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Nah-Tod-Erfahrung

Über den Tod und das Sterben in Leipzig

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Manche sagen, der Alltag sei sterbenslangweilig. Dabei harrt an jeder Ecke eine erschütternde Todesahnung. Ein Memento mori im Vorübergehen

Der Tod lauert am Alten Rathaus. Ein Stundenglas schwenkt das Skelett, das einem Ausrufer mit Horn am Mund folgt. »Wir werden alle sterben«, verkündet das gegenüber der Mädlerpassage befindliche Detail. »MORS CERTA, HORA INCERTA«, sekundiert ein Schriftzug am Neuen Rathaus: »Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss«. Sterben und Tod mögen etwas aus dem öffentlichen Bewusstsein gerückt sein. Doch sind sie allgegenwärtig und auch in Leipzig vielerorts unvermittelt anzutreffen. Wie in den Bauelementen an den Rathäusern. Wessen Blick sie streift, der wird unverhofft mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert.

Der Tod bildet eine anthropologische Konstante. Wie alle anderen Lebewesen vergehen die Menschen irgendwann. Aber nur ihnen ist die Gewissheit des Todes eigen: Wir wissen, dass wir sterben müssen. Der Gedanke an das persönliche Ende, das Nicht-mehr-Sein bedrückt und ängstigt. Wir können es uns gar nicht vorstellen. Die eigene Nichtexistenz ist undenkbar, weil wir diese Betrachterposition unmöglich einnehmen können. Die Marmorbüste »Die Verdammnis« im Bildermuseum drückt die pure physische und psychische Verzweiflung, solchen Schmerz vor dem Undenkbaren ergreifend intensiv aus.

Die Angst vor der Leere hat noch jede menschliche Gesellschaft veranlasst, den Tod kulturell zu bewältigen. Das beginnt mit Bestattungsritualen. Frühe Formen der hiesigen Besiedlung zeigt die Sammlung des Instituts für Ur- und Frühgeschichte. Da sollten Hausurnen, spätbronzezeitliche tönerne Leichenbrandbehälter in Hausform, vielleicht ein Obdach für die jenseitige Existenz geben. Im Ägyptischen Museum und Antikenmuseum ist ebenso die Vielfalt der Totenkulte erlebbar. Wie in als Naturvölker verbrämten Gesellschaften, aber auch in Folklore Tote als Personen angesehen wurden, zeigt sich beispielhaft im Grassi-Museum für Völkerkunde. Da lachen Gerippeplastiken, spuken verkörperte Vorstellungen von Wiedergängern herum. Zwischen der Verehrung von Verstorbenen und Maßnahmen, sie am Wiederkommen zu hindern, ist nicht immer zu unterscheiden. Und wie muss man die Pyramide mit Türklopfer auf dem Südfriedhof deuten? In jedem Fall geht der Tod einen an, wie Passanten der Zombiewalks bestätigen werden, die vielleicht eine Mischung aus mystischem Schauer und Abscheu verspürten. Denn da ist auch eine Faszination, die der Tod ausstrahlt. Diese hat Arnold Böcklin mit seiner »Toteninsel« in tiefen Symbolismus gekleidet. Auch andere Kunstwerke im Bildermuseum drücken sie aus.

Sterben war früher öffentlich, es gehörte zum Alltag. Und wurde darum immer wieder angemahnt, ob in Vanitas-Stillleben oder makabren Totentänzen. Knochenmann und Lebende reichen sich die Hände. Der Triumph des Todes wird in den Alltag integriert. In den Sakralbauten mit ihren bebilderten Leidensgeschichten ist das noch lebendig – was das Kriegerdenkmal vor der Peterskirche merkwürdig verdoppelt. Mythos und Religion mildern das Grauen vorm Ausgelöschtsein ab, stärken das Aushalten mit der Hoffnung auf ein kommendes Leben nach dem Tod. Das Nachleben in paradiesischen Ewigkeitsvorstellungen geriet in manchen monotheistischen Interpretationen sogar zum eigentlichen Leben. Nach der irdischen Existenz musste man sich ab dem Spätmittelalter aber noch vorm personifizierten Tod verantworten und würdig erweisen. Das war der Beginn der Individualisierung des Todes. Später dann wollten sich die Menschen in erster Linie nicht mehr vor Gott, sondern vor der Gesellschaft bewähren. Dieses Bedürfnis drücken die imposanten Grablegen des reichen Bürgertums vergangener Tage auf den Leipziger Friedhöfen aus. In der opulenten Ausstattung und dem Nennen des Berufs und der gesellschaftlichen Positionen unterstreichen sie die Bedeutung der Verstorbenen repräsentativ.

Beeindruckend bis kitschig-pathetisch sehen sich diese kunstvollen Grabmale an. Die Auferstehungsskulptur des Maßstabfabrikanten Hermann Leistner etwa lässt eine Frau aus dem Boden himmelwärts wachsen. Da gibt es klassizistische Mausoleen, neogotische Grabtempel, eine zinnbewehrte Trutzburg als eine Art Drachenhöhle. Tod und Schlaf als Brüder liegen in den Armen eines Engels. Eine stelenartige Art-déco-Frau wacht über einen Frauenarzt, da spielt eine Heilige Klavier, ein Knabe mit Reh wartet schon in der schöneren Welt. Eher selten mal lugt ein Totenkopf hervor. Ritter sollen den »Heldentod« von Offizieren verkörpern. Und viele Nackte begegnen einem, getreu dem Bibelsatz: »Nackt wirst du geboren.«

Die Verweltlichung oder die Entzauberung der Welt führte zur Verlagerung der Konzentration vom Tod aufs Sterben und dessen Hinauszögern. Der Tod tritt aus der Wahrnehmung als absolutes Ende, der Übergang dahin in den Mittelpunkt. Todes- ersetzte Höllenangst bei gleichzeitiger Betonung diesseitiger Lebenslust. Wahlweise nach individuellem Biorhythmus wurde carpe diem oder carpe noctem zum persönlichen Sinnspruch. Dabei drängt nun seine Bekämpfung das Sterben ins Bewusstsein. Darum ist die Apothekenrundschau so beliebt, treibt Selbstoptimierung so viele um. Jede Arztpraxis und Apotheke, ja: jedes Versicherungsbüro und jeder Jogger und andere Sportler im Park sind eine Erinnerung ans Sterben.

»Nichts ist so fremd und finster wie der Hieb, der jeden fällt.«
Ernst Bloch

Solche Mahnungen an die Sterblichkeit nehmen wir im Alltag üblicherweise gar nicht wahr, wie wir in den meisten Denkmalen diese Funktion übersehen. Vielleicht rütteln noch die über 250 in Leipzig verlegten Stolpersteine ein paar Menschen wach. Das Völkerschlachtdenkmal, diese monströse Totenburg, an der man nicht vorbeikommt, dient hingegen vor allem der Stadtvermarktung. Beim Passieren des Gerichtswegs denkt wohl niemand mehr an das Grauen der einstigen Richtstätte. Welche Besucher wissen um die traurige Geschichte vom Johannapark, der dahingeschiedenen unglücklichen Verliebten gewidmet ist? Oder um die in ihrer Bedeutung verblassten Symbole wie den Raben am Märchenbrunnen, der die letzte Stunde verkündet? Ein ganzes Arsenal solcher halten natürlich die Friedhöfe vor: patinierte Putten mit Riesenköpfen, segnende Hände auf aufgeschlagenem Buch, Sphinxen und Schmetterlinge, die die Metamorphose der unsterblichen Seele versinnbildlichen.
Manchmal kommt die Mahnung so süß daher wie die Totenkopfäffchen im Zoo, oder fantasievoll wie die Gewänder auf dem Wave-Gotik-Treffen. Oder als »Death Metal«-Graffito an der Brücke überm Elsterflutbett. Und ist es nicht von großer Ironie, dass ein Club namens Hellraiser just in Engelsdorf residiert? »Übe zu sterben«: Einige der in der Stadt virulenten Subkulturen nehmen Platons angeblich letzte Sentenz beim Wort.

Die erste Rationalisierung des Todes in der antiken Philosophie wird im Christentum zur frommen Kunst zu sterben, der Ars moriendi. Als ob das irgendwie erlernbar und der Tod damit überwindbar wäre. Das eigene Leben ist verfügbar, der Tod nicht. Er ist unerbittlich, total. Mit verschiedenen Sinnzusammenhängen haben Religion, Kultur und Philosophie versucht, dem Tod Bedeutung zuzuweisen. Aller metaphysischen Absicherung jedoch entkleidet, demütigt der Tod die Vernunft, macht das Bewusstsein der kommenden Bewusstseinslosigkeit irre. Keine Begegnung ist daher drastischer als das Sterben der anderen, der Freunde und Lieben. In die tiefe Trauer mischt sich ebenso tiefe Erschütterung.

Noch nicht! Wir können den Tod nicht verstehen, erfahren ihn als unbarmherzigen Fakt. Man kann vom ihm nicht sprechen. Er ist ein leerer Begriff, unheimlich, ein Wort, das auf Nichts hinweist. Wir haben nur Krücken: Kultur ist für uns Überlebensleistung und die Lebensleistung des Menschen besteht darin, temporärer Überlebender zu sein. Sich dem Tod zu stellen, heißt, sich dem Leben zu stellen. Vom Tod sollten wir vielleicht etwas weniger schweigen, aber mehr noch über das Leben sprechen. Denn das bietet Gesprächsstoff genug.

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