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Ein neuer Kopf

Das MdbK braucht einen umfassenden Neustart und muss sich an seine Stärken erinnern

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Das Museum der bildenden Künste braucht schon ab 2020 einen neuen Direktor. Zeit für einen umfassenden Neustart, sagt HGB-Professor Dieter Daniels – ein Gastkommentar.

Ende Juni teilte Museumsdirektor Alfred Weidinger der Stadt mit, dass er seinen Vertrag bis 2023 nicht erfüllt, sondern 2020 zum Oberösterreichischen Landesmuseum wechselt. Er übernahm im August 2017 den Posten. Zuvor leitete Hans Werner Schmidt von 2000 bis zu seiner Rente im April 2017 das Haus.

Wer bei einer Tasse Tee im Museumscafé des Museums der bildenden Künste Leipzig (MdbK) den Blick schweifen lässt, stößt unweigerlich auf zwei symptomatische Hinterlassenschaften der beiden letzten Museumsdirektoren. An der Decke wurde gegen Ende der Ära Schmidt das »Leipziger Firmament« von Ben Willikens installiert. An dieser mehr oder weniger passenden Stelle wurde das Spätwerk dieses heute etwas in Vergessenheit geratenen Künstlers aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen (Jugendtraum des Malers bei der Bombardierung von Leipzig) sowohl physisch wie auch juristisch (durch den Sponsor) festgezurrt. Die großflächigen Klebstoffschlieren auf der Sichtbetonwand direkt darunter markieren den Beginn der Ära Weidinger. Es handelt sich um ein Relikt der Wandarbeit des Künstlers Wang Qingsong mit chinesischen Schriftpostern sowie einem riesigen Fragezeichen. Auf eine Grundierung des Sichtbetons für die rückstandsfreie Ablösung dieser Papierbahnen wurde aus rätselhaften Gründen verzichtet. Und das, obwohl im Team des MdbK durchaus die Expertise für eine fachgerechte Lösung vorhanden wäre. Symptomatisch sind diese Relikte deshalb, weil sie beide für einen unbedingten Willen zur direktoralen Zeichensetzung stehen. Zugleich verweisen sie auf die Unterschiede der beiden Ägiden: effektorientierter Remix von Kunst- und Zeitgeschichte an der Decke, unschöne Altlasten von Aktionismus auf Kosten der Substanz an der Wand.

Die Ära Weidinger hat das MdbK in mehrfacher Hinsicht positiv belebt und vor allem das Interesse junger, social-media-affiner Publikumsschichten geweckt. Der Social-Media-Effekt, auch als Ökonomie der Aufmerksamkeit bezeichnet, hat jedoch das kuratorische Programm so tiefgreifend geprägt, dass die Nachhaltigkeit und mit ihr die Wissensvermittlung, ganz zu schweigen von der Wissenschaftlichkeit, aus den Hallen des Museums getrieben wurden. Doch genau in dieser Wissbegier, im Bildungshunger liegen die bürgerlichen Ursprünge der Leipziger Sammlung und letztlich auch ihre Legitimation für die Zukunft.
Um nur zwei Beispiele für die Ambivalenz der Ära Weidinger zu nennen: Es war absolut verdienstvoll, die längst überfällige Arno-Rink-Retrospektive zu zeigen, zumal sie schicksalshaft mit dem Tod des Künstlers zusammenfiel. Doch Rinks entscheidende Rolle als Vermittler zwischen der alten und der neuen Leipziger Schule sowie der Übergang von 1989 war kaum nachvollziehbar. Außerdem fehlten wichtige Bilder, die beispielsweise in der Retrospektive der Kunsthalle Rostock 2015 gezeigt worden waren. Ebenso verpasste die Yoko-Ono-Ausstellung eine historische Verortung ihres Werks. Der Kontext von Fluxus und neuer Musik, ihre Auseinandersetzung mit Toshi Ichiyanagi oder John Cage wurde ebenso unterschlagen wie Onos revolutionäre »Plastic Ono Band«. Ohne diesen Hintergrund entfachte Yoko Ono in Leipzig einen etwas provinziellen Hype um eine Pop-up-Mitmach-Ausstellung. Die vielfältigen Aspekte ihres Werks wurden 2018/19 in Liverpool, Toronto, Tokyo, Amsterdam, Cambridge und Chicago in differenzierterer Form gewürdigt.

Wie geht es weiter mit dem MdbK nach Weidinger? Welche Lehren kann eine kluge Kulturpolitik aus diesen beiden oberflächlich gesehen konträren, aber im Kern relativ verwandten Direktoraten ziehen? Welche unzweifelhaften Errungenschaften der Ära Weidinger ließen sich mit etwas mehr Substanz angereichert verstetigen?

Entscheidungen auf kulturpolitischer Ebene sollten sich heute zwar über regionales Klein-Klein hinwegsetzen, andererseits aber das enorme Potenzial berücksichtigen, das der Kunststandort Leipzig bietet. Dazu würde im MdbK eine thematische Synergie von Sammlungspräsentation und Ausstellungsprogramm gehören. Vorbildlich zeigten das Grassi-Museum mit »Bauhaus in Sachsen« oder das Albertinum mit der Schau »Zukunftsräume« über die abstrakt-konstruktive Avantgarde in Dresden, wie ein regionaler historischer Schwerpunkt mit zeitgenössischen Fragestellungen verknüpft werden kann. Apropos Dresden: Wie lassen sich die Alleinstellungsmerkmale von Leipzig als »the better Berlin« für junge, kreative Impulse auch in Konkurrenz zur kunstgesättigten Residenzstadt an der Elbe weiterentwickeln? Oder auf lokaler Ebene: Wie wären die zunehmend auf ihre Sammlung orientierte Galerie für Zeitgenössische Kunst und das umgekehrt in letzter Zeit auf Events setzende MdbK in einem konstruktiven, dialogischen Verhältnis neu zu denken?

Gewiss, Fragen sind hier einfacher als Antworten, doch es geht um eine Grundsatz-Orientierung: Wenn die Kulturpolitik den nachhaltigen Entwicklungsperspektiven eine Rückendeckung bietet, kann das Museumsprogramm Qualität vor Quantität setzten und beispielsweise auf Wolfgang Joop und Udo Lindenberg verzichten. Eine solche Positionierung beginnt beim Auswahlverfahren für die neue Leitung des MdbK. Dazu gehört eine mit Museums- und Kunstexperten besetzte Findungskommission, die den Prozess bis zur Besetzung der Stelle kompetent begleitet. Dazu gehört ebenso ein Entwurf der Bewerberinnen für die Sammlungspräsentation und das Ausstellungsprogramm mit einer Perspektive von mehreren Jahren.

Dieter Daniels ist Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie an der Hochschule für Grafik und 
Buchkunst Leipzig

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