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»Du könntest zum Unterricht auch mal im Kleid kommen«

  »Du könntest zum Unterricht auch mal im Kleid kommen« |   Foto: Christiane Gundlach

Musikhochschulen sind von Einzelunterricht, Genie-Kult, Hierarchien und hohem Leistungsdruck geprägt – Machtmissbrauch ist da kein neues Problem, wird aber zunehmend thematisiert. Wir haben mit Studierenden und Mitarbeitenden der Leipziger Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« über ihre Erfahrungen und Eindrücke gesprochen.

Als Lou ihr Studium an der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« (HMT) beginnt, ist sie euphorisch. Sie ist dankbar, einen der umkämpften Studienplätze ergattert zu haben, fühlt sich privilegiert, Einzelunterricht zu bekommen. Heute denkt sie anders über ihr Studium: In den sieben Semestern an der HMT ist sie mehrfach Opfer von Machtmissbrauch geworden. Lou heißt eigentlich anders, auch ihr Hauptstudienfach soll hier nicht genannt werden – zu klein sind der Hochschulkosmos und die Musikszene, zu groß die Sorge, erkannt zu werden und dadurch negative Konsequenzen zu erfahren.

Die Erfahrungen von Lou sind kein Einzelfall. Ausgehend vom Hochschulaktionstag gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung, der im November vergangenen Jahres bundesweit an staatlichen Musikhochschulen – und somit auch an der HMT – stattfand, haben wir in den vergangenen Monaten mit Studierenden, mit Mitarbeitenden des Rektorats, des Gleichstellungs- und des Vertrauensteams sowie mit Lehrkräften der Hochschule über ihre Erfahrungen mit Machtmissbrauch im Hochschulalltag gesprochen. Wie Lou wollten auch die anderen Studierenden dabei nur anonym berichten – im Text sind ihre Namen, Fächer und einzelne Details daher verändert oder weggelassen.


Im Gespräch berichtet Lou von drei verschiedenen Machtmissbrauchserfahrungen, die dazu geführt haben, dass sie die HMT nun weitestgehend meidet und bemüht ist, möglichst zügig ihren Abschluss zu machen. Bereits im ersten Semester lassen Lou ungefragte körperliche Nähe und sexualisierte Kommentare im Einzelunterricht sich unwohl fühlen: »Die Lehrperson hat sich teilweise zu mir auf die Bank gequetscht, mich ungewünscht an meinen Händen berührt. Als ich aufgrund des Körperkontakts etwas verhalten war, hat er mich ein freches Weib genannt. Irgendwann sagte er zu mir: Du könntest zum Unterricht auch mal im Kleid kommen.« Lou schafft es, in der Situation zu kommunizieren, dass sie sich unwohl fühlt, und verlässt den Raum. »Mein Lehrer hat mir noch gesagt, ich solle mich nicht so anstellen, er habe nur Spaß machen wollen.« Lou wendet sich ans Gleichstellungsbüro der Hochschule und meldet sich das restliche Semester für diesen Unterricht krank. Ein reibungsloser Lehrerwechsel ist möglich und die Gleichstellungsbeauftragte, an die Lou sich gewandt hat, kündigt an, den Lehrer abzumahnen. Ob das passiert ist, weiß Lou nicht. Auch wir erfragen es im Rahmen unserer Recherche nicht – denn mit einer Anfrage zu diesem spezifischen Fall würden wir Lous Anonymität gefährden.

Es bleibt für Lou nicht bei dieser einen Erfahrung: »Ständig fielen Kommentare über meinen Körper und meine Outfits«, zudem zieht die Hauptfachlehrperson, jemand in Professur, regelmäßig vor ihr über andere Studierende her – sie seien zu dick oder zu dünn. »Ich habe von dieser Lehrperson Nachrichten auf Whatsapp erhalten, teilweise nachts, in denen mein Aussehen auf meinem Profilbild kommentiert wurde.« Kontakt über Messenger zwischen Lehrenden und Studierenden ist an Musikhochschulen nicht unüblich, etwa um Unterrichtszeiten abzustimmen. Die Nachrichten der Lehrperson zu ihrem Aussehen empfindet Lou jedoch als grenzüberschreitend. Über dieselbe, dem kreuzer namentlich bekannte Lehrperson sagt uns ein anderer Student, sie habe einer Kommilitonin zu einer Brustverkleinerung geraten. Er und Lou berichten beide davon, dass mehrere Studierende derartige Erfahrungen mit der Person gemacht hätten. Zudem sei die Lehrperson oft zu spät zum Unterricht gekommen, habe Stunden unbegründet abgesagt oder während der Unterrichtszeit über fachfremde Themen monologisiert – »materiellen Machtmissbrauch« nennt man solches Verhalten. 2024 schließt sich Lou anonym einer Sammelbeschwerde an, die eine Kommilitonin initiiert. Die betroffene Lehrperson ist anschließend mehrere Wochen krankgeschrieben, danach aber wieder normal da. Sie habe eine Professur inne, da lasse sich – wenn es nicht unmittelbar rechtliche Schritte geben solle – leider nicht so viel machen, habe es seitens der Hochschulleitung geheißen.

Auch mit der Initiatorin der damaligen Beschwerde, die diese namentlich beim Rektorat einreichte, haben wir gesprochen: Sie habe zur Zeit der Beschwerde keinen Unterricht mehr bei der Lehrperson gehabt und nach dem Beschwerdeverfahren beantragt, dass die Lehrperson nicht in ihren Prüfungen sitzen dürfe – mit Erfolg. Ihre Erfahrungen mit Machtmissbrauch an der HMT verarbeite sie derzeit auch im Rahmen ihres neuen Studiums: Nach dem Abschluss an der HMT studiert sie Journalismus in Halle. Für die Reaktion des Rektorats auf ihre Beschwerde ist sie rückblickend dankbar – sie habe sich ernst genommen gefühlt.

Eine dritte Erfahrung von Machtmissbrauch empfindet Lou als tiefe Manipulation. Sie schluckt mehrfach, als sie davon erzählt. »Ich hatte ja bereits Erfahrungen gemacht, war zum Thema Übergriffigkeiten und Missbrauch sensibilisiert – und trotzdem bin ich da irgendwie reingeraten.« In diesem Fall habe sie sich mit der Lehrperson sehr gut verstanden – zu gut, denke sie im Nachhinein. Der Umgang im Unterricht sei freundschaftlich gewesen. Irgendwann habe die Lehrperson angefangen, private Dinge zu erfragen und Textnachrichten zu schreiben, die mit dem Unterricht nichts zu tun hatten. Es folgen zweideutige Kommentare und Herz-Emojis unter Fotos auf Social Media. »Ich habe mich da einlullen lassen, habe mich auch geschmeichelt gefühlt, dass eine Lehrperson, zu der ich aufsehe, mich so schätzt und mag«, erzählt Lou rückblickend. Das Verhalten der Lehrperson ihr gegenüber habe sich irgendwann aber schlagartig verändert. Ein herabwürdigender und strenger Umgangston, enormer Druck und Vorwürfe mangelnder Motivation hätten danach zum Unterrichtsklima gehört. Lou weiß bis heute nicht genau, was zu dieser Kehrtwende geführt hat. Im Zuge dieser Erfahrung habe sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen: »Ich brauchte Unterstützung, um zu sortieren, welche Rolle ich in diesem Verhältnis gespielt habe. Ich hätte viel eher meine Grenze ziehen können, war aber schließlich auch die hierarchisch tiefer gestellte Studentin, die in einem Abhängigkeitsverhältnis stand.«

Musikhochschulen sind anfällig für Machtmissbrauch

Mit sieben weiteren Studierenden haben wir seit Ende letzten Jahres über Machtmissbrauchserfahrungen an der HMT gesprochen. Sie erzählen etwa von der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen bei Studierenden (»Diese Schwere, die die Person mit in den Unterricht bringt, sei so anstrengend, hat eine Lehrperson über eine Kommilitonin zu mir gesagt«), vielfach von Bodyshaming (»Eine Professorin hat mir gegenüber den Körper einer Mitstudentin herabgewürdigt«), von verletzender Pauschalkritik (»Mir haben Dozierende gesagt: Du bist so langweilig und nichtssagend.«) oder sexualisierter Sprache (»Die Lehrperson sagte zu mir, ich solle das O so artikulieren, als würde ich einen Blowjob geben.«). Auch Tränen im Unterricht sowie Lästereien durch Lehrpersonen, sowohl über Studierende als auch über andere Lehrende, scheinen regelmäßig vorzukommen. Ein Student erzählt uns, er werde im Unterricht häufig ungefragt berührt, an der Brust, dem Po, zwischen den Oberschenkeln – alles unter dem Vorwand, die Körperhaltung müsse korrigiert werden. Eine weitere Studentin berichtet von einer Situation im Kleingruppenunterricht. Die Gruppe habe sich über Mozarts Oper »Don Giovanni« unterhalten, in der es um einen Mann gehe, der versuche, möglichst viele Frauen zu verführen – was nicht wenige Inszenierungen als versuchte Vergewaltigungen darstellen. »Der Professor hat mich in dem Gespräch angeguckt – ich war die einzige Frau im Raum – und gesagt, unfreiwilliger Sex könne ja auch schön sein.« Sie beklagt, dass insbesondere im Gesangs- und Schauspielstudium sowie auf der Opernbühne, wo es oft auf körperlichen Ausdruck ankomme und um die Darstellung von Sexualität und Liebe gehe, Sexualisierungen und körperliche Übergriffigkeiten gang und gäbe seien. »Ich weiß noch, dass ich am Anfang meines Studiums dachte, das wäre alles normal.«

Auch andere berichten uns, dass sie ihre Erfahrungen zunächst nicht einordnen konnten und teilweise nicht wussten, an wen sie sich wenden sollten. Von allen, mit denen wir darüber gesprochen haben, hat lediglich Lou Situationen des Machtmissbrauchs auch im jeweiligen Moment als solche benennen können.

Altes Thema, neuer Umgang

Dass Machtmissbrauch an Musikhochschulen schon lange existiere, erzählt uns Pianistin Julia Bartha. Sie arbeitet seit 2009 an der HMT, ist seit 2025 Professorin am Institut für Musikpädagogik. »Im Musikstudium geht es einerseits um das Handwerk, andererseits – und das vielleicht viel mehr – aber auch um Emotionalität, die es braucht, um Musik authentisch vermitteln zu können«, so Bartha. »Das setzt eine Bereitschaft zu emotionaler Durchlässigkeit, Offenheit und Sensibilität voraus – und geht oft mit Druck einher. Dass das auch ausgenutzt werden kann, habe ich auch zu meinen Studienzeiten schon erlebt«, berichtet die Professorin, die 1991 bis 2000 an der Musikhochschule in Hannover studiert hat. Bartha schildert, dass Missstände, etwa Verhältnisse zwischen Lehrpersonen und Studierenden, zu ihren Studienzeiten offene Geheimnisse gewesen seien. Dass enormer Druck ausgeübt wurde, Türen auch mal von innen abgeschlossen wurden, habe man kopfschüttelnd hingenommen. Sie selbst sei »weitestgehend verschont geblieben«.

Bartha zeigt sich erleichtert, dass das Thema Machtmissbrauch in der Musikwelt mittlerweile sichtbarer verhandelt wird. Zugleich betont sie, dass der Hochschulkosmos in seinen Ansichten auf das Thema noch lange nicht homogen sei – auch in der Studierendenschaft. Teilweise spiele da auch die Internationalität eine Rolle, Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen seien auch hinsichtlich ihres Umgangs mit Autorität unterschiedlich sozialisiert. Auch unter Lehrenden nehme sie diese Verschiedenheit wahr. Viele würden am selben Strang ziehen und zur Weiterentwicklung der Hochschule bezüglich des Themas beitragen wollen, aber: »Wir sind so viele. Wahrscheinlich wird es immer so bleiben, dass es Kolleginnen und Kollegen gibt, die sagen: ›Das steht nicht auf meiner Agenda.‹« Einige würden auch denken, dass sie es selbst unter diesen Studienbedingungen geschafft hätten und heutzutage darum nicht so ein Brimborium gemacht werden müsse. Bartha wolle nicht mit dem Finger auf andere zeigen. »Reinen Wein einzuschenken, ist manchmal ganz schön hart. Die Menschen, um die es in vielen Fällen geht, sind große Persönlichkeiten in der Musikwelt, haben einen Ruf, weil sie fantastische Künstlerinnen und Künstler sind«, so die Professorin. »Dann etwas Schmutziges über die Person zu erfahren, tut weh.«

Konstanze Beyer, Geigenprofessorin an der HMT und Leiterin des Instituts für Musikpädagogik, teilt diese Einschätzung. In einer Stellungnahme an den kreuzer schreibt sie: »Die aufrichtige Frage, ob ich mir überhaupt des bestehenden Machtverhältnisses bewusst bin, wird meiner Meinung nach noch nicht überall konsequent gestellt und beantwortet.« Lehrkräfte seien an Musikhochschulen »sehr individuell unterwegs« und hätten großen Gestaltungsspielraum in ihrer Arbeit. Umso mehr bedürfe es klarer Verhaltensegeln. Beyer betont, dass an der HMT viel in Bewegung sei: »Wir sind aktiv dran, eine Kultur des Miteinanders zu etablieren, die auf Respekt, Fairness, Transparenz und gegenseitiger Wertschätzung beruht.« Insbesondere in ihrer Funktion als Institutsleiterin sehe sie es in ihrer Verantwortung, an der Weiterentwicklung der Hochschule hinsichtlich des Themas mitzuwirken.

Fehlendes Problembewusstsein und Engagement unter einigen Lehrenden sowie der individuelle Gestaltungsspielraum, den Professorinnen und Professoren an der HMT haben, sind auch Teil der Kritik, die die Studierenden in den Gesprächen mit uns äußern. Darüber hinaus nennen sie mangelnde pädagogische Kompetenzen einiger Lehrender, den tradierten Begriff des Künstlergenies, fehlende Anonymität in der Feedbackkultur, Abhängigkeitsverhältnisse zu ihren Lehrenden, starke Hierarchien und den Einzelunterricht in verschlossenen Räumen als mögliche Bedingungen für den Machtmissbrauch, wie sie ihn an der HMT erlebt haben. Sowohl für Bartha als auch für Beyer ist insbesondere der Einzelunterricht, der laut Rektorat der HMT rund achtzig Prozent des Unterrichts an der Hochschule ausmache, eine Chance, ins intensive Arbeiten zu kommen und individuell auf die Studierenden eingehen zu können. Was einerseits Potenzial trägt, birgt jedoch auch seine Risiken – das kritisieren nicht nur die Studierenden. »Weil die Türen verschlossen sind und keine weitere Person verfolgen kann, was sich im Unterricht abspielt, ist es besonders wichtig, dass sich jede Lehrperson an ein gemeinsames Verständnis von Professionalität und persönlichen Grenzen hält«, schreibt Beyer.

Auslöser der Debatte in München

Durch das Bekanntwerden von sexualisierter Gewalt an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) vor zehn Jahren erlangten Musikhochschulen erstmals öffentlich Aufmerksamkeit als Schauplatz von Machtmissbrauch. Im Studienjahr 2015/16 erhoben ehemalige Mitglieder der HMTM erste Vorwürfe der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung gegen den vormaligen Hochschulpräsidenten Siegfried Mauser sowie gegen einen Kompositionsprofessor. Ersterer wurde wegen sexueller Nötigung zu einer Haftstrafe verurteilt, Letzterer in drei Fällen vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, aufgrund von unerlaubtem Rauschmittelbesitz jedoch ebenfalls zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. »Der Fall Mauser hat das in meinen Augen alles in Bewegung gebracht«, denkt Bartha heute. Dann kam Metoo. Auch international deckte die Bewegung von Betroffenen sexualisierter Belästigung und Gewalt in der klassischen Musikszene erschütternde Missstände in prominenten Orchestern auf. Nennenswert sind etwa der damalige Chefdirigent der New Yorker Metropolitan Opera James Levine sowie der damalige Chef des Amsterdamer Concertgebouw Orkest Daniele Gatti, die 2018 im Zuge von Vorwürfen durch Metoo ihrer Ämter enthoben wurden – zumindest für Gatti kein folgenschwerer Karrierebruch. Wenig später wurde er neuer Opernchef in Rom und leitet heute die Sächsische Staatskapelle Dresden.

Auch innerhalb der Jazzszene entfachte der Erfahrungsbericht von Friede Merz eine Debatte über strukturelle Abhängigkeiten im Musikbetrieb: Die Sängerin machte 2023 die Beziehung öffentlich, die sie während ihres Studiums am Jazz-Institut Berlin mit dem dortigen Professor Greg Cohen führte, sprach dabei von emotionaler Manipulation, Isolation und psychischer Gewalt.

Auch in Leipzig gab es zuletzt Vorwürfe des Machtmissbrauchs: Gegen einen ehemaligen Dirigenten des Jugendsinfonieorchesters der Leipziger Musikschule »Johann Sebastian Bach« habe die Staatsanwaltschaft wegen sexueller Belästigung in zwei Fällen Anklage erhoben, wie die LVZ am 10. März berichtete. Bereits vergangenes Jahr sei der Dirigent von der Musikschule, an der er 25 Jahre tätig war, zunächst beurlaubt und dann freigestellt worden. Grund dafür seien Chatnachrichten gewesen, die der Orchesterleiter einem minderjährigen Orchestermitglied schickte.

Wie Musikhochschulen reagierten

An der Münchener Musikhochschule setzte infolge der strafrechtlichen Ermittlungen gegen die beiden Musiker und Lehrkräfte ein Prozess der Aufarbeitung der Geschehnisse und Entstehung von Präventions- und Aufklärungsmaßnahmen ein, der auch andere deutsche Musikhochschulen erreichte. Die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen (RKM), ein Zusammenschluss der deutschen Musikhochschulen, richtete nach eigenen Angaben im direkten Anschluss an die ersten Ermittlungen in München 2016 eine Arbeitsgruppe gegen sexualisierte Diskriminierung und Machtmissbrauch ein – und verpflichtete 2017 ihre Mitglieder zur Umsetzung von Schutzmaßnahmen vor sexueller Gewalt an ihren Einrichtungen. In einem Empfehlungspapier von 2019 riet die RKM zur Ausarbeitung eines Verhaltenskodex zur Sensibilisierung und Klärung von Rahmenbedingungen im Einzelunterricht an Musikhochschulen – eine Handlungsempfehlung, die in den darauffolgenden Jahren von mehreren Hochschulen im deutschsprachigen Raum umgesetzt wurde.

Im März 2024 veröffentlichte das Münchener Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) die Ergebnisse einer Vollerhebung zu Machtmissbrauch, Diskriminierung und sexualisierter Gewalt an der HMTM. Beauftragt wurde die Studie von der Hochschule selbst. Ziel war es, die seit 2016 eingeführten Maßnahmen evaluieren zu können. Die Studie beschreibt das Hochschulklima zwar insgesamt als positiv, nennt Machtmissbrauch aber als das zentrale Problem – wegen der Risikofaktoren Einzelunterricht, starke Hierarchien, Intransparenz und Karriereabhängigkeit der Studierenden von ihren Lehrpersonen. Rund ein Viertel der Befragten hatte angegeben, selbst Machtmissbrauch erlebt zu haben, die Hälfte sagte, Machtmissbrauch selbst erlebt, gesehen oder davon gehört zu haben. HMT-Professorin Konstanze Beyer bezeichnet diese markanten Studienergebnisse in ihrer Stellungnahme an den kreuzer als »Paukenschlag aus München«. So muss es auch die RKM wahrgenommen haben, denn die beschloss daraufhin eine bundesweite Studie über Machtmissbrauch an Musikhochschulen (noch bis Sommer) sowie einen bundesweiten Hochschulaktionstag als Zeichen gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung an den 24 staatlichen Musikhochschulen in Deutschland (im November 2025).

Neue Strukturen und Engagement an der HMT

Die Erfahrungsberichte der Musikstudierenden, mit denen wir gesprochen haben, zeigen, dass das Problem, wie es etwa von der RKM adressiert wird oder aus der Studie zur HMTM München hervorgeht, auch in Leipzig ganz konkret ist. So nimmt es auch das Rektorat der Hochschule wahr: »Das Thema beschäftigt uns nicht erst seit vorgestern«, sagt Ute Fries, Prorektorin für Studium und Lehre an der HMT. »In den vergangenen zehn Jahren hat das, was hier problematisches Verhalten bedingt, stetig mehr Aufmerksamkeit erlangt.« Fries schätzt, dass etwa acht bis zwölf Prozent der Hochschulmitglieder von Machtmissbrauch betroffen sein könnten. Genaue Zahlen lägen noch nicht vor, würden aber in der Umfrage der RKM derzeit erhoben. Laut Fries hat die Hochschule rund 1.300 Studierende, etwa 500 Lehrende sowie circa 60 Mitarbeitende in Service-Bereichen. Stimmen die Einschätzungen von Fries, hätten rund 150 bis 230 der gegenwärtigen Hochschulmitglieder Erfahrungen mit Machtmissbrauch gemacht. Wie in München seien daher auch an der Leipziger Musikhochschule in den letzten Jahren neue Strukturen zur Aufklärung und Prävention von Machtmissbrauch entstanden. Vor allem das Vertrauensteam und Gleichstellungsbüro der HMT würden diese Veränderungen vorantreiben, so Fries. Aber auch ein engagiertes Rektoratsmitglied, wie die Prorektorin selbst, sowie der Studierendenrat der Hochschule würden zur Sichtbarmachung des Themas beitragen, sagt uns Carmen Maria Thiel, die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der HMT. »Es kommt häufig vor, dass eine studierende oder hier arbeitende Person in meinem Büro steht und von Erfahrungen mit unangemessenem oder diskriminierendem Verhalten seitens eines anderen Hochschulmitglieds berichtet.« Wie die interviewten Studierenden kritisiert auch Thiel, dass die Hierarchien und Abhängigkeiten an Musikhochschulen ein Nährboden für Machtmissbrauch seien. 2016 veröffentlichte die HMT etwa eine Richtlinie zum Schutz vor sexualisierter Diskriminierung und Gewalt an der Hochschule. Zu den jüngsten Entwicklungen zählen auch das bessere Sichtbarmachen möglicher Beschwerdeverfahren auf der Website der Hochschule sowie, dass sich neu und fest angestellte Lehrpersonen vertraglich zu regelmäßigen pädagogischen Weiterbildungen verpflichten.

Zudem sei 2024 eine drittmittelfinanzierte Stelle eigens für die Erarbeitung von neuen Maßnahmen zum Schutz vor Diskriminierung und Barrieren im Studium, darunter auch Machtmissbrauch, entstanden. Diese ist bis Juni dieses Jahres aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) der Europäischen Union projektfinanziert. Wie eine Finanzierung darüber hinaus aussehen kann, sei noch unklar, so Fries. Bekleidet wird die Stelle des Referenten für diskriminierungs- und barrierefreies Studium von Dhia Ben-Hamda.
Der Zusammenschluss der verschiedenen Beratungspersonen der HMT zu einem Vertrauensteam im Herbst 2025 erfolgte etwa auf seine Initiative: »Ich dachte, wenn man sich zusammentut, hat man mehr Überblick über die Themen und die Studierenden haben mehr Überblick über uns.« Zusammen mit der Inklusionsbeauftragten führt Ben-Hamda derzeit eine Umfrage – unabhängig von der RKM – unter Studierenden der HMT zu ihrer Studienerfahrung an der Hochschule durch. Die Ergebnisse der Auswertung sollen laut Ben-Hamda Ende April veröffentlicht werden.

Sowohl Ben-Hamda als auch Vertretende des Stura berichten in den Gesprächen mit dem kreuzer zudem von der Entwicklung des besagten Verhaltenspapiers, das vom Stura initiiert wurde. Nach Gegenwind von einigen Lehrpersonen habe sich eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern des Senats, des Stura und Ben-Hamda zur Ausarbeitung des Papiers getroffen. Das Verhaltenspapier solle Grundregeln erfassen, die das Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden sowie den Umgangston und bestimmte No-Gos klarstellen – auch zum Schutz der Lehrenden, erläutern Vertretende des Stura, die ebenfalls anonym bleiben wollen, im Gespräch mit dem kreuzer. Sie berichten, dass ihre Initiative von einigen Lehrpersonen als Generalverdacht aufgefasst wurde. »Es sind insbesondere männliche Personen in höheren Positionen, die sich persönlich angegriffen gefühlt haben und die weniger Bereitschaft zeigen, sich zum Thema Machtmissbrauch auszutauschen oder gar Veränderungen in der Hochschulstruktur zuzulassen«, sagt ein Mitglied des Stura. Den Eindruck, dass das Thematisieren von Machtmissbrauch unter Kolleginnen und Kollegen teilweise Abwehrreflexe hervorrufe und persönlich genommen werde, teilen auch die beiden Professorinnen Bartha und Beyer.

Aktionstag zum Thema an der Hochschule

Von Gegenwind in ihrer Arbeit berichtet auch Thiel, die den Aktionstag gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung am 27. November 2025 unter dem Motto »Kunst Macht Menschlichkeit« an der HMT maßgeblich organisiert hat. Abgesehen von wenigen missgünstigen Stimmen bewertet sie den Aktionstag rückblickend positiv: »Besonders erfreulich war, dass mit circa 150 Personen deutlich mehr anwesend waren als angemeldet.«

Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten im Anschluss an den Workshop-Tag rückgemeldet, dass er Denk- und Reflexionsprozesse hinsichtlich eigener Erlebnisse und eigenen Verhaltens angestoßen habe, berichtet Thiel. »Kritische Stimmen kamen eher von Personen, die nicht am Aktionstag teilgenommen haben.«

Auch Prorektorin Ute Fries und Professorin Julia Bartha bewerten den Aktionstag positiv, mahnen aber langen Atem an. »Unter vielen Hochschulmitgliedern gibt es bereits Bewusstsein für das Thema. Das sind in meiner Wahrnehmung dann auch die, die am Aktionstag teilgenommen haben«, so Fries. »Natürlich waren andere Mitglieder nicht da, nicht immer aus bösem Willen, aber Einigkeit darüber, dass es Auseinandersetzung mit dem Thema Machtmissbrauch braucht, herrscht eben noch nicht.«

Unter den Studierenden fallen die Bewertungen des Aktionstags dem kreuzer gegenüber kritischer, wenn auch grundsätzlich positiv aus. So sagt eine Studentin, dass sie den Tag von der Idee und weiten Teilen der Umsetzung her gut gefunden, an einigen Stellen aber Awareness-Strukturen vermisst habe. »Wenn ein Fotograf rumläuft und in den Workshops Fotos macht oder Workshops für Studierende und Dozierende zusammen gemacht werden und wir dann vor den Menschen, zu denen wir in Abhängigkeit stehen, über Situationen des Machtmissbrauchs reden sollen, ist das für mich kein Safe Space«, erzählt sie. Eine andere Studentin pflichtet ihr bei und kritisiert, dass diese Aufklärung nicht längst ins Studium integriert sei. »Die Menschen wissen nicht, dass das, was ihnen widerfährt, strukturell ist. Bei Beginn meines Studiums gab es zumindest niemanden, der mich dafür sensibilisiert hat«, sagt sie wütend.

Wie mit Beschwerden umgegangen wird

Wer an der Leipziger Musikhochschule Machtmissbrauch melden möchte, kann sich – ein Programmpunkt des Aktionstages war es auch, das sichtbar zu machen – an das Vertrauensteam wenden. Auch der Stura bietet sich als Beschwerdestelle an, der regelmäßig mit Ute Fries im Austausch ist.

Verschiedene Beschwerdemöglichkeiten und Konsequenzen für Täter sind auf der Website der HMT vermerkt. Während dort auch formelle Dienstgespräche, Abmahnungen, Versetzungen, Kündigung oder Disziplinarverfahren aufgelistet sind, setzt die HMT in erster Linie auf Kommunikation als Mittel der Deeskalation. Als Mitarbeiter der Hochschule verfolgt Ben-Hamda das Ziel, dass Einzelunterricht mit den betroffenen Personen weiterhin oder wieder stattfinden könne und sich die Konfliktparteien in Gesprächen auf einen gemeinsamen Umgang einigen. Theoretisch gebe es auch andere Handlungsmöglichkeiten, sie seien aber selten realistisch, solange kein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt. »Insbesondere Professoren und Professorinnen haben vorher keine echten Konsequenzen zu befürchten, sie sind durch ihren Beamtenstatus besonders geschützt«, so Ben-Hamda. An der benachbarten Hochschule für Grafik und Buchkunst sah das vor ein paar Jahren anders aus: 2021 wurde dort einem Professor nach »gravierenden Beschwerden« mehrerer Studierender wegen sexualisierter Anspielungen fristlos gekündigt, berichtete damals unter anderem der Spiegel.

Ben-Hamdas Arbeit sei darauf ausgelegt, problematisches Verhalten weniger zu bestrafen, sondern mehr darauf zu setzen, dass gegenseitiges Verständnis entstehe und wiederholtes Fehlverhalten vermieden werde. »Etwa zwei oder drei Mal pro Woche gibt es kleinere Vorkommnisse, bei denen vermittelt werden muss.« Die »größeren Fälle«, in denen Parteien zu einem klärenden Gespräch zusammengeführt werden, würden fünf bis zehn Mal pro Semester vorkommen.

Ben-Hamdas Arbeit setzt da an, dass Studierende und Mitarbeitende der HMT die Beschwerdestellen und Gesprächsangebote durch das Vertrauensteam nutzen. Bis auf Lou haben sich die Studierenden, mit denen wir gesprochen haben, jedoch dagegen entschieden – weil sie negative Konsequenzen fürchten. Zwar gebe es diese Strukturen oder etwa die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen anonym zu evaluieren, »aber wenn der Professor nur ein Dutzend Studierende hat oder in dem Kurs, der evaluiert werden soll, nur drei Leute sitzen«, sei schnell klar, wo eine Beschwerde herkommt. Eine Studentin berichtet, dass bei der Beschwerde einer Mitstudentin die Ansprechperson des Vertrauensteams direkt zur betroffenen Lehrperson gegangen sei und offen über die Sorgen der Studentin gesprochen habe.

Die Studierenden wünschen sich eine externe und unabhängige Vertrauensstelle. Eine Kooperation mit dem Verein Themis, der bundesweit als Beratungsstelle für Betroffene und Arbeitgeber gegen sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch in der Kultur- und Medienbranche agiert, drohe trotz langer Gespräche zu scheitern, so Fries, denn den finanziellen Forderungen des Vereins könne angesichts der ohnehin angespannten Haushaltslage schlichtweg nicht entsprochen werden. Genaue Zahlen nennt Fries nicht, auch Themis selbst äußert sich dem kreuzer gegenüber nicht.


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