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Langsamer Abschied

Euro-Scene: Chefin-Nachfolge geklärt

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In einem Jahr verlässt Ann-Elisabeth Wolff das Festival für zeitgenössisches Theater und Tanz. Nachdenken will sie über ihren Abschied aber noch nicht. Vielmehr freut sie sich auf die diesjährige Produktion.

»Ich bin doch noch nicht weg.« Ann-Elisabeth Wolff zeigt sich leicht verwundert, als sie jetzt schon auf den Wechsel in der Leitung der Euro-Scene angesprochen wird. Sie verlässt das Festival für zeitgenössisches Theater und Tanz ja erst in einem Jahr. Zuvor wird es das 30-jährige Jubiläum geben und natürlich auch 2019 ein Festival, mit dem sie die Zuschauer überraschen möchte.

Sie könne natürlich das ganze Programm empfehlen, sagt sie auf die Frage nach einer Lieblingsproduktion. Aber dann wählt sie die Eröffnungsinszenierung des Österreichers Nikolaus Habjan aus, der Jelineks »Am Königsweg« als Sprech-Figurentheater-Mix zeigt. »Dieses Stück, welches das Publikum mit fordernden, philosophischen und äußerst anspruchsvollen Texten beballert, ist großartig. Durch die Puppen wird es so abwechslungsreich, sie brechen die Textflächen auf. Das Stück zeigt, dass die Feier des Theaters auch bei gesellschaftskritischen Stücken gelingen kann.« Die Genfer Compagnie Gilles Jobin & Artanim brachte Wolff mit dem Thema virtueller Raum in Kontakt. »VR_I« ist Tanz, der nicht da ist: »Sie tauchen ein in eine Welt, obwohl Sie wissen, dass diese nicht echt ist«, sagt Wolff. »Das ist faszinierend, so echt, mit den Tänzern konfrontiert zu werden, die gar nicht da sind. Ein Spiel mit der Realität.« Als Mono-Oper wird im weiteren Festivalverlauf etwa das »Tagebuch eines Wahnsinnigen« zu sehen sein, dieses Jahr ist wieder Zeit für »Das beste deutsche Tanzsolo«.

Pläne für 2020 hat sie auch schon, möchte aber nicht viel verraten: »30 Jahre sind eine gute Zahl, um einen persönlichen Abschluss zu machen. Das ist ja eine Epoche. Diese sollte bei dem Festival 2020 wie in einem Brennspiegel erscheinen.« So werden alte Bekannte auf den Plan treten. Wolff hofft, das die Sächsische Kulturstiftung zum Jubiläum der beantragten Finanzierungserhöhung zustimmt.
Ihre Nachfolge wollten der veranstaltende Verein und Wolff frühzeitig klären, um Zeit zu haben. Aus 26 Bewerbern, niemand aus Leipzig meldete Interesse an, hat ein Auswahlgremium eine Empfehlung ausgesprochen, der Verein ist dieser gefolgt. »Mit der Auswahl von Christian Watty bin ich sehr zufrieden«, sagt die Festivalleiterin. Das sei so früh geschehen, um erstens sehr guten Fachkollegen die Chance zur Bewerbung zu geben, denn sie würden ja in Arbeitsverträgen stecken. Zweitens sollte das eine langfristige Übergabe ermöglichen. »Es wird keine Tabula rasa geben, sondern mit dem neuen Festivalchef einen fließenden Übergang. Das geschieht in gegenseitiger Wertschätzung und Achtung.« Das Team werde übernommen. »Das Festival hat die Chance, sich zu verändern und zu verjüngen, ohne dass es seinen grundlegenden Charakter verliert.«

Wie sie auf ihren Abschied blickt? »Ich habe gerade so immens viel zu tun, dass ich derzeit überhaupt nicht nachdenken kann oder gar schon weiß, wie ich den Abschied empfinden werde«, sagt Ann-Elisabeth Wolff. Denn zunächst stehen die Euro-Scene 2019 und 2020 an, die beide allein ihrer Führung unterliegen. Würden manche Leute auch denken, Wolff habe schon aufgehört, so widerspricht sie vehement: »Ich bin ja noch über ein Jahr da.«

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 11/19.

> Euro-Scene: 5.–10.11., http://www.euro-scene.de

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