppengefühl zu stärken. Denn so etwas funktioniert immer nur auf der Solidaritätsebene, daher ist es wichtig, eine Instanz zu bilden, die auch so wahrgenommen wird. Die Gruppen sind aber alle lokalspezifisch, denn wenn Verhandlungen Änderungen erwirken, dann nur vor Ort und nicht bundesweit.

kreuzer: Wie viele Menschen seid ihr derzeit in der Deliverunion und was sind eure Pläne für die Zukunft?

INGENDAAY: Wir sind gerade noch in den Kinderschuhen und schauen erst einmal, dass wir uns hier aufstellen. Wir sind derzeit etwa acht bis zehn Leute im Kernteam. Es ist schwer zu mobilisieren, weil die Fluktuation so hoch ist, dass man keine Identifizierung mit dem Job hat. Aber es gibt Leute, die dranbleiben. Es wird sich zeigen, wie es weitergeht, wenn die Verhandlungen anlaufen. Das ist auch abhängig davon, wie offen die Unternehmen sind. Während der Verhandlungen in Streiks zu gehen, ergibt keinen Sinn, wir müssen erst mal schauen, wie sie laufen und dann gegebenenfalls Druck machen. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein paar Aktionen haben wir uns schon überlegt, aber der nächste Schritt ist,  erst einmal in Verhandlungen zu treten. In Berlin ist das aber eher schlecht gelaufen.

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