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Kultur

Der alte Traum

Ein Filmkunsthaus der Cinémathèque für Film und audiovisuelle Kultur – es könnte doch noch Wirklichkeit werden

  Der alte Traum | Ein Filmkunsthaus der Cinémathèque für Film und audiovisuelle Kultur – es könnte doch noch Wirklichkeit werden  Foto: Tim Hard


Der Traum ist aus. Die Nachricht vom Ende des Filmkunsthauses versetzte die Leipziger Kulturszene Ende 2025 in einen Schockzustand. Nach mehr als zehn Jahren Planungen, Visionen und unzähligen Anträgen war die Umsetzung vorerst gescheitert (siehe kreuzer 11/2025). Die Mittel des Bundes, rund 21 Millionen Euro, fließen zum Teil ins geplante Haus der Festivals und die Schaubühne Lindenfels. Der Rest soll verfallen und zurück in die Staatskasse wandern. Damit endete offenbar ein langer Weg voller politischer Erfolge und Rückschläge.

Mit Leidenschaft und Ausdauer hatte die Cinémathèque ihren Traum vorangetrieben. Das geplante Filmkunsthaus sollte weit über ein klassisches Kino hinausgehen: Film als Medium sollte mit anderen Künsten, Wissenschaften und gesellschaftspolitischen Diskursen vernetzt werden. Vorgesehen war ein offener, barrierearmer Ort mit mehreren Sälen, flexiblen Räumen, Gastronomie und starken Kooperationen mit Kulturinstitutionen, Hochschulen, sozialen Initiativen und Förderern. Ziel war eine stadt- und landesweit sichtbare Schnittstelle für Filmkultur, Bildung, Medienkompetenz und Austausch.

2015 gelang ein kulturpolitischer Meilenstein: Die Skala in der Gottschedstraße sollte nicht zu Luxuswohnungen umgebaut werden, sondern für eine kulturelle Nutzung offen bleiben. Der Stadtrat sprach sich überraschend eindeutig dafür aus, die Immobilie freien Kulturträgern anzubieten. Die Cinémathèque entwickelte daraufhin gemeinsam mit Partnern wie Dok Leipzig und Euro-Scene das Konzept eines Filmkunsthauses als zentrale Plattform für Filmkultur. Trotz gesicherter Finanzierungsideen und Machbarkeitsstudien scheiterte das Vorhaben letztlich an dem stark gestiegenen Kaufpreis und ausbleibenden klaren Signalen der Stadt.


Ein neuer Versuch und 21 Millionen Euro

Die Cinémathèque kritisierte mangelnde Transparenz, fehlenden Gestaltungswillen und geringen Rückhalt durch die Stadtverwaltung, trotz einzelner unterstützender Stadträte. Parallel wurden Alternativstandorte geprüft. Der Verein warnte vor Ressourcenverschleiß, hielt aber an der Vision fest und forderte mehr Mithilfe, Verhandlungsbereitschaft und Wertschätzung für freie Träger vonseiten der Stadt.

Das Filmkunsthaus wurde in einem ungenutzten Teil der Feinkost weiterentwickelt. Die Cinémathèque sollte Mitglied in der Genossenschaft werden und einen langfristigen Mietvertrag für die Fläche erhalten. 2017 unterzeichneten beide Parteien eine gemeinsame schriftliche Willensbekundung in der Form eines Vorvertrages. Mit dieser konnten auf politischer Ebene Fürsprecher gewonnen werden sowie 2018 Fördermittel von Bund und Land in Höhe von 21 Millionen Euro, die seitdem in den Haushalten verankert sind. Im Juni 2019 besuchten Vertreter des Bundeskultusministeriums sowie des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus das Gelände für eine Projektvorstellung und eine Visualisierung der Pläne. Ziel war es, Leipzig langfristig einen überregional relevanten filmkulturellen Ort zu geben. Die Frage schien nun nicht mehr, »ob«, sondern »wann« es endlich so weit sein würde.

Doch die Größe des Projektentwurfs und die damit verbundene notwendige Besicherung für die Verwendung von Bundesmitteln über den Zeitraum von 25 Jahren wurde der Feinkost-Genossenschaft zu viel. Eine Übernahme durch die Stadt Leipzig war verwaltungsrechtlich nicht möglich. Infolgedessen zog die Genossenschaft im Herbst 2019 die Bereitschaft zur Umsetzung des Filmkunsthauses auf ihrem Areal zurück. »Ab dem Moment, als die Feinkost gescheitert ist, wurde uns die Selbstgestaltung in diesem Prozess aus der Hand genommen«, sagt Angela Seidel, ehemalige Geschäftsführerin der Cinémathèque. »Von da an waren wir nicht mehr Teil des Entscheidungsprozesses.«

2023 erreichte die Cinémathèque jedoch einen entscheidenden Etappenerfolg: Mit einer ersten eigenen Spielstätte in der Karl-Liebknecht-Straße 109 eröffnete sie ein kleines Kino mit rund 40 Plätzen, Ausstellungsraum und Büros. Dieser Raum dient seitdem als Experimentierfeld für neue Formate, Videokunst, Ausstellungen, Gespräche und Bildungsarbeit. Parallel bleibt der Betrieb in der Nato bestehen. Erstmals konnte die Cinémathèque unabhängig auftreten und ihre Identität stärken. Das Haus sollte ein erster Schritt in Richtung Filmkunsthaus sein, eine Plattform, um neue Konzepte zu entwickeln und im großen Haus zu realisieren.


Auch der Standort im Löwitz-Quartier scheitert

Die Suche nach einem geeigneten Ort lief unterdessen weiter. Nach den Rückschlägen startete man einen dritten Anlauf im Löwitz-Quartier. Die Stadt plante den Grundstückskauf, Machbarkeitsstudien wurden entwickelt, politische Beschlüsse gefasst. Die Eröffnung war perspektivisch für 2028 geplant. Doch dazu kommt es nicht. Die Stadt entscheidet sich schließlich gegen einen Erwerb des ehemaligen Zollhauses. Die Cinémathèque lässt sich trotzdem nicht beirren, ihren Traum doch noch zu verwirklichen. »Da standen wir Ende 2023 vor dieser wahnsinnigen Aufgabe«, sagt Angela Seidel, »jetzt noch mal ein neuer Standort, der in einem Zeithorizont auch realistisch entwickelbar ist, zu finden, bei dem es ein Commitment gibt mit den Partnern, bei dem es ein Wollen gibt in der Stadt, Räumlichkeiten, um unsere inhaltliche Entwicklung weiterzuführen.« Denn die vom Bund bereitgestellten Fördergelder können nur bis Ende 2026 abgerufen werden.

Mit der Leipziger Entwicklungs- und Vermarktungsgesellschaft (LEVG) und dem Kulturamt im Rücken sollte das Filmkunsthaus nun einen Platz im neuen Entwicklungsplan für den Kohlrabizirkus finden. Das Konzept musste erneut angepasst werden. Aber die Cinémathèque entwickelte auch in diesem engen Zeithorizont ein in ihren Augen realistisches Konzept für den Kohlrabizirkus. Im Oktober 2025 dann das Aus. Die Stadt teilte mit, dass das Projekt aufgrund der städtischen Haushaltslage nicht weiterverfolgt werden könne.

Die Enttäuschung sitzt tief beim Team der Cinémathèque. Bis zuletzt hatten sie an ihrem Konzept für ein Filmkunsthaus festgehalten und für eine Umsetzung gekämpft. »Wir waren eigentlich zuversichtlich mit dem Standort Kohlrabizirkus«, sagt Sven Röder. »Wir waren jetzt seit einem guten halben Jahr im Austausch mit der Stadt, mit der LEVG, um die Planung voranzutreiben.«


Große Enttäuschung im Herbst 2025

Das Aus kam für alle überraschend. Die Entscheidung, das Projekt nicht weiterzuverfolgen, wurde dem Team in einem Gespräch mit dem Kulturamt mitgeteilt. Alternativen habe es keine gegeben, ebenso wenig eine Erklärung, die über die Aussage »kein Geld« hinausgegangen wäre. Die Stadtverantwortlichen gaben der Cinémathèque zu verstehen, dass sie von nun an von der Standortsuche entbunden seien. Frust machte sich breit im Team der Cinémathèque und das Gefühl, dass die Arbeit von 13 Jahren mit Füßen getreten wird.

Im Gespräch mit dem kreuzer versuchte sich Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke an einer Erklärung: »Es war zu diesem Zeitpunkt (Oktober 2025, Anm. d. Red.) absehbar, dass an diesem Standort eine Planung bis zum 31.12.2026 nicht auf dem Tisch liegen würde. Das war das eine, das wäre sowieso schon knapp gewesen. Aber es kam noch erschwerend hinzu, dass aufgrund der städtischen Haushaltssituation die Voraussetzungen am Standort Kohlrabizirkus, überhaupt dort baulich tätig zu werden, in absehbarer Zeit nicht geschaffen werden.« Es ging um Regenentwässerung, ein beschlossenes Nutzungskonzept für den Kohlrabizirkus lag noch nicht vor, geschweige denn ein durchdachtes Finanzierungskonzept für den Betrieb und auch für die Sanierung. »Das sind so viele Unbekannte, dass selbst wenn man jetzt eine Planung aufgelegt hätte, man in einem seriösen Zeitraum die Umsetzung nicht hätte garantieren können. Nicht an diesem Standort. Und das war zu diesem Zeitpunkt klar. Deswegen hat die Dienstberatung des Oberbürgermeisters gesagt, dann gehen wir diesen Weg auch an diesem Standort nicht weiter.«

Zudem sei die Bewirtschaftung durch die Cinémathèque aus städtischer Sicht nicht umsetzbar gewesen. »Man hätte das Konzept reduzieren und komprimieren müssen«, sagt Jennicke. Genau das hatte die Cinémathèque aber immer wieder getan und war längst von ihrem ursprünglichen Plan eines Hauses mit mehreren Sälen und unterschiedlichen Initiativen an einem Ort, wie es ursprünglich für die Skala entwickelt worden war, abgerückt.

»Niemand ist jetzt froh über diese Entwicklung und das ist auch kein rühmliches Kapitel für die Stadt Leipzig«, gibt Jennicke zu. »Ich habe auch großen Respekt vor der Arbeit, der Mühe und der Leidenschaft, die der Verein als Ganzes in dieses Projekt seit 2013 reingesteckt hat. Ich selbst war zu Beginn auch Mit-Urheberin des ersten Stadtratsantrages dazu, also bin ich diesen Weg über lange Jahre mitgegangen. Nur man muss halt irgendwann konstatieren: Das Zeitfenster, in dem es möglich ist, mit dem Geld, das in Aussicht stand, hat sich im Herbst letzten Jahres geschlossen. Wir haben jetzt trotzdem noch mal einen Versuch unternommen und beim BKM nachgefragt, ob wir den Antragszeitraum verlängern können, so dass wir noch mal Zeit gewinnen. Aber das sieht nicht gut aus.«


Neue Hoffnung im Leipziger Osten?

Trotz der Niederlage gibt sich das Team der Cinémathèque kämpferisch: »Der Traum bleibt bestehen und es ist nach wie vor unser strategisches Ziel, ein Filmkunsthaus zu realisieren«, sagt Röder. »Wir lassen es nicht sein, weil wir einfach nicht anders können.« Und so reifte eine neue Idee, den Traum doch noch zu realisieren – gemeinsam mit der IG Fortuna. Der Verein versucht seit vielen Jahren, das Kino der Jugend an der Eisenbahnstraße zu retten. Die Mittel des Bundes könnten da den entscheidenden Schub geben. Das Filmkunsthaus könnte im Nebengebäude entstehen. Dort sitzt derzeit noch die Stadtbeleuchtung. Der Plan der IG Fortuna ist jedoch, das Gebäude mittelfristig zu übernehmen und kulturell nutzbar zu machen. Beide Vereine arbeiten nun konstruktiv darauf hin, ein gemeinsames Konzept umzusetzen.

Doch die Zeit drängt. Bis Ende des Jahres muss bereits eine Ausschreibung erfolgen. Eine erste Version liegt vor, bis Mitte Mai muss ein gemeinsames Konzept erarbeitet werden, inhaltlich, wie die verschiedenen Räume genutzt werden und wie die gemeinsame Rechtsform aussehen soll. Die Umsetzung erfordert neben dem Kulturamt auch eine Koordination mit dem Liegenschaftsamt und der Stadtbeleuchtung. Hier sollte die Stadt ihr Versprechen einlösen, die Cinémathèque bei der Umsetzung zu unterstützen, und vermittelnd tätig werden. Das Kulturamt versicherte dem kreuzer, man stehe im engen Austausch mit der Cinémathèque und werde beratend bei der Standortsuche und der Umsetzung des Konzeptes tätig werden.

Es könnte die letzte Chance sein, so eine kompaktere Version eines Filmkunsthauses auf die Beine zu stellen. »Angesichts der sich verändernden politischen Verhältnisse werden wahrscheinlich in mittelfristiger Zukunft sowohl für die IG Fortuna als auch für uns nie wieder solche Gelder zur Verfügung stehen, wie sie jetzt gerade theoretisch zur Verfügung stünden«, ist sich Thilo Dierkes von der Cinémathèque sicher. Ein Filmkunsthaus im Leipziger Osten wäre für die Stadt und weit darüber hinaus auch für die Förderung des Medienstandorts ein unschätzbarer Gewinn.


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