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Literatur

Wo Literatur Haltung zeigt

Turbulenzen im Literaturbetrieb: Die Leipziger Kinder- und Jugendbuchhandlung »Serifee« wird mit dem deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet

  Wo Literatur Haltung zeigt | Turbulenzen im Literaturbetrieb: Die Leipziger Kinder- und Jugendbuchhandlung »Serifee« wird mit dem deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet  Foto: Leonie Brommer

Der deutsche Buchhandlungspreis sorgte in diesem Jahr für reichlich Schlagzeilen. Erst schloss Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nominierte Buchhandlungen aus, dann sagte er die Preisverleihung im Rahmen der Leipziger Buchmesse gänzlich ab. Statt einer feierlichen Zeremonie gab es für die Nominierten Post nach Hause. Unter die Ausgezeichneten der Kategorie »Beste Buchhandlung« hat es auch der Kinderbuchladen »Serifee« aus dem Leipziger Süden geschafft. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. 

Mitten auf dem Feinkostgelände gelegen, könnte die Buchhandlung »Serifee« auf den ersten Blick auch für ein Café gehalten werden. Vor dem Geschäft stehen braune Holztische und Klappstühle, die bei gutem Wetter zum Verweilen einladen. Das kleine Fenster neben der Eingangstür verrät allerdings, dass es drinnen nicht nur frischen Kaffee, sondern vor allem Bücher zu kaufen gibt. Anders als bei anderen Buchhandlungen ist statt eines großen Schaufensters nur ein kleiner Schaukasten an der Außenfassade angebracht. Weniger als zwei Handvoll Bücher sind dort ausgestellt. Im Laden hingegen ist die Auswahl an Kinder- und Jugendbüchern groß. Die Hündin Nani gehört zum Inventar. Wenn sie nicht die Kundschaft begrüßt, beobachtet sie das Treiben von ihrem Platz unter der großen Treppe aus. 

»Kinder- und Jugendbuch ist das, was ich kann«, erzählt Inhaberin Susann Thiel. Aber auch für erwachsene Lesende hat die Buchhändlerin ein breites literarisches Angebot. Was anfänglich noch auf einem einzigen Regalmeter Platz fand, nimmt inzwischen deutlich mehr Raum ein. Thiel kennt ihre Kundschaft und nimmt sich Zeit für sie. An der Kasse wird über Konsum und Kindergeschenke geplauscht und für die Stammkundschaft gibt es zum bestellten Buch auch mal einen Tipp für die anhaltenden Kopfschmerzen. 

Dabei hatte Thiel, bevor sie die Serifee im Jahr 2009 gründete, nur wenig mit Büchern am Hut. »Ich komme aus einem buchfernen Haushalt und bin nicht mit vielen Büchern aufgewachsen.« Nach der Schule macht sie eine Ausbildung zur Goldschmiedin. Mit Menschen zu arbeiten, kann sie sich damals nicht vorstellen. Doch nach ihrer Ausbildung findet sie keinen Job in Leipzig. Ihrer Heimatstadt den Rücken zu kehren, ist für Thiel früher wie heute keine Option. »Ich kann nicht mal aus dem Leipziger Süden wegziehen«, gibt Thiel lachend zu. Erst über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und eine Vereinsmitarbeit kommt Thiel zum Buchhandel. »Ich habe schnell gemerkt, dass es ziemlich fetze ist.« 

Normalerweise findet die Leipzigerin Buchhandlungen ziemlich anstrengend. »Wenn man völlig planlos ist, ist man oft erschlagen von der Auswahl», berichtet Thiel. In ihrem Buchladen sucht sie deshalb alle Bücher selbst aus. »Ich entdecke nach und nach Sachen und wachse mit meinem Sortiment«, erzählt die Buchhändlerin. Wichtig sei ihr, dass ihre Bücher verschiedene Lebenswirklichkeiten abbilden. Doch auch so mancher populärer Roman findet seinen Weg ins Regal. Bei einer bekannten Kinderbuchfigur zieht Thiel hingegen eine klare Grenze: »Conni-Bücher habe ich aus Prinzip nicht hier. Aber wenn es ›Connis erste Abtreibung‹ gibt, dann werde ich es aufnehmen.«. Dass Literatur politisch ist, scheint für Thiel eine Selbstverständlichkeit. »Wer wissen will, ob ich links bin oder nicht, muss in mein Schaufenster schauen.« 

Politisch wurde es in diesem Jahr auch beim deutschen Buchhandlungspreis. Nach der Absage der feierlichen Preisverleihung durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat Thiel erst per Post von der hohen Auszeichnung erfahren. »Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich verstanden habe: Wir sind die beste Buchhandlung«, erklärt Thiel stolz. Obwohl die Freude überwiegt, werde ihr nach und nach bewusst, wie unglücklich die Umstände rund um die Preisverleihung seien. »Der Tag hätte ein schöner sein sollen und keiner, den man mit Wut und Fassungslosigkeit verbindet.« Durch die Absage der Veranstaltung sei vor allem für die Nominierten viel verloren gegangen. »Für mich ist der Preis trotzdem wertvoll«, resümiert Thiel.

Seitdem das Staatsministerium für Kultur und Medien das Serifee mit dem Hauptpreis ausgezeichnet hat, ist die Resonanz groß. Kundschaft und Neugierige kommen in den Laden, weil sie von der Auszeichnung erfahren haben, sich umschauen wollen und Glückwünsche aussprechen möchten. Neben erfreulichen Reaktionen gab es jedoch auch eine anonyme Forderung, den Preis zurückzugeben sowie eine Presseanfrage des rechtspopulistischen Portals Nius.


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