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Diskussion um den Leipziger Auwald zwischen Offenen Briefen und Medienkritik

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Bevor der Stadtrat in dieser Woche über den Forstwirtschaftsplan abstimmen wird, gingen in den letzten Tagen mehrere Offene Briefe hin und her. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler streiten um den richtigen Umgang mit dem Leipziger Auwald – mittlerweile hat sich die Diskussion auch auf die lokale Berichterstattung darüber ausgeweitet.

Ende letzter Woche ging ein Offener Brief an Oberbürgermeister Burkhard Jung: Unter Federführung von Christian Wirth, Direktor des Botanischen Gartens und des iDivs (Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung), bezogen elf Wissenschaftler von Umweltforschungszentrum (UFZ) und Universität Leipzig Stellung zu einem Schreiben des Vereins Nukla. In diesem Offenen Brief vom 10. September hatte sich Nukla (Naturschutz und Kunst Leipziger Auwald) wiederum an den Stadtrat gewandt, der am 24. Oktober über den Forstwirtschaftsplan 2018 entscheiden soll.

Nukla empfiehlt den Stadträten, den Forstwirtschaftsplan abzulehnen. Im Wesentlichen begründet Nukla diese Empfehlung damit, dass die geplanten Maßnahmen dem Auwald nicht gut tun würden. Unter anderem bezweifelt Nukla, dass es sinnvoll ist, unter den Bäumen den Anteil an Stieleichen zu erhöhen. Außerdem beklagt Nukla, dass die Zusammensetzung der Arten im Auwald sich dank der Maßnahmen der Abteilung Stadtforsten ungünstig entwickle und hält andere Maßnahmen für ein Schutzgebiet wie den Auwald für geeigneter. Nukla fordert unter anderem, das Schlagen von Bäumen mehrere Jahre ruhen zu lassen. Außerdem solle die in den vergangenen Jahrzehnten stark trocken gewordene Aue wieder vitalisiert werden.

Die Wissenschaftler von UFZ und Uni konterten dies in der letzten Woche, in dem sie der Arbeit der Abteilung Stadtforstens größtenteils zustimmen. In ihrem Schreiben widersprechen sie einigen Behauptungen des Nukla-Schreibens, zum Beispiel der, dass die Maßnahmen der Abteilung Stadtforsten nicht wissenschaftlich begleitet würden, oder der, dass die forstlichen Maßnahmen ihr Ziel nicht erreichten. Auch die Wissenschaftler wünschen sich wieder eine feuchtere Aue mit einem höheren Grundwasserspiegel als jetzt und mit regelmäßigen Überschwemmungen – und im Gegensatz zu Nukla gehen sie davon aus, dass mit Maßnahmen, die in den letzten Jahren in die Wege geleitet wurden, wie dem Projekt Lebendige Luppe (s. kreuzer April 2015), ein erster Schritt in diese Richtung gemacht ist. Das Schreiben stellt schließlich Methodisches klar – ob der Boden gesund ist, lasse sich nicht, wie von Nukla behauptet, per Geruch feststellen – und weist auf gefundene Widersprüche im Nukla-Schreiben hin.

Auf die Berichterstattung über diese Kritik an der Kritik folgten seitens Nukla nun erneut offene Meldungen, in denen »unkorrekte Berichterstattung und fehlende Recherche« moniert wird. Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Universität und UFZ wirft Nukla vor, auf ein »Ökodisneyland« abzuzielen. Die Leipziger Internet Zeitung nahm diese Vorwürfe auf und titelte »NuKLA-Antwort zerpflückt die LVZ-Meldung zum Offenen Brief, der die NuKLA-Thesen zerpflückt.«

Immer wieder entzünden sich am Auwald und dem Umgang damit Konflikte. In erster Linie sind es Baumfällungen, die dem Stadtförster Andreas Sickert zur Last gelegt werden, verbunden mit dem Vorwurf, wirtschaftliche Profite über die Naturschutzinteressen im Leipziger Auwald zu stellen. Diese Vorwürfe sind Sickert zufolge nicht haltbar ( s. auch kreuzer 01/2018 und kreuzer 10/2016) – anhand der Einnahmen und Ausgaben lasse sich erkennen, dass das Amt für Stadtforsten bei Null lande.

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Ein Kommentar

  1. Humpty | 24. Oktober 2018 | um 13:41 Uhr

    Liebe Frau Reif, da haben sie aber schlecht recherchiert oder die Forderungen von Nukla nicht korrekt verstanden. Es wird da gar nicht zwingend bezweifelt, dass es unter Umständen sinnvoll sein könnte, den Stieleichenanteil, wo es passt, zu erhöhen. Darum geht es nicht. Die Fragen sind doch vielmehr ganz andere. Eine Frage ist da bspw.: würde sich der Eichenanteil natürlich mehr verjüngen, wäre der Auwald ein Auwald mit normaler Auendynamik durch mehr Wasser in Bewegung? Oder: muss der Anteil 40% Eichen betragen oder reicht nicht auch erstmal weniger aus? Und auch: würde denn nicht Sinn machen, auch an anderer Stelle künstlich aufzuforsten und nicht in Gebieten, die sich eher für die Revitalisierung von Fließgewässern eignen? Vor allem ist eine Hauptfrage: muss es in diesem kurzen Zeitraum passieren? Und mit schwerem technischem Gerät? Und das Hauptproblem des Vorgehens der Stadt haben sie leider auch nicht erkannt: es gab all die Jahre, auch dieses (!), keine Verträglichkeitsprüfungen und nicht mal ansatzweise Untersuchungen über viele bedrohte und seltene FFH-Arten in diesen Gebieten! Wäre an der Zeit, sich endlich mal darum zu kümmern, anstatt immer nur weiter so zu machen.