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Wenn die Polizei nicht ohne abwegige Exkurse über Radverkehr reden kann

Nach Todesfällen über »fundamentalistische Radfahrer« zu schwadronieren, ist unsachlich und vor allem pietätlos – ein Kommentar

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Rund 71 Prozent der Radfahrenden in Leipzig fühlen sich in der Stadt gefährdet. Tödliche Unfälle, wie sie sich in den letzten beiden Jahren häufen, unterstreichen diesen Eindruck. Um die Lage zu verbessern, braucht es Sachlichkeit fernab ideologischer Vorwürfe. Doch die zu erreichen scheint schwer, wenn selbst die Leipziger Polizei als Institution, die für Sicherheit im Verkehr sorgen soll, nicht ohne abwegige Exkurse und unsachliche Vorwürfe über Radverkehr reden kann. Ein Kommentar aus dem aktuellen Juli-kreuzer.

Ende Mai starb eine 20-Jährige auf der Jahnallee, weil ein LKW sie überrollte. Sie fuhr mit dem Fahrrad auf dem Radweg, der LKW bog quer über den Radweg in eine Einfahrt ab, ohne sie zu beachten. So schrecklich dieses Szenario ist, so typisch ist es leider auch. Seit dem Tod der jungen Frau gab es allein in der Jahnallee vier weitere Fälle, in denen abbiegende Autofahrer Fahrradfahrer angefahren und verletzt haben.

Der letzte Satz mag grammatikalisch merkwürdig und ungewohnt klingen und dies zeigt einen wesentlichen Aspekt des Dilemmas auf. Denn so typisch all diese Unfälle tragischerweise sind, so typisch ist die Art und Weise, in der anschließend darüber berichtet und diskutiert wird. »Radfahrer von Auto erfasst«, »Erneut Radler angefahren« oder »Radlerin in Leipzig überfahren«. Doch Radfahrer werden nicht magisch und aus dem Nichts angefahren, wie es die in nahezu allen Berichten üblichen passiven Formulierungen nahelegen. Es ist die aktive Handlung des Gegenübers, die im schlimmsten Fall ein Todesopfer zur Folge hat. Diese Verantwortung blenden wir mit unserer mittlerweile gewohnten Sprache zumindest teilweise aus. Kaum ein Thema scheint so schwer ohne ideologische Vorbehalte und gegenseitige Schuldzuweisungen diskutierbar, wie der Radverkehr und dessen Gefahren.

Frei von jeglichem Fingerspitzengefühl bewies dies nach dem tödlichen Unfall in der Jahnallee auch die Pressestelle der Leipziger Polizei. So kam eine ausführliche Meldung über die Gefahren für Radfahrer nicht ohne einen Verweis auf »fundamentalistisch eingestellte Radfahrer« aus, die »darauf pochen, neben einem Lkw mit eingeschaltetem Rechts-Blinker stehen zu können«. Was das mit dem tragischen Todesfall in der Jahnallee zu tun hat? Gar nichts. Warum es trotzdem ausgeführt wurde? Gute Frage. Man muss der Leipziger Polizei nicht unterstellen, dass sie hier »Victim-Blaming« betreibe und das Opfer zum Täter mache – auch wenn diese Kritik an vielen Stellen laut wurde. Was sich die Polizei aber gefallen lassen muss: als ignorant, unsachlich und pietätlos zu gelten.

Polizeisprecher Andreas Loepki begründete seine Anmerkungen damit, die Polizei habe die Aufgabe, auf wesentliche Gefahren hinzuweisen. Man stelle sich eine Pressemitteilung vor, nachdem ein Passant in einer Fußgängerzone von einem Auto überrollt und getötet wurde, in der von »fundamentalistischen Fußgängern« die Rede ist, die darauf pochen, bei Grün eine Ampel überqueren zu wollen, obwohl ein LKW mit eingeschaltetem Blinker daneben steht. Auch das mag eine reale Gefahr sein. Zweckdienlich scheint der Hinweis an einer solchen Stelle trotzdem nicht.

Rund 71 Prozent der Radfahrenden in Leipzig fühlen sich in der Stadt gefährdet. Tödliche Unfälle, wie sie sich in den letzten beiden Jahren häufen, unterstreichen diesen Eindruck. Um die Lage zu verbessern, braucht es Sachlichkeit fernab ideologischer Vorwürfe. Doch die zu erreichen scheint schwer, wenn selbst die Institution, die für Sicherheit im Verkehr sorgen soll, nicht ohne abwegige Exkurse und unsachliche Vorwürfe über Radverkehr reden kann.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 07/19.

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