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Tanz vor dem Vulkan

Das Klimacamp Leipziger Land zog am Samstag tanzend zum Kohlekraftwerk Lippendorf

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Mit einstudierten Choreografien endete die Demonstration »Tanz und schwitz für Pödelwitz«. Etwa 500 Menschen beteiligten sich am Samstag an der Demonstration von Neukieritzsch bis zum Kohlekraftwerk Lippendorf bei Leipzig. Sie protestierten gegen den Abriss des Dorfs Pödelwitz durch die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft (Mibrag).

Am Bahnhof Neukieritzsch sammeln sich am Samstag bereits ab halb 12 die ersten Menschen. Einige kommen mit einem Shuttle-Bus, viele reisen mit dem Fahrrad vom Klimacamp in Pödelwitz an – oder sie sind die sechs Kilometer bis zum Startpunkt gelaufen. Der Weg führt vorbei an einer tiefen Kohlegrube und ratternden Förderbändern. Im Hintergrund raucht das Kraftwerk Lippendorf.

Anwohnerinnen und Anwohner stehen rund um den Bahnhofsvorplatz. Einige wollen nicht mit der Presse sprechen, andere begrüßen die Demonstration. Eine Frau stört sich nicht am Inhalt des Protests, doch dessen Form nennt sie »albern«. Einige Protestierende sind geschminkt, mit goldenen Bändern geschmückt und tanzen ausgelassen zur Musik. Nina Beck, Pressesprecherin des Klimacamps, trägt pinke Hose und goldene Kappe. »Wir brauchen einen bunten Protest, an dem alle teilnehmen können«, erklärt sie.

Dieseltransporter vs. Kohlekraftwerk: Heftige Diskussionen am Rande

Thomas Hellriegel (CDU), Bürgermeister von Neukieritzsch, sagt, er stehe zwiegespalten zu den inhaltlichen Forderungen der Kohlegegner. Ihm zufolge gehe es bei dem Thema Kohle auch um Arbeitsplätze und Versorgungssicherheit. Dass der Lautsprecherwagen der Demonstration ein alter Diesel ist, nennt er »scheinheilig«.

Thomas Hellriegel (CDU) vor Dieselfahrzeug.

Die Aussage führt zu Diskussionen mit Teilnehmern des Klimacamps. Man habe versucht, einen großen Elektro-Transporter zu bekommen – ohne Erfolg, argumentiert Jonas G., der an diesem Tag für den Kohleausstieg demonstriert. Ein einziges Fahrzeug mit dem gesamten Kohleabbau der Mibrag zu vergleichen, stehe in keinem Verhältnis.

Für Jens Hausner (Bündnis 90/ Die Grünen), Sprecher der Initiative Pro Pödelwitz und einer der letzten Bewohner von Pödelwitz, scheint es nachvollziehbar, dass der Klimaprotest in der Region polarisiert. Es sei aber wichtig, in Sachen Umweltpolitik für ein Umdenken bei Bürgerinnen und Bürgern zu sorgen. Hier stehe ihm zufolge die Landesregierung in einer Bringschuld: »CDU und SPD hätten Mut für die Zukunft streuen müssen.«

»Vollkommen unverhältnismäßig«: Friedlicher Protest mit Polizeibegleitung

Um 12:30 Uhr setzt sich die Demonstration in Bewegung. Bis zum Kraftwerk sind es gut fünf Kilometer, vom Dieseltransporter schallt Musik. Die Polizei ist mit Pferdestaffel, Fahrradstaffel, Einheiten der Bereitschaftspolizei und zahlreichen Fahrzeugen vor Ort. Die Beamten sollen nicht nur die Demonstration begleiten, sondern zugleich das Gelände der Braunkohlegesellschaft vor unbefugtem Betreten schützen. »Angesichts der Kooperationsgespräche fanden wir es vollkommen unverhältnismäßig«, erklärt Klimacamp-Sprecherin Nina Beck am Folgetag.

Entgegen der Befürchtungen von Polizei und Bürgermeister Hellriegel bleibt der Protest friedlich. Der Demonstrationszug endet mit einer ungewöhnlichen Kundgebung direkt vor dem Kraftwerk. Zwischen Redebeiträgen tanzen Demonstrationsteilnehmerinnen gemeinsam zu Musik. Die Choreografien wurden im Camp erarbeitet und einstudiert.
Im Klimacamp beteiligten sich laut Nina Beck mehr als 1.000 Menschen. Sie nahmen an Workshops teil oder halfen bei der Organisation. Nach der Demonstration wurde bis in die frühen Morgenstunden gefeiert. Am Sonntag beginnt der Abbau.

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