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Kultur

Twitter-Klamauk im Heiligen Land

Die Cammerspiele bringen Tweets auf die Sommertheaterbühen an der Moritzbastei

  Twitter-Klamauk im Heiligen Land | Die Cammerspiele bringen Tweets auf die Sommertheaterbühen an der Moritzbastei  Foto: Mim Schneider

Tweets auf der Bühne: Die Cammerspiele bringen André Herrmanns »Schön war’s, aber nicht nochmal« in der Moritzbastei auf die Sommertheaterbühne. Doch ergeben lustige Tweets gleich auch gutes Theater?

Sommerurlaub statt Sommertheater? Ganz so einfach machen es sich die Cammerspiele in diesem Jahr nicht, aber sie machen den Urlaub zum Theater selbst. Ulrich Faßnacht darf in der Moritzbastei mit seinen Eltern Heike Ronniger und Bernhard Biller nach Israel und Jordanien reisen und dabei allerhand skurrile Situationen erleben, die er in Tweets in die Welt sendet. Das mag dem einen oder anderen bekannt vorkommen, denn der Leipziger Comedian André Herrmann hat vor einigen Jahren genau das gemacht und immerhin 1 Million Menschen damit erreicht – pro Tweet. Die gesammelten Kurzbotschaften sind mittlerweile als Buch mit dem Titel »Schön war’s, aber nicht nochmal« erscheinen und das wiederum bringt Regisseur Christian Hanisch als Uraufführung auf die Bühne.

»Antreh«, ruft denn auch Ronninger mit deutlich sachsen-anhaltinischem Zungenschlag über die Bühne, wenn sie morgen um fünf auf den Zug zum Flieger wartet, damit sie alle pünktlich fünf Stunden vor Abflug am Flughafen sind. Immer mit dabei bei dieser Tour de Force: Ralf Donis, der in einer Mischung aus zweitklassigen Luden und Moderator aus den ersten Stunden des Privatfernsehens durch den Abend führt und sich dabei zu einem wahren Soundkünstler aufschwingt, wenn er am Mikrofon minutenlang das Vibrieren eines Handys simuliert.

Donis gehört ja mittlerweile zum Inventar des Cammerspiele-Sommertheaters und sorgt auch verlässlich dafür, dass vor allem gut abgehangene 80er-Wave-Musik zu Einsatz kommt – diesmal sogar live gesungen zu minimalistischen Midi-Sound-Versionen von Klassikern wie »Fade to Grey« oder »Mad World«. Besonders furios ist dabei Ronneberger, wenn sie mit exaltiertem Hüftschwung und langen wehenden Haaren den Flashdance-Song »Maniac« performt. Die jordanische Wüste wird ihr Dancefloor und die Musik reichert den kurzweiligen Bilderbogen erfolgreich an. Doch nicht nur da kommt Stimmung auf.

Denn Regisseur Hanisch und sein Team verlassen sich primär auf Herrmanns kurze Miniaturen, die sie in zwei Stunden präsentieren. Die Bühne von Franziska Funke besteht aus einem großen multifunktionalen Kasten, der mal Podest, mal Strandkorn sein kann und aus matt golden schillernden Vorhängen besteht, durch deren Spalten nicht nur Auf- und Abgänge möglich sind, sondern die sich auch in die Ritzen der Klagemauer verwandeln können, der die beiden Senioren ihre Wünsche anvertrauen, irgendwo zwischen Enkelkind und Rasenmäheroboter. Ronniger und Biller mimen die beiden als großartig geradlinige Provinzeier. Sie immer ein bisschen aufgescheucht, er immer ein wenig phlegmatisch mit Durchblick an den falschen Stellen. Zugleich aber leuchtet stellenweise eine geradezu rührende Zärtlichkeit zwischen all dem Chaos auf. Faßnachts »Antreh« hingegen ist ein menschgewordenes Bernd das Brot, was sehr gut zum ironisch-misanthropischen spätpubertären Habitus der Erzählperspektive passt, die zwischen genervt, beschämt und diskret gefühlig oszilliert.

So entwickelt sich der Abend zu einem schnellen Parforceritt, der im Zweifelsfall für den Lacher votiert und sich am Ende gar nicht entscheiden kann, was denn jetzt die beste Schlusspointe ist. Ob Bademeister Donis am Toten Meer den Vater zusammenpfeift, die Mutter in der Sicherheitskontrolle verschwindet oder Sohn Antreh den falschen Zug zum Flughafen wählt, alles läuft rasant wie am Schnürchen. Kleine Inside-Jokes wie Hermanns Zeile »Könnt‘ ich mich wahnsinnig drüber aufregen, mach‘ ich aber nicht«, werden ebenso goutiert wie purer Slapstick, wenn etwa der Vater sich seine Hosen abreißt, um zu beweisen, dass die Beine abnehmbar sind. Sind sie natürlich nicht.

Das Publikum zur Premiere war entsprechend begeistert und mitgerissen und auch der Autor der Tweets war augenscheinlich sehr angetan von dieser Bühnenvolte. Mitunter gerät sie sehr sketchartig, aber das ist wiederum materialauthentisch, wenn alles in 140 Zeichen passen muss. Für einen lauen Sommerabend ist diese Art von Reiseunterhaltung bestens geeignet und der hohe Zuspruch macht bereits jetzt eine Neuauflage mehr als wünschenswert.


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