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Vom Muttersöhnchen zum Ehrenmitglied

Erst Ballett, dann Abenddienst: Mit Werner Stiefel geht ein Stück Theatergeschichte in den Unruhestand

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Sein Gesicht ist wohl eines der bekanntesten im Schauspiel Leipzig, die personifizierte Begrüßung und eine der wenigen Konstanten durch alle Intendantenwechsel der letzten Jahrzehnte. Ganz ohne bösen Unterton kann man sagen, Werner Stiefel gehört zum Inventar des Schauspielhauses. Zum Ende der Spielzeit nun geht der drahtige Mann mit dem immer freundlichen, manchmal etwas spitzbübischen Lächeln und dem Walkie-Talkie in der Hand tatsächlich in Rente und beendet ein langes Theaterleben.

Aber nicht ganz. »Ich freue mich schon darauf wieder in die Oper und ins Gewandhaus gehen zu können, das ist doch etwas zu kurz gekommen in den letzten Jahren«, erzählt er frei heraus im Rückblick auf seine Zeit an der Bosestraße. 1996 übernahm er der Abenddienst in der Neuen Szene (später: Skala, bald: Jazzclub), ab 2003 war er dann als Abenddienstleister für das gesamte Schauspiel zuständig. Jetzt soll er zum Ehrenmitglied ernannt werden.

Dass es eine Theaterlaufbahn werden würde, war im Rückblick ziemlich früh klar. Geboren am 25. Oktober 1954 in Malchin in Mecklenburg, wurde er schon bald von den Berliner Talentscouts für ein Wirken an Theatern entdeckt. Nun war die DDR zwar in solchen Dingen ziemlich organisiert, aber eine Jugendförderung für den Abenddienst gab es auch hier nicht. Aber der junge Werner war tänzerisch äußerst begabt und so landete er mit zwölf Jahren im Internat der staatlichen Balletschulen in Berlin. Klassische Ausbildung. »Ich wollte eigentlich nie Tänzer werden, war eher so ein Muttersöhnchen. Am Anfang hatte ich furchtbares Heimweh«, erinnert er sich. Doch das Talent war da und wurde ausgebaut. 1972, mit 17 Jahren, ging es dann direkt von der Ballettschule nach Leipzig an die Oper, wo er 1983 unter Dietmar Seyffert zum ersten Solotänzer avancierte. Neben seinem Wirken am Opernhaus tanzte er auch bei Kammertanzprogrammen des Bacharchivs und reüssierte 1985 als Choreograf. Auch mit dem heutigen Leiter des Balletts, Mario Schröder, hat er getanzt. Verlassen hat er die Oper mit der Wende 1989/90, da sah er das Ende seiner Tanzzeit gekommen: »Ich wollte nicht mehr tanzen, wollte keine Schreitrollen.«

Doch dann fragte die Choreografin Irina Pauls ihn, ob er nicht Tänzerinnen für die neue Compagnie am Schauspiel kennen würde. Tat er und er kannte auch einen Tänzer, der sich das vorstellen konnte. »Urplötzlich habe ich dann modern getanzt. Das war Wahnsinn, obwohl am Anfang auch ein gutes Teil Widerwillen dabei war«, meint er rückblickend und grinst freudig und fast ein bisschen spitzbübisch in sich hinein. Bis 1996 existierte die Sparte am Schauspiel.  Hinzu kamen Tanzprogramme für Kinder, wie »Es muss nicht nur Dornröschen sein«, das 1991 Premiere hatte und über 100 Aufführungen erlebte. Insgesamt sieben Inszenierungen für junges Publikum, die nicht nur während der Schulkonzerte der Stadt Leipzig, sondern teilweise auch bei der Euro-Scene zu sehen waren, gehen auf sein Konto. Und immer wieder standen auch choreografische Arbeiten für die Großen an, etwa für Inszenierungen von Enrico Lübbe, Konstanze Lauterbach oder Wolfgang Engel. Er wurde fast so etwas wie der Hauschoreograf des Schauspiels, während er abends dafür sorgte, dass alle Besucher ihren Platz fanden.

Persönliche Höhepunkte waren für ihn der »Faust« von Wolfgang Engel, der Hermann-Nitsch-Abend zum Abschluss der Hartmann-Intendanz (»ein blutiger Alptraum, aber mit Bildern die bleiben«) und die Faust-Verleihung in diesem Jahr (»auch ein Alptraum aber toll«). Und er wünscht sich mehr Ruhe vom Publikum, mehr Zeit: »Die Leute kommen heute auf den letzten Pfiff.« Er selbst hat die Ruhe bald und will sich dann auch verstärkt dem Haus seiner Eltern in Mecklenburg widmen und weniger in Leipzig sein. Zuvor steht aber noch ein Highlight an: Am Sonntag, dem 27. Mai, wird er offiziell zum Ehrenmitglied des Schauspiels ernannt. Fast schämt er sich, als er davon erzählt und man merkt ihm die Rührung an. Danach können der Sommer und der Ruhestand kommen. Sicher wird es ein Unruhestand.

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