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»Damit die Leisen lauter werden«

Statt Brandsätze: Der Verein »Lauter Leise« fördert mit Kunst und Literatur Weltoffenheit, Neuigier und Toleranz

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Die Kartons sind ausgepackt, die meisten Ordner im Regal verstaut. Die Fenster des neuen Büros weisen in den weitläufigen Garten des Erich-Zeigner-Hauses. Frische Blumen sind schon da, ein Klingelschild fehlt noch. »Lauter Leise e. V.« wird darauf stehen. Diesen Verein haben Anna Kaleri und Tina Pruschmann vor einem knappen Jahr gegründet. Jetzt haben die beiden Autorinnen ihr erstes Vereinsbüro bezogen.

Das letzte Projekt liegt gerade hinter ihnen: Im sächsischen Frankenberg haben sie nach einem Rundgang über das Gelände des KZ Sachsenburg zwei Lesungen veranstaltet und mit Jugendlichen über die Bedeutung dieses fast vergessenen Ortes gesprochen. Nun gilt es, die Projekte für das neue Jahr vorzubereiten. Der Verein möchte sachsenweit Gespräche über Literatur in Gang setzen, möchte mit Kunst im öffentlichen Raum Pluralismus fördern. Über die Kultur Demokratie stärken.

Hervorgegangen ist »Lauter Leise« aus einer literarischen Initiative: Kaleri erzählt, wie sie im Februar 2016, nach den Ausschreitungen in Clausnitz, nächtelang nicht schlafen konnte: »Was ist eigentlich mit Sachsen los, habe ich mich gefragt. Kann ich hier weiter leben? Und wenn ja, was kann ich tun, damit ich mich wieder wohlfühle?« Kurz darauf rief sie »Literatur statt Brandsätze« ins Leben, eine Initiative, mit der sie ehrenamtliche Lesungen von sächsischen Autoren vor allem an Orte vermitteln wollte, in denen kulturelle Veranstaltungen eher dünn gesät sind. Schnell stellte sich diese Vermittlungsarbeit als so zeitintensiv heraus, dass Kaleri sie nicht mehr allein bewältigen konnte. Tina Pruschmann kam dazu, und innerhalb eines halben Jahres moderierten die beiden fast 60 Lesungen und führten die anschließenden Gespräche vorsichtig in die thematische Richtung, die ihnen am Herzen liegt – stets in der festen Überzeugung, dass Literatur einen wichtigen Beitrag leisten kann auf dem Weg zu einer offeneren Gesellschaft. »Empathie finde ich ein sehr wichtiges Wort in unserer Zeit«, sagt Kaleri. »Literatur kann als Brücke dienen, um sich empathisch in andere hineinzuversetzen, und dadurch das Verständnis füreinander stärken.« Pruschmann fügt hinzu: »Seit 2015 gibt es in der Gesellschaft eine starke Polarisierung, und Polarisierungen beruhen immer auf Allgemeinplätzen. Literatur besitzt die Fähigkeit zu differenzieren, dadurch kann sie pauschale Urteile ins Wanken bringen. Das ist ohnehin das, was mich an Literatur am meisten interessiert – ihre Fähigkeit, eine scheinbar klare Haltung zu verunsichern.«

Literatur kann als Brücke dienen

Für ihr Engagement wurde Anna Kaleri Ende 2016 der Lessing-Förderpreis des Freistaats Sachsen zugesprochen. Die Auszeichnung konnte ihre ehrenamtliche Arbeit finanziell etwas abfedern und zeigte ihr, dass sie sich auf dem richtigen Weg befand. Dennoch: Zu Lesungen kommen hauptsächlich Menschen, die eine gewisse Weltoffenheit schon mitbringen. Deshalb und weil die Arbeit ohne eine Struktur nicht mehr zu bewältigen war, ging »Literatur statt Brandsätze« vor einem knappen Jahr in dem neu gegründeten Verein »Lauter Leise« auf. Mit »Lauter Leise« bündeln Kaleri und Pruschmann noch mehr künstlerische Aktivitäten rund um Demokratie und Weltoffenheit. Oft greifen sie auf bereits bestehende Strukturen zurück. »Wir wollen das Rad nicht neu erfinden«, sagt Pruschmann. »Wir betreiben auch viel Vernetzungsarbeit, damit die Leisen lauter werden.« Ein Beispiel ist der Kunstcontainer des bildenden Künstlers Hans Ferenz, der Bilder von Flüchtenden aus der DDR aktuellen Fluchtbildern gegenüberstellt; eine Märzwoche lang stand dieser Container auf dem Augustusplatz. Oder die »Lauter Leise«-Sommertour, die im August vergangenen Jahres Autoren und Musiker in zwölf Orte der Oberlausitz brachte. Oder eben die Veranstaltung in Frankenberg.

Die meisten Veranstaltungen von »Lauter Leise« finden im ländlichen Raum statt. »Wir in den Ballungszentren wissen gar nicht, wie verwöhnt wir sind«, sagt Kaleri. »Für ganz Sachsen wünsche ich mir flächendeckend Kultur.« Ebenso wichtig wie die Orte sind niedrige Barrieren, die vor allem durch Open-Air-Veranstaltungen wie die Sommertour oder durch Veranstaltungen in Kindergärten und Schulen entstehen. Denn dort sind erst einmal alle da, unabhängig von ihrem Hintergrund. In diesem Bereich wollen Kaleri und Pruschmann sich dieses Jahr verstärkt engagieren, abhängig von den Fördergeldern, die für einen jungen Verein nicht so einfach bewilligt werden. Trotzdem berichten beide mit leuchtenden Augen von den Projekten, die sie in ihrem neuen Büro gerade vorbereiten. Und hoffen nebenbei auch auf die eine oder andere Schreibstunde an den eigenen Romanen, die in den vergangenen zwei Jahren viel zu kurz gekommen sind.

http://www.lauter-leise.de
http://www.literatur-statt-brandsaetze.de

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 01/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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