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Unsichtbare Frauen

Bunte Postkästen zeigen die Porträts unbekannter, aber bemerkenswerter Frauen

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Erfolgreiche Frauen wurden und werden vergessen, obwohl sie Eindrucksvolles geleistet haben. In der Leipziger Südvorstadt würdigt eine Kunststudentin sechs dieser Frauen. Ellinor Amini behandelt in ihrer Masterarbeit nicht nur das Phänomen des Unsichtbarmachens, sondern entwickelte ein Projekt, das das Vergessen erfolgreicher Frauen überwinden möchte.

Die Baroness – so wurde Hilla von Rebay genannt. Die Künstlerin lebte Anfang des 20. Jahrhunderts erst in Deutschland, dann in der Schweiz, in Italien und schließlich, ab 1927, in den USA. Neben ihrer eigenen Kunst entwarf sie Ausstellungskonzepte. Sie baute die Sammlung von Solomon Guggenheim auf, die heute als eine der bedeutendsten Sammlungen klassischer Moderne gilt. Trotz ihrer Leistungen wurde sie, aus einem Streit heraus, von der Guggenheim Stiftung unsichtbar gemacht. Ihre Rolle als Gründungsdirektorin wurde aus der Stiftungsgeschichte gestrichen. Die Stiftung ist bekannt, die Baroness hingegen nicht. Deswegen ist sie eine der sechs Frauen, die die Studentin Ellinor Amini in Leipzig in ihr Projekt »Hidden Sheroes«, verborgene Heldinnen, aufgenommen hat. Alle sechs haben etwas Besonderes geleistet und Amini möchte sie in Leipzig sichtbarer machen. Die Porträts der Heldinnen lassen sich auf Postkästen in der Leipziger Südstadt finden.

Kunst als gesellschaftlicher Beitrag

Foto: Hannah Beck

Schulterlanges braunes Haar und Brille. Erst nach mehreren Versuchen klappt es mit dem Videotelefonat. Ellinor Amini sitzt vor einer Wand aus weißbemalten Ziegelsteinen, sie lacht viel während des Gesprächs. Sie ist wieder im Schwarzwald und so kommt kein persönliches Gespräch in Leipzig zustande. Die 26-Jährige studiert künstlerische Konzeption in Reutlingen. Eigentlich wollte sie beruflich in eine andere Richtung. Ein Praktikum nach dem Abitur an der Oper verdeutlichte ihr aber, dass der Gesang doch nicht das war, was sie sich vorstellt hatte. Ihrem künstlerischen Drang folgend, begann sie, Design zu studieren. Kunst berühre Betrachtende emotional und beeinflusse sie nachhaltiger, als es Gesetze könnten. »Ich bin zwar keine Ärztin, aber ich kann damit einen Beitrag zur Gesellschaft leisten, oder versuche es zumindest«, sagt Amini über ihr eigenes Rollenbild als Künstlerin. Im praktischen Teil ihrer Masterarbeit wollte sie sich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter beschäftigen und das in bildender, demokratisierter Kunst umsetzen.

Kunst für alle

Foto: Hannah Beck

Was demokratisierte Kunst bedeutet, erklärt Amini mit einem Zitat, das Louise Otto-Peters zugeschrieben wird: »Die Kunst gehört nicht nur den Auserwählten, sondern allem Volk, sie gehört hinein in das Leben.« Darum wollte Amini abgeschlossene Ausstellungsorte wie Museen umgehen und ihre Kunst in das Stadtbild integrieren. Die Werke sollten allen zugänglich sein, ohne dafür bezahlen zu müssen.
Auf der Suche nach möglichen Orten fielen ihr die Postkästen auf, in denen Briefe zwischenlagern. Zwei Stunden nach der Anfrage habe sie bereits die Zusage gehabt: Sie durfte die Postkästen bemalen. Mattias Perrson, Pressesprecher der Deutschen Post, erklärte, dass die Deutsche Post grundsätzlich Projekt unterstütze, die sich mit den Unternehmenswerten decken. »Hidden Sheroes« sei jedoch das erste Projekt dieser Art in Leipzig. Ellinor Amini entschied sich für Leipzigs Südvorstadt, wegen der besonderen Stimmung. Sie sei kreativ und energiegeladen. Die Leute hätte Lust etwas zu machen und Amini habe in ihrer Zeit nie ein Nein gehört. »Alles ist möglich!«

»Make it smaller in order to make it unique«

Die Porträts gestaltete Amini minimalistisch, um das Wesentliche hervorzuheben: die Frauen. Auf allen sechs Postkästen findet sich zudem die Internetadresse zu der Website, die die Künstlerin für ihr Projekt eingerichtet hat. Dort lassen sich kurze Biografien nachlesen sowie alle Positionen der sechs Kästen in der Südvorstadt finden.

Foto: Hannah Beck

Jede der Frauen bekam eine eigene Farbe, entweder passend zu ihrer Biografie oder dem Ort, an dem der Postkasten steht. Die Porträts sind schlicht gehalten, im One-Line-Draw-Stil, der Stift wird dabei während der Anfertigung kein einziges Mal abgesetzt. Außerdem habe sie die Bilder blindgezeichnet, also ohne beim Zeichnen auf das Blatt zu schauen. Das reduziere ebenfalls. Das gesamte Projekt stehe unter dem Motto: »Make it smaller in order to make it unique«.

 

Eine subjektive Auswahl

Foto: Hannah Beck

Dass nur sechs Frauen im Projekt vorkommen, ist der Zeit geschuldet, die ihr durch die Hochschule für die Masterarbeit vorgeschrieben wurde. Amini hatte vier Monate für die Recherche, die Konzeption und die finale Umsetzung. Außerdem musste sie noch eine wissenschaftliche Arbeit verfassen und die Internetseite gestalten. Amini versuchte, eine gewisse Diversität zu schaffen. Alle sechs Frauen hatten völlig unterschiedliche Karrieren, Erfolge und Rückschläge in ihren Leben. Trotzdem handelt es sich bei allen um weiße Frauen aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Sie haben allerdings über Länder und Kontinente hinweg gelebt und gewirkt.

Amini knüpfte mit den »Hidden Sheroes« nicht an bestehende Projekte an. Dabei verfolgt beispielsweise »Frauen machen Geschichte – Leipziger Frauenporträts«, das durch das Referat Gleichstellung für Frau und Mann der Stadt Leipzig initiiert wurde, eine ganz ähnliche Grundidee. Darauf angesprochen erklärt Amini, dass sie nicht aus Leipzig komme und »die tollen, bereits existierenden Projekte zur Sichtbarmachung vor Ort« noch gar nicht kannte.

Foto: Simon Sarfati

»Letztlich ist es natürlich eine subjektive Auswahl«, sagt Amini, »aber ich habe versucht, objektive Parameter zu berücksichtigen.« Zu den Auswahlkriterien gehörte, ob die Frauen über ihr Fachgebiet hinaus bekannt sind, oder ob ihre Leistungen Geschichtsbücher gewürdigt worden wären, wenn es sich um Männer gehandelt hätte. Einige Kandidatinnen hätte sie nicht nehmen können, weil es zu wenig Informationen zu deren Leben gegeben habe.

 

 

»Unterschätzte und unsichtbare Frauen gibt es in jeder Stadt«

Foto: Hannah Beck

Für ihr Projekt bekam Amini unteranderem positives Feedback von ihrer Hochschule und dem Institut für Frauen- und Geschlechterforschung aus Leipzig. Es bestärke sie darin, das Kunstprojekt fortzusetzen. Das schlichte Konzept ließe sich unkompliziert überall anwenden. »Unterschätzte und unsichtbare Frauen gibt es in jeder Stadt«, sagt Amini. Mattias Persson von der Deutschen Post kann sich vorstellen, dass seine Kolleginnen und Kollegen in anderen Regionen Deutschlands das Projekt ebenfalls unterstützen würden. Amini möchte jedoch in naher Zukunft wieder nach Leipzig ziehen. Die besondere, kreative Stimmung vermisse sie.

> http://www.hiddensheroes.de

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