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»Makerspace, nur für normale Leute«

Kulturwissenschaftler Thomas Schmidt-Lux über seine Studie zu Leipziger Garagenhöfen

  »Makerspace, nur für normale Leute« | Kulturwissenschaftler Thomas Schmidt-Lux über seine Studie zu Leipziger Garagenhöfen  Foto: Christiane Gundlach

GWZ H5, 1.07, Sprechzeit bei Professor Doktor Schmidt-Lux. Thema: Seine Studie »Garagenhöfe als Sozialräume? Nutzungen, Diskurse und Konfliktpunkte der Leipziger Garagenhöfe«, für die er mit Jannis Bredemeier um die dreißig Leipziger Garagenhöfe erkundet und mit weit mehr Menschen gesprochen hat.

Wie kam es zu der Garagen-Studie?

Mein Bruder ist Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Stadtrat (Michael Schmidt, vorher 2009–24 Stadtrat, Anm. d. Red.) und wir haben uns immer mal über die Diskussionen zu Garagenhöfen unterhalten. Darin taucht ja oft das Argument auf, dass da ganz viel passiert, dass diese Garagen ganz wichtige soziale Orte sind. Ich konnte da nicht sofort sagen: Das stimmt oder das stimmt nicht. Und das fand ich ein schönesThema, sich das mal systematisch anzugucken, irgendwann hatte die Stadtverwaltung 3.000 Euro für eine Hilfskraft zusammengekratzt – und wir hatten eine ergebnisoffene Auftragsarbeit.


Und Sie haben das Thema mit Ihrem Bru
der besprochen, weil Sie beide Ihre halbe
Kindheit auf dem Garagenhof in Mockau
verbracht haben?

Nee! Die grüne Fraktion hat bei dem Thema natürlich eine politische Agenda, aber ich hatte dazu weder als Kulturwissenschaftler noch privat einen Bezug – das hat es mir auch ein bisschen leichter gemacht, mir die Sache anzugucken.


Sie umreißen in der Studie zunächst die
Diskurse um Garagenhöfe haben sich aber auch ganz konkret in Leipzig umgesehen und nachgefragt …

Ja, wir haben eine Liste von der Stadt mit rund 50 Garagenhöfen bekommen und sind dann ab September 2023 zwei, drei Monate lang zu 30 bis 35 von ihnen gefahren. Wir haben außerdem Leute angeschrieben, von denen wir wussten, dass sie in dem Feld aktiv sind – wie die Garagenvereine in Mockau und Anger-Crottendorf. An viele Orte sind wir aber einfach erst mal unvorbereitet gefahren, zu unterschiedlichen Zeiten am Tag oder in der Woche.


Der Fotograf Christoph Busse hat uns
erzählt, dass er fast nie Leute in Garagenhöfen getroffen hat. Wie haben Sie das in Leipzig erlebt?

Es sind keine stark bevölkerten Orte, aber wir haben immer wieder punktuell Leute getroffen: Da schraubte jemand an seinem Auto, stellte oder holte es ab – und es war überraschend unproblematisch, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Da hatten selbst die Leute aus den Ämtern Zweifel. Wir haben extra Visitenkarten anfertigen lassen! Die wollte aber niemand haben … Klar, einige wollten wissen: Kommt hier jemand, um den Abriss zu entscheiden? Aber wir stehen ja für keine Seite im Konflikt und dann haben sie darüber geredet, seit wann sie da sind, was sie hier so machen. Und die Leute haben gar nicht so getan, als würde da ganz viel stattfinden. Gerade die Älteren haben gesagt: Ja, das war früher so, und konnten gut schildern, wie sich das verändert hat.


Nämlich?

Früher – meint: in der DDR – haben sie oder auch ihre Eltern sich zum Beispiel Freitagabend in den Garagenhöfen getroffen und gegrillt. Das passiert heute vielleicht noch zweimal im Jahr – wenn der Hof kollektiv sauber gemacht wird, aber das ist auch nicht überall der Fall. Die Leute haben in den Gesprächen mit uns überhaupt nicht so getan, als sei das der Stadtteiltreffpunkt.


Identifikationsorte sind die Garagenhöfe aber nach wie vor, schreiben Sie.

Unser Befund ist, dass das Argument »kollektive soziale Orte« für die Leipziger Garagenhöfe nicht funktioniert. Sie sind für die Leute natürlich weiter wichtig, aber die Bedeutung kommt eher als vergangener kollektiver Ort: Wir haben das hier zusammen aufgebaut und da war ich oder waren meine Eltern mit dabei und hier gibt es immer noch zwei, drei andere, die auch dabei waren. – Wir haben aber nicht so viele Menschen getroffen, die schon so lange ­dabei sind. Viele haben ihre Garage erst seit vielleicht zehn Jahren und hängen gar nicht so stark biografisch dran – kommen aber stark aus so einer politischen Haltung: Überall wird was für die Autos gekürzt und irgendwann ist mal Schluss – wir können nicht alle mit dem Lastenrad fahren!


Haben die Leute Sie auch in die Garagen reingelassen?

Wenn die Garagen offen waren und da jemand schraubte, haben wir uns auch was
zeigen lassen, Bilder und Sprüche zum Beispiel. Mein Kollege kommt aus Ostwestfalen – das war schon eine regionalgeschichtlich interessante Sache.


Was haben Sie denn außer Autos zu sehen
bekommen?

Fahrräder, Mopeds, Werkstätten, Boote. Die einzige Überraschung war, dass wir in
Lindenau einen Mann getroffen haben, der früher ein paar Jahre in seiner Garage gewohnt hat – alle wussten das, er hat sich um die Anlage gekümmert und war auch sozial eingebunden.


Sie haben vom staunenden Kollegen aus
Westfalen gesprochen. Inwiefern sind Garagenhöfe ein ostdeutsches Biotop?

Diese Art von großen Garagenhöfen, die ist schon unique für Ostdeutschland. Es gibt
in Westdeutschland mal Garagenreihungen, aber das sind dann vielleicht zehn Garagen und nicht mehrere hundert. Und dass diese Höfe nicht irgendwo am Stadtrand liegen, sondern auch mitten in der Stadt – dass du rumlaufen kannst von Hof zu Hof, konnte man ja sehr schön im letzten Jahr bei dem Garagenprojekt der Kulturhauptstadt Chemnitz sehen –, das ist schon was Ostdeutsches.


Sie verweisen in der Studie auch auf einen Aufsatz von Peter Bescherer und 
Robert Feustel, die anhand eines Garagenhof-Abrisses in Leipzig die Debatte darum in Richtung neoliberale rechte Stadtpolitik lesen, in der nur eine Schein-Partizipation der Bürgerinnen und Bürger existiert.

Zwei Punkte des Artikels sind uns nicht so begegnet: erstens die stark konservative oder rechte Ausrichtung der Leute, die sich für die Garagen einsetzen – ich sehe schon die Akteure, die da gemeint sind, aber dieses klassische politische Links-Rechts-Schema verdeckt für mich eher Dinge, als dass es was erklärt. Wir haben mit sehr unterschiedlichen Leuten gesprochen, die ihre Argumente für die Garagen hatten. Und zweitens neoliberal? Ich sehe in der Stadt gar nicht so ein super geplantes Vorgehen bei den Garagenhöfen – neoliberale Politik würde ja eine Agenda unterstellen. Irgendeine Art von Plan.


Würden Sie die Debatte um die Garagenhöfe auch zwei Jahre nach der Studie als Konflikt bezeichnen?

Ich habe nicht den Eindruck, dass sich grundsätzlich was dabei geändert hat. Es gibt diesen hohen Politisierungsgrad und eine Ermächtigung seitens der Garagenleute. Es ist ja prinzipiell gut, wenn Leute sich engagieren – aber hier ist das schon gepaart mit so einem Grundmisstrauen gegenüber Verwaltung und einer politischen Agenda. Stadtverwaltung ist ja für uns alle nicht sofort differenzierbar, konkret wahrnehmbar. Für die Garagenleute war das in den Gesprächen aber oft so ein Konglomerat aus: grüner Stadtentwicklungsbürgermeister und das Amt macht, was der will … Auf der anderen Seite sind da die Stadtverwaltung und die Politik, wo ich manchmal schon dachte: Na ja, so funktioniert das doch auch nicht. Ich bin natürlich Laie und schaue von außen drauf, aber innerhalb eines Garagenhofs gibt es doch ganz verschiedene Leute – jüngere, ältere, fitte, welche im Rollstuhl. Ist es da nicht auch mal möglich, vielleicht nicht die eine Lösung für alle, aber eine angemessene Lösung für die zu finden, die eben wirklich auf den Standort oder die Nähe angewiesen sind?


Als wir in der Redaktion über das Thema sprachen, sagten einige: Garagenhöfe sind 
der unnützeste Ort in der Stadt – räumen lassen! Wohnhäuser drauf setzen!

Ich hab mich nicht zum Garagenromantiker entwickelt – also klar, ich hab auch Fotos gemacht, gedacht: Ach, guck mal hier, ein blaues und ein gelbes Tor, davor ein paar Pflanzen, herrlich! Aber wir diskutieren an anderen Stellen ja oft über Verdichtung: Wo haben wir noch Räume oder wo kann einfach mal irgendwas passieren? Und wenn man durch diese Linse auf die Garagen und Höfe guckt, sind es vielleicht doch nicht so altertümliche oder reaktionäre Orte – sondern eben Freiräume für Leute, die dort einfach ihren Kram machen können, ohne dass sie eine Stunde fahren oder viel Geld dafür bezahlen müssen.


Als Makerspace.

Ja, nur für normale Leute. (lacht) Vor dem Hintergrund würde ich nicht einfach sagen: Kann weg oder können alle weg. Gleichzeitig sind manche Argumente in der Diskussion in gewisser Weise Quatsch. Schnell wird da ja erzählt: Wir erhalten die Garagen und machen da Photovoltaik drauf. Das klingt erst mal gut, aber man kann ja auf jedes Dach eine Solaranlage stellen, dazu musst du nicht alle Garagenhöfe erhalten

> Die Studie finden Sie hier.


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