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»Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses«

Zum Tod von Wiglaf Droste: Ein persönlicher Nachruf auf den politischen Poeten, der sein Leipzig lobte

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Die satirischen Texte von Wiglaf Droste waren es, die kreuzer-Autor Tobias Prüwer zum Schreiben gebracht haben. Fest steht: Wie alle Toten ist Wiglaf Droste viel zu früh verstorben.

»Willst du sein wie Jesus Christus / Nimm den Hammer, und dann bist du’s! / Vergiß die langen Nägel nicht / denn du bist kein Leichtgewicht.« Wiglaf Droste schoss schon Mitte der 90er – lange vor »Wir sind Papst« – den späteren Benedikt in aller Heiligkeit ab. »Ratzinger will Jesus werden« ist eines der Gedichte, die mich zum Fan von Wiglaf Droste machten. Ja, der Dichter, Journalist, Sänger und vor allem: Genießer ist Schuld, dass ich überhaupt mit Schreiben anfing. Aber das ist mit Abstand seine geringste Leistung.

Wie alle Toten ist Wiglaf Droste viel zu früh verstorben. Nur 57 Jahre alt wurde der gebürtige Herforder. Er starb, so war in der Jungen Welt zuerst zu erfahren, an schwerer Krankheit im fränkischen Pottenstein. Gelebt aber hat er die letzten Jahre hauptsächlich in Leipzig. Seit 2006 hatte er eine Wohnung an Parthe und Pleiße, nannte die Stadt seine Wahlheimat. Konträr zu seiner mitunter brachialen Sprachgewalt mochte er es kiezmäßig sehr klassisch, nahm Gestank aus dem Pumakäfig wohl als verzeihbar hin. Sein Liebstes in Leipzig sei das »Jugendstilviertel in Gohlis«: »hundert Meter von meiner Wohnung entfernt verbrachte mein Lieblingsdichter Joachim Ringelnatz seine spätere Kindheit und Jugend, und Schiller dichtete ein paar Meter weiter die Ode an die Freude. Das hebt und spornt an. Klassik ahoi!«

Anders als sein Vorbild Ringelnatz hatte Droste keine Vorliebe für Tätowierungen, drosch lieber immer mal wieder auf das von ihm als Trash-Mode wahrgenommene Phänomen ein. Aber kein Mensch ist perfekt. Um die Zeit, als sich Droste mit den auf ein Soldatengelöbnis gemünzten Worten »Waschbrettköpfe« und »Kettenhunde« eine Klage einhandelte, wurde ich auf ihn aufmerksam. Mir gefielen Stil und Haltung und besonders, dass Droste keine Zurückhaltung kannte, wenn er einen Punkt machen wollte. Ja, er scheute bisweilen keine »Kommunikaze«, den selbstmörderischen Kommunikationsakt, wenn er etwas glaubte, mitteilen zu müssen. Da stand es dann – er konnte nicht anders. Andere Bücher tragen so schöne Titel wie »Der Barbier von Bebra«, »Am Arsch die Räuber« und »Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses«. Die verschlang ich, wollte sein, wie er. Natürlich ging der Wunsch nicht auf, nicht nur, weil ich nicht so hingebungsvoll, so emotional lakonisch singen kann wie er. Satirisches Talent geht mir genauso ab, wie die Kunst, ganz unbemüht wirkende Wortspiele zu erfinden. Vom Kraftakt, täglich zündende Kolumnen schreiben zu können, ganz abgesehen.

Um seine Person hat Droste öffentlich keinen großen Wind gemacht, in Leipzig nahm man ihn außerhalb seiner Umgebung gar nicht wahr. Er wusste zu leben, essen und trinken – wie er es auch lange im großartigen Gastrosophie-Magazin »Häuptling Eigener Herd« zusammen mit Vincent Klink dokumentierte. Die Zeit hat ein schönes Droste-Zitat ausgebuddelt, um Ade zu sagen. »Das Allerschönste ist, wenn nichts in der Zeitung steht. Wenn ich irgendwann nicht mehr als öffentliche Figur auftauche, steht dem Glück nichts mehr im Wege.«

Das ist aber zu versöhnlich für einen Droste. Es gäbe viele wütende Worte aus seinem Mund, die ich dem Zeitgeist gern in Erinnerung rufen würde. Nehmen wir aber den hellsichtigsten Text, mit dem er vor 25 besser als alle anderen am Puls der Zeit war und mich als Jugendlichen ermutigte. Und der heute wie die Faust aufs Auge passt: »Mit Nazis Reden«. Nicht nur dafür vielen, Dank, Herr Droste. Machet jut, alter Haudegen. Wohlan:

»Alle Welt sucht das Gespräch mit Rechtsradikalen. Warum? Haben sie einem etwas zu sagen? Ist nicht hinlänglich bekannt, was sie denken, fordern und propagieren? Wo liegt der beschworene aufklärerische Wert, wenn Henryk Broder in der Tageszeitung Franz Schönhuber interviewt? Muß man an jeder Mülltonne schnuppern? Niemand wählt Nazis oder wird einer, weil er sich über deren Ziele täuscht, – das Gegenteil ist der Fall; Nazis sind Nazis, weil sie welche sein wollen. Eine der unangenehmsten deutschen Eigenschaften, das triefende Mitleid mit sich selbst und den eigenen Landsleuten, aber macht aus solchen Irrläufern der Evolution arme Verführte, ihrem Wesen nach gut, nur eben ein bißchen labil etc., ›Menschen‹ jedenfalls … ›um die wir kämpfen müssen‹. Warum? Das Schicksal von Nazis ist mir komplett gleichgültig; ob sie hungern, frieren, bettnässen, schlecht träumen usw. geht mich nichts
an. Was mich an ihnen interessiert, ist nur eins: daß man sie hindert,
das zu tun, was sie eben tun, wenn man sie nicht hindert: die bedrohen
und nach Möglichkeit umbringen, die nicht in ihre Zigarettenschachtelwelt passen. Ob man sie dafür einsperrt oder sie dafür auf den Obduktionstisch gelegt werden müssen, ist mir gleich, und wer vom Lager (für andere) träumt, kann gerne selbst hinein. Dort,
in der deutschen Baracke, dürfen dann Leute wie Rainer Langhans, Wolfgang Niedecken und Christiane Ostrowski zu Besuch kommen und nach Herzenslust mit denen plaudern, zu denen es sie zieht. … Verbaler Antifaschismus ist Käse. Militant soll er sein, vor allem
aber erfolgreich. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß es sich
gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet,
dann ist das eben so. Wo Nazis ›demokratisch‹ gewählt werden können,
muß man sie nicht demokratisch bekämpfen.«

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