Startseite / Kultur / Rauchender Agentterrorist

Rauchender Agentterrorist

Deniz Yücel erzählt im Conne Island von seiner Haft in der Türkei

Größeres Bild

Vor zwei Jahren hatte unsere Autorin noch in einem Autokorso für seine Freiheit gehupt – am Dienstagabend saß Deniz Yücel vor ihr. Auf der Bühne des Conne Island erzählte er seine Geschichte als »Agentterrorist« in einem türkischen Gefängnis.

Die Schlange vor dem Leipziger Conne Island ist lang. Im Regen warten hunderte geduldig, um Deniz Yücel zu sehen – und zu hören, was er zu erzählen hat. Einige von ihnen waren vor zwei Jahren schon einmal seinetwegen in Connewitz – um mit einem Autokorso unter dem Motto #freedeniz für seine Freiheit zu demonstrieren. Ein Jahr lang saß Yücel im türkischen Gefängnis als »Agentterrorist«, wie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ihn nannte. Eine Bezeichnung, die er extra für Yücel erfunden hatte und die Yücel nun als Titel für sein Buch über die Zeit im Hochsicherheitsgefängnis adaptiert hat.

»Mit dem Buch will ich die Geschichte abheften, einen Punkt darunter setzen«, erklärt Yücel am Anfang der Veranstaltung, die mehr Lesung als Gespräch wird. Dass dieser Plan nötig ist, zeigt sich in der Anekdote, dass Yücel in den letzten Monaten eigentlich als Korrespondent der Welt aus Dresden über die sächsische Landtagswahl berichten sollte. Das hat nicht geklappt. »Es war zu früh, zu viel für mich«, sagt Yücel. Nun also erstmal Lesetour, auf der Yücel das Geschehene resümiert.

Als er damals für die Welt nach Istanbul ging, war ihm klar – wahrscheinlich klarer als seiner Chefredaktion –, dass es für Journalisten dort unangenehm ist. »Mit türkischem Namen steht man unter Verdacht des Vaterlandsverrat«, betont er. »Aber ich hab das Risiko nicht so hoch eingeschätzt.« Auch seine Anwälte, Kollegen, Freunde nicht. Doch sei eine solche Verhaftung wie ein Journalistenpreis, findet er. Er habe seinen Job anscheinend richtig gemacht. Vorgeworfen wurden Yücel Terrorpropaganda, auf die Anklageschrift musste er ein Jahr lang warten.

Ein Jahr im Knast, die meiste Zeit in Einzelhaft. Seiner Meinung nach verfolgte die Türkei mit seiner Inhaftierung zwei Ziele: nicht nur türkische Journalisten, sondern auch die Weltpresse einschüchtern und Erdogans Wahlkampf unterstützen. Niemals werde er Yücel ausliefern, jedenfalls nicht, solange er im Amt ist, ließ Erdogan damals verlauten. Dass der Journalist nun doch in Freiheit und zurück in Deutschland ist, hat auch mit der Solidaritätskampagne #freedeniz zu tun, die neben Autokorsos auch Demonstrationen, Lesungen und Konzerte organisierte. Ihr Adressat war vor allem die Bundesregierung, die Druck auf die Türkei ausüben sollte. Was sie dann, von den Demos selbst unter Druck gesetzt, auch tat.

Er selbst habe dazu auch seinen Beitrag geleistet, sagt Yücel: »Ich habe Feindanalyse betrieben, um dann so lange zu nerven, bis es ihnen mehr schadet als nützt, mich weiter in Haft zu lassen.« So hat er von seiner Zelle aus viele Texte, Interviews und Korrespondenzen mit anderen Journalisten und Freunden rein- und rausgeschmuggelt – als juristische Post an den Europäischen Gerichtshof getarnt. Die Brieflesekommission habe anfangs immer nur Briefe seiner Schwiegermutter durchgelassen.

Dennoch stellte sich an diesem Abend die Frage, ob die große Öffentlichkeit Yücel eher nutze oder schade. Er sei zu einem Posterboy geworden, sagt er selbst. Auch auf der Bühne raucht er wieder fröhlich. »Freedeniz war gut für die Pressefreiheit, aber nicht für Sie«, habe ihm ein Diplomat erklärt, denn wahrscheinlich wäre er mit leisen diplomatischen Gesprächen viel früher rausgekommen. Das sehe er aber nicht so, betont Yücel. »Ich hätte das Gefühl gehabt, vergessen worden zu sein. So viele Menschen haben zu mir gehalten, ich bin ein glücklicher Mensch.«

Dieses Glück haben andere nicht. Am Ende fragt eine Zuschauerin, die mit den Tränen kämpft, wieso es keinen interessiert, dass die deutsch-kurdische Sängerin Hozan Cane gerade im türkischen Knast sitzt. Und ihre Tochter, als sie sie besuchen wollte, auch verhaftet wurde. Yücel verweist darauf, dass die Bundesregierung sich vielleicht unbemerkt für sie einsetze und dass die Wirtschaftskonzerne, die in der Türkei Geschäfte machen, mehr in die Pflicht genommen werden müssten. Autokorsos für Cane gab es bisher nicht.

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare