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»Das ist gelebte Demokratie«

Klima-Protest im Leipziger Land: Ende Gelände besetzt Tagebau

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Trotz Versammlungsverbot zogen am Samstag mehr als 1000 Kohlegegner und -gegnerinnen durch das Leipziger Land bis in den Tagebau »Vereinigtes Schleenhain«. Die zahlenmäßig weit unterlegene Polizei ließ den Protestzug über weite Strecken gewähren. Die Braunkohle-Gesellschaft Mibrag kündigte Strafanzeigen an.

Wie zwei Teams beim Tauziehen zerren Protestierende und Polizisten an einem weißen Stofftuch. Das Transparent spannt sich zwischen schwarzen Polizeiuniformen auf der einen und weißen Maleranzügen auf der anderen Seite. Hinter dem bizarren Schauspiel thront ein ein Kohlebagger. Nach einer knappen Minute gibt die Polizei auf und lässt das Transparent los. »Exit coal« ist in blauen Lettern auf dem Stoff zu lesen.

Für den Samstag rief das Klimabündnis Ende Gelände dazu auf, in den Braunkohlerevieren der Lausitz und im Leipziger Land für einen sofortigen Kohleausstieg zu protestieren. Die Landkreise reagierten mit Versammlungsverboten rund um die Tagebauareale. Ungeachtet dessen blockierten Klimaaktivistinnen über mehrere Stunden die Tagebaue Jänschwalde-Ost, Welzow-Süd und Vereinigtes Schleenhain sowie drei Kohlebahnen.

Polizei zahlenmäßig unterlegen

Bunt geschminkt steigen überwiegend junge Menschen in Neukieritzsch aus der Bahn. Sie ziehen weiße Overalls über, ignorierten die nur spärlich vertretene Polizei und das verhängte Versammlungsverbot. In festen Reihen von je acht Personen ziehen sie durch einen Wald, über Felder bis zur Mondlandschaft des Tagebaus.

Mehrmals versperren Polizisten den Weg, doch der zahlenmäßig weit überlegene Protestzug drückt sich an den Polizeiketten vorbei. Mehr als 1000 Kohlegegner sind im Süden von Leipzig auf den Beinen, die Polizei ist mit einer niedrigen dreistelligen Personenzahl im Einsatz. An vielen Stellen lassen die Beamten den Protest einfach gewähren. Laut Pressesprecher der Polizei Leipzig wurde bei dem Einsatz ein Beamter leicht verletzt, konnte den Einsatz aber weiter fortführen. Ein Protestteilnehmer habe dem Polizisten ein Bein gestellt.

Noch nie verurteilt

Während die Kohlegegner durch das Leipziger Land ziehen, schwebt über weite Strecken eine Drohne über ihren Köpfen. Ende Gelände schafft an diesem Tag vor allem auch publikumswirksame Bilder, mit denen das Anliegen verbreitet werden soll. Die Aktion am Samstag feiert das Bündnis als vollen Erfolg. »Das ist gelebte Demokratie«, sagt Ende Gelände-Sprecherin Sina Reisch über die Aktion in der Braunkohlegrube.

Die Energiebetrieb Mibrag erklärt hingegen, er wolle Anzeige wegen Hausfriedensbruch im Tagebau Vereinigtes Schleenhain zu erstatten. In der Vergangenheit seien jedoch auch nach ähnlichen Aktionen keine Beteiligten wegen Hausfriedensbruch verurteilt worden, erklärt Sina Reisch.

Picknick in der Grube

Im Tagebau angekommen machen es sich mehrere hundert Protestierende so bequem wie möglich. Polizeibeamte in voller Montur beobachten von einem Grubenbagger aus, wie einige Aktivistinnen sich mit Bewegungsspielen die Zeit vertrieben und gleichzeitig warm halten. Andere essen, spielen Schach oder lesen. »Picknick« wird eine Aktivistin die Situation später beschreiben.

Zwei Stunden später: Plötzlich stürmen Polizisten in die Gruppe, drängen einzelne Protestler ab und bringen sie zu Bussen der Mibrag. Kurz darauf folgt das erfolglose Tauziehen um das Transparent. Die Aktionen der Polizei wirken unkoordiniert. Zeitweise soll der Einsatzleiter fehlen, erzählt ein Beamter.

Bevor die Sonne verschwindet

Drei Mal bietet die Polizei über, dass die Protestierenden freiwillig ihre Personalien abgeben. Dann stürmen Polizisten erneut in die Gruppe und ziehen vereinzelt Personen heraus. Ein Polizist springt mit seinem Knie auf den Kopf eines Protestlers, der am Boden liegt. Der junge Mann blutet leicht, ist aber ansprechbar und wird zum Bus geschleift. Wenig später dürfen alle anwesenden Personen verlassen, ohne ihre Personalien abzugeben.

Tags darauf teilt ein Polizeisprecher mit, man habe die Protestierenden nicht über Nacht in der Grube lassen wollen.

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