Startseite / kreuzer plus | Kultur / Macht und Banalität

Macht und Banalität

Wie Runde-Ecke-Chef Tobias Hollitzer das Erbe des Leipziger Herbstes verspielt

Größeres Bild

In keinem anderen Museum von Bedeutung hätte ein Mann wie Tobias Hollitzer auch nur den Hauch einer Chance auf einen Leitungsposten. Und doch ist er Chef der Stasigedenkstätte Runde Ecke in Leipzig, eines zentralen Ortes der Erinnerung an DDR, Diktatur und den Herbst 89. Wie kann das sein?

»Hollitzer muss weg!« Immer wieder begleitete diese Forderung die Recherche zu dieser Geschichte. Nur im Ton leicht variierend erklärten viele Angesprochene Tobias Hollitzer für untragbar als Chef des Museums in der Runden Ecke. Solche Einschätzungen kamen aus der Runden Ecke selbst, aus der Politik und der Verwaltung. Nur mit Klarnamen wollte niemand zitiert werden. Zu groß ist der Respekt – oder die Angst – vor der Macht des Museumschefs. Man müsse ja auch in Zukunft irgendwie miteinander klarkommen, war als Begründung oft zu hören. Hollitzer sei ein herrischer Charakter, der gern einmal herumschreit, heißt es. Jenseits seiner zweifelhaften Personalführung, die mit Verdächtigungen und Überwachung operieren soll, bemängeln Kritiker eine einseitige Geschichtsvermittlung in der Runden Ecke, die auf erinnerungspolitische Deutungsmacht abzielt. Sie bezweifeln Hollitzers historisch-didaktische Kompetenz und stoßen sich am als anmaßend wahrgenommenen Auftreten gegenüber der Stadt Leipzig und ihren Vertre…

> Der 4. Dezember 89 und die Frage der Besetzung

Es begann in Erfurt, schnell wurden am 4. Dezember 1989 auch in Leipzig und Rostock die Stasi-Bezirksverwaltungen besetzt. Bürgerrechtler verschafften sich Zugang zu den Gebäuden, um die Vernichtung der Akten zu stoppen und zu verhindern. In Leipzig drangen 30 Bürger friedlich ein – oder bekamen Einlass. Das ist nicht genau geklärt. Es gibt Hinweise, dass die Stasi, um gewalttätige Massenerstürmungen zu verhindern und den Druck von der Straße zu nehmen, die Besetzungen mit einkalkulierte oder sogar inszenierte. So habe es im Vorfeld Absprachen zwischen Regierungschef Hans Modrow und Bürgerrechtlern über mögliche geordnete Besichtigungen gegeben. Einige Leipziger Zeitzeugen erinnern sich an das Gefühl, bereits erwartet worden zu sein. Die Andere Zeitung hält im Dezember 1990 fest: »In dieser Nacht – jeder, der dabei war, wird diesen Eindruck bestätigen – lief alles nach dem Plan der Stasi.« Und: »Die hatten am 4. Dezember einfach den Laden satt. Die haben uns doch regelrecht reingeholt …« Andere halten dagegen, dass man den Stasi-Plänen zuvorgekommen, die Besetzung doch »von unten« erfolgt sei. Unabhängig davon, wie diese Detailfrage zu beantworten ist, schmälert das keinesfalls den Mut und die Leistung der Bürgerrechtler. TPR

> Das Bürgerkomitee und die Runde Ecke

Am 4. Dezember 1989 gründete sich nach eigener Darstellung aus einer Gruppe Bürger das Bürgerkomitee Leipzig (BKL). Die Gruppe setzte sich zur Aufgabe, die Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) aufzulösen. Nach einem halben Jahr waren von den 30 Erstmitgliedern nur noch sechs übrig, der Rest verließ die Organisation schnell. Am 22. Mai 1990 beschloss der Runde Tisch in Leipzig, dass die Stadt mit 10.000 Mark eine Ausstellung zur Arbeitsweise der Stasi in der Stadt fördert. Nicht einmal drei Wochen später, am 10. Juni, eröffnete in der Leipzig-Information am damaligen Sachsenplatz die Ausstellung für zwei Wochen – vollständig finanziert vom Rat der Stadt. Nach dem Abbau wusste das Bürgerkomitee nicht, wohin mit dem Material. In der Runden Ecke gab es Platz. Dort ist sie seit dem 1. September 1990 aufgebaut. Der Trägerverein für die Runde Ecke gründete sich im Mai 1991 als BKL e. V. Es folgten Konflikte mit der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, deren Außenstelle sich ebenfalls im Gebäude befindet. Es ging dabei um die Finanzierung, aber auch die Nutzung von Räumlichkeiten und der Eingangshalle. Ab 1996 erfuhr das Museum als »authentischer« Gedenkort besondere Betonung, weshalb das BKL nun hervorhob, das Gebäude im DDR-Zustand zu erhalten. Die Neuordnung der Sächsischen Gedenkstättenordnung 2002 sah eigentlich eine Überprüfung durch externe Fachleute vor. Dies ging an der Runden Ecke vorbei. BSC

Kommentieren

Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. Roland Mey | 31. Mai 2019 | um 19:51 Uhr

    Mit dem Satz „In keinem anderen Museum von Bedeutung hätte ein Mann wie Tobias Hollitzer auch nur den Hauch einer Chance auf einen Leitungsposten“ irrt der Kreuzer total. Das Gegenteil ist richtig: Kein wissenschaftlich seriöser Bericht über die Friedliche Revolution von 1989 ohne Literaturangaben zu Hollitzers Publikationen über dieses Thema!
    Ich kenne mich in dem Bereich aus und fordere den Kreuzer auf: Veröffentlichen Sie als Beweis für meine Sachkenntnis meinen schwarz-humoristischen Aufsatz „Die Wahrheit über das Ende der SED-Diktatur“ den ich als Anhang einer Mail der Kreuzer-Redaktion übermitteln werde.
    Roland Mey

  2. Klugscheißer | 18. Juni 2019 | um 18:24 Uhr

    Also Herr Mey, dann nennen Sie mir doch mal einen Tischler, der in Deutschland Museumsdirektor geworden ist, außer Herrn Hollitzer :D

    Im Übrigen würde keine seriöser Historiker für sich beanspruchen „die Wahrheit“ über ein geschichtliches Ereignis zu veröffentlichen, vielmehr werden aus Quellen Erkenntnisse gewonnen, die dem wissenschaftlichen Diskurs und der Dialektik unterliegen. So viel zu ihrem „Werk“