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»Wer Täter wurde, bleibt es«

In »Nichts, was uns passiert« erzählt Bettina Wilpert vom Umgang mit sexualisierter Gewalt

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Bettina Wilperts Romandebüt »Nichts, was uns passiert« spielt im Leipziger linken Studi-Milieu: Anna und Jonas kennen sich aus dem Freundeskreis, unterhalten sich über ukrainische Schriftsteller und landen irgendwann mal miteinander im Bett. Besoffen nach einer Party kommt es zum zweiten Mal zum Sex – nur diesmal gegen Annas Willen. Es dauert Wochen, bis sie es laut aussprechen kann: Ich wurde vergewaltigt. Jonas streitet alles ab. Auch das Umfeld kann nicht glauben, dass jemand wie Jonas so etwas getan haben könnte. Wir sprachen mit Bettina Wilpert über die Schwierigkeit des Umgangs mit sexualisierter Gewalt.

kreuzer: Als Sie begannen, an Ihrem Roman zu arbeiten, gab es noch kein #MeToo. Was war der Ausgangspunkt Ihres Schreibens?

BETTINA WILPERT: Das Thema war auch vor #MeToo schon präsent, man muss nur danach gucken. Damals war gerade der Fall Gina-Lisa Lohfink in den Medien. Außerdem zwei Fälle aus den USA: Brock Turner, der nach einer Vergewaltigung zu nur sechs Monaten Haft verurteilt wurde, und die Kunstaktion der New Yorker Studentin Emma Sulkowicz, »Carry that weight«. Der Kommilitone, von dem sie sagte, er habe sie vergewaltigt, kam aus Berlin, und auf Zeit-Online erschien ein langer Artikel über den Fall, der suggerierte, ein junger Mann, der sich als Feminist versteht, Leistungssport betreibt und sich in der Entwicklungshilfe engagiert, könne kein Täter sein. Das hat mich aufgeregt, ich habe tagelang mit Freunden darüber diskutiert. Daraus entstand dann die Idee für das Buch.

kreuzer: Wie oft auch in der Realität steht in Ihrem Roman Aussage gegen Aussage; seine Version der Geschichte widerspricht ihrer, und es gibt weder Beweise noch Zeugen. Dem werden Sie gerecht durch eine quasi-dokumentarische Erzählweise, die die Berichte der Beteiligten und des Umfelds zusammenträgt, ohne Eindeutigkeit herzustellen. Warum haben Sie sich für diese Form entschieden?

WILPERT: Die objektive Erzählinstanz ermöglicht eine gewisse Distanz, die ich gebraucht habe, um über das Thema schreiben zu können. Aber auch abgesehen davon hätte ich es nicht anders machen wollen. Mir ging es ja gerade darum, verschiedene Sichtweisen darzustellen, mit all ihren Lücken und Widersprüchen. Damit ist man dann auch als Lesende in der Situation, entscheiden zu müssen, was man glauben will und warum, und welche Konsequenzen das hat. Ich habe selbst schon die Erfahrung gemacht, wie unterschiedlich man Handlungen manchmal beurteilt, wenn es um Freunde geht – ich würde eine Person dann vielleicht trotzdem verteidigen, auch wenn sie Scheiß gebaut hat. Mich hat die Dynamik dahinter interessiert. Ich glaube, dass es da oft auch keine eindeutige Antwort gibt. Man kommt trotzdem nicht drum herum, sich zu positionieren.

kreuzer: Das Sich-Positionieren fällt den Personen aus Annas und Jonas’ Umfeld auch deshalb schwer, weil ihre Realität, ihre Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit plötzlich in Frage stehen. An einer Stelle heißt es: »Auch wenn man als Frau anscheinend immer damit rechnen muss und es das Schlimmste zu sein scheint, was passieren kann, ist es doch nichts, was wirklich geschieht. Vergewaltigung passiert anderen Leuten.«

WILPERT: Ja, das Thema ist als Bedrohung für Frauen allgegenwärtig, wird aber durch bestimmte Mythen, wie sie auch dieser Zeit-Artikel bedient hat, immer wieder schön nach außen verlagert: Eine Vergewaltigung ist etwas, das nachts, im Dunkeln, durch einen Fremden passiert; Vergewaltiger sind ausschließlich böse, unzivilisierte Männer, das hat mit uns nichts zu tun. Aber das ist natürlich Quatsch. Die meisten Täter kommen aus dem nahen Umfeld.

kreuzer: Die Erzählung lässt offen, ob Jonas lügt, sich etwas vormacht oder die Situation nach der Party tatsächlich ganz anders wahrgenommen hat als Anna. Alle drei Varianten wären auf ihre Art verstörend. Wie erklären Sie sich selbst die Diskrepanz zwischen Annas und Jonas’ Geschichte?

WILPERT: Ich denke, dass Jonas tief im Inneren schon weiß, dass er Scheiße gebaut hat. Aber er schafft es nicht, sich damit zu konfrontieren, weil das Eingeständnis »Ich habe jemanden vergewaltigt« massiv mit seinem Selbstbild kollidieren würde. Das ist ja ein totaler Bruch oder wird zumindest als solcher verhandelt. Und das ist auch einer der Gründe dafür, dass es so schwer ist, einen Umgang damit zu finden: Wer einmal Täter wurde, bleibt es für immer, und das gilt genauso für die Opfer. Es gibt für Täter keine Möglichkeit, sich damit wirklich auseinanderzusetzen, und dann ist der Umgang eben eher Verdrängung. Deswegen ist die #MeToo-Debatte auch so wichtig: Der Diskurs ändert sich jetzt, es wird anders darüber gesprochen. Täter müssen nun auch eine Sprache finden für das, was sie getan haben.

▶ Bettina Wilpert: Nichts, was uns passiert. Berlin: Verbrecher Verlag 2018. 170 S., 19 €

Lesung: 15.7., 15 Uhr, Leipzig Ost, Radical Book Fair

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 04/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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