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Kunstzentrum mit internationaler Sogkraft

Vor allem die aktuelle Schau in Halle 14 lockt in den Westen Leipzigs

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Dreimal im Jahr laden die Künstler und Kunstorte auf dem Spinnereigelände zum Rundgang. Mitunter lockten prominente Namen wie Damien Hirst, Blixa Bargeld, Neo Rauch. Nicht so beim diesjährigen Frühjahrsrundgang, der dennoch herausstechend gelungen war.

Ziemlich genau 20 Jahre ist es her, dass sich die alte Baumwollspinnerei in Lindenau als Ausstellungsort in die Stadtgeschichte einschrieb. Damals mangelte es Leipzig nicht an Freiraum, jedoch an Präsentationsfläche, und so organisierte eine Handvoll Künstler und Kunstwissenschaftler das leerstehende Versandzentrum mit knapp 1400 Quadratmetern auf zwei Ebenen, unbeheizbar, ohne solide Finanzierung. »B/2« stand bereits außen am Gebäude, und so lautete fortan der Name des Kunstraums, von Juli 1998 bis 2004.

Schräge Performances

Transformiert zur Produzentengalerie existiert das »b2_« in einer Nachbarhalle noch immer, doch an den alten Kunstraum erinnert nichts mehr. Es war ein Ort der Stadt-, Landes- und durchaus auch Denkgrenzen überschreitenden Begegnung und Bewegung, und ein solcher ist die Spinnerei heute mehr denn je, wie der Rundgang am 14. und 15. April zeigte. Leipzig hat international Sogkraft entwickelt. Einige – wie der irische Maler David O’Kane, zu sehen in einer Gruppenschau in der Josef Filipp Galerie – kamen vor Jahren und blieben. Andere führten jüngst Atelierprogramme hierher, zum Beispiel Margo Greb aus Pennsylvania, Absolventin der School of Visual Arts in New York, die bei LIA (Leipzig International Art Programme) den Rundgang mit schrägen Performances auffrischte, in denen unter anderem in vorgebeugtem Stand einen Topf-Farn unter ihr mit Speichel nährte.

In direkter Nachbarschaft, in der Residenz vom Schauspiel Leipzig, probte derweil Choreograph Hermann Heisig mit quasi postnationaler – belgisch, griechisch, deutsch, gemischt – Tänzertruppe öffentlich sein Stück »Slave to the rhythm«, das nter hohem Körpereinsatz in hautengem Gymnastikdress der musikpädagogischen Methode von Émile Jaques-Dalcroze nachspürt (Premiere am 19.4.).

Videos und Prunkgefäße

Im Untergeschoss der Halle 14 zeugt ein Video von Diego Vivanco davon, wie es ist, als Spanier mit deutschem Stipendium in Istanbul in einem Elektrikerbetrieb zu arbeiten und dabei vor allem eins zu bleiben: Künstler, und zwar selbst dann noch, wenn die türkischen Kollegen Pause machen. Wenige Meter entfernt führte Yu-Shen Su in seinem Dokumentarfilm »Green Island« vor, was es in China bedeutet, wenn eine Immobilienblase platzt. In betörenden Einstellungen erkundet seine Kamera die Veränderungen, den Bauboom, den Stillstand der Hafenstadt Qingdao, einer Metropole mit zehn Millionen Einwohnern und dem ein oder anderen Feng-Shui-Problem. Beide Künstler stellen im Rahmen der Absolventenausstellung »Right Here, Right Now« der Burg Giebichenstein aus, die freilich nicht nur Videokunst zeigt, sondern insgesamt acht per Jury ausgewählte Positionen, darunter Sarah Pschorns Porzellanarbeiten an der Schnittstelle von 3D-Druck und Prunkgefäß.

Ironisches Spiel

Nebenan in der Werkschauhalle ging es recht beengt zu, 14 eingeladene internationale Galerien teilten sich den Raum, darunter auch aus Budapest, wo Peter Szalay Duchamps ironisches Spiel mit dem Readymade eine Stufe weitertrieb: Szalay verpflanzte eine Miniaturversion des Flaschentrockners, den Duchamp einst zum Kunstwerk erklärte, in eine Flasche – Aneignung ad adsurdum. Das trifft in gewisser Weise auch auf den HGB-Kunstprofessor Michael Riedel zu, der bei ASPN seine für das Geldmuseum der Bundesbank in Frankfurt entstandene eigene Währung anbietet, den »Riedel«, auf echtem Euro-Papier gedruckt. Wer wollte, konnte »Riedel« im Wert von fünf bis 500 Euro erstehen und eine Geldklammer der Künstlergruppe Famed – wahlweise »Truth« oder »Trash« – gleich dazu. Die Ausstellung trägt den Titel »Finissage«. Da die neuen Galerieräume von ASPN noch nicht fertig sind, ist die Vernissage das Zukunftsziel.

Versöhnung

Als solches ließe sich auch die »deutsche Einheit« bezeichnen – wäre das nicht ein ebenso absurder wie gefährlicher Begriff, zumal in Sachsen, wo braunes Gedankengut alternativ-blau an der Wahlurne triumphiert und von »Wir sind das Volk«-Chören gerahmte Hetze auf wahnwitzige Toleranz stößt. Kurz: Halle 14 richtet in der Ausstellung »Requiem for a Failed State« den Blick auf die DDR, auf das, was war, und vor allem auf das, was von ihr noch immer weiter wirkt. Malte Wandel etwa lenkt den Fokus auf die Gastarbeiter aus Mosambik, von denen es über 16.000 in der DDR gab. Die Wende riss sie aus ihrem Leben, brachte sie um Teile ihres Lohns, trennte Familien. Sven Johne präsentiert in dem Video »Elmenhorst« eine Vater-Sohn-Geschichte. Wortlos, doch mit harten Blicken kommunizierend laufen sie samt geschultertem Gewehr an der Ostseeküste entlang. War der Vater Grenzer? Ist das Ende versöhnlich?

Nachwendelebensläufe

Leichter hatte es da Jane Beran. Ihr Großvater war Archivar und begeisterter Fotograf, was zu einem penibel organisierten fotografischen Nachlass führte. Für »Farbfilm Notizen« eignet sich Beran die Bilder mittels Projektion und Überlagerung in Rauminstallationen an, sie zeugen von einem erfüllten Leben mit Ausflügen und Reisen. Henrike Naumann wiederum stellt für »Triangular Stories« zwei fiktive Homevideos einander gegenüber, darin jeweils drei Teenager. Während das eine Trio im Techno-Rausch aufgeht, übt das andere verbissen Hakenkreuz und Hitlergruß – zwei nicht ganz unübliche Nachwendelebensläufe.

»Requiem for a Failed State« umfasst 18 künstlerische Positionen, stellt Heiteres neben Erschütterndes und verlangt dem Betrachter viel Zeit ab. Wenn es aktuell in Leipzig eine Ausstellung gibt, die zu besuchen sich lohnt, dann ist es zuvorderst diese!

Im Anschluss bietet sich ein kurzer Abstecher in den intershop interdisciplinaire an zur Schau von Anita Kriebel und Carsten Busse, »Heimatkunde«, zweite Klasse, Ernst Thälmann und Hamsterbacke. So früh, so groß.

http://www.spinnerei.de

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