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»Du musst immer dabei sein«

RB-Trainer Julian Nagelsmann über Prinzipien, seine Zukunft und Vereinssterben

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Anfang Dezember, Montag, 9 Uhr: Über dem RB-Trainingsgelände liegt morgendliche Kälte. Weihnachtsdekoration verbreitet festliche Stimmung. Der Verein hat Grund zur Freude. Am vorangegangenen Sonnabend besiegte die Mannschaft den SC Paderborn. RB-Trainer Julian Nagelsmann geht mit entsprechend guter Laune in das Interview mit dem kreuzer. Er gibt Auskunft zu seiner Spielphilosophie, Zukunftsplänen und der Relevanz von Vereinen für die Demokratie.

kreuzer: Herr Nagelsmann, Sie haben vor einigen Jahren gesagt, dass Sie 31 Prinzipien des Fußballs besitzen. Gibt es sie noch?
Julian Nagelsmann: Ich glaube, das sind jetzt 27. Ich habe das nicht aktuell gezählt. Wann habe ich die entwickelt? Als ich im U16-Geschäft drin war. Als wir irgendwann im Trainerteam diskutiert haben, dass 
wir ein bisschen variabler in der Grundordnung werden wollen. Dass wir ein bisschen mehr auf den Gegner reagieren wollen.

kreuzer: Auf den Banden am Trainingsplatz stehen Motivationssprüche. Was ist Ihr Lieblingsspruch?
Nagelsmann: Der mit dem Siegen ist ganz gut, dass es das Einzige ist (»Gewinnen ist nicht alles – es ist das Einzige!«, d. Red.). Sie sind grundsätzlich alle gut. Ich bin natürlich sehr auf das Gewinnen gepolt.

kreuzer: Warum wollen Sie was an dem bestehenden Spielsystem ändern? Das hat doch in der letzten Saison relativ gut geklappt.
Nagelsmann: Weil es immer um Weiterentwicklung geht. Wenn Ralf Rangnick noch Trainer wäre, hätte er das auch gemacht. Es ist immer so, dass Gegner sich irgendwann anpassen an die Art und Weise, wie du spielst. Man wird immer durchleuchteter im Fußball. Wir machen dieses Jahr auch nichts gänzlich anderes. Dann wäre das gegen die DNA und gegen die gute, funktionierende Idee der letzten Jahre.

kreuzer: Würden Sie Ihren Fußball als Spaßfußball beschreiben? Oder sagen Sie, das ist genau der Leistungsgesellschafts-Fußball, der mit einer Akademisierung einhergeht?
Nagelsmann: Ich würde das schon als Spaßfußball bezeichnen. Es kommt ganz darauf an, wer den Spaß haben soll, Spieler, Zuschauer. Ich glaube, dass Spieler den nötigen Spaß haben, weil wir viel mit dem Ball machen. Das habe ich oft betont, dass mir das wichtig ist, weil wir einfach in einer Unterhaltungsbranche arbeiten, wo viele Tausend Menschen im Stadion sind. Das ist wie bei Konzerten und demnach sollte es Spaß machen. Ich bin kein Trainer, der rausgeht und sagt, wir spielen jetzt vier gegen vier, habt Spaß. Es gibt Prinzipien und jede Phase hat klare Regeln und klare Vorgaben.

kreuzer: Warum spiegelt es sich nicht in der ersten Mannschaft wider, dass RB eigentlich ein Ausbildungsverein sein will?
Nagelsmann: Es spiegelt sich schon wider, wir bilden ja aus. Noch nicht die vielen Spieler aus dem Nachwuchs, aber wir haben den jüngsten Kader der Bundesliga und das ist dann letztendlich auch Ausbildung. Man muss immer ein bisschen unterscheiden zwischen: Kauf ich fertige Spieler vom Markt, die 25 und ausgebildet sind, oder kaufe ich entwicklungsfähige Talente? Und das machen wir. Demnach sind wir ein Club, der gerne ausbildet. Für den klassischen Ausbildungsverein sind wir vielleicht ein bisschen zu erfolgreich in den letzten Jahren. Die Thematik mit dem eigenen Nachwuchs hat zwei Seiten. Die erste ist: Wenn die erste Mannschaft sehr erfolgreich ist, dann ist es für Nachwuchsspieler immer schwieriger, da
reinzukommen. Das andere ist, dass wir noch nicht Ewigkeiten in der ersten Liga spielen und demnach auch der Nachwuchsbereich nicht auf dem Niveau ist, wie er sein muss, um ganzheitlich über mehrere Jahre die Jungs so auszubilden, dass sie das Rüstzeug besitzen, um bei den Profis zu spielen. Bis das alles mal ineinandergreift und die Jungs dann in den höchsten Jahrgangsstufen spielen, dauert es vier, fünf Jahre. Dann werden wir Talente, in der Definition Ausbildungsverein, aus dem eigenen Nachwuchs ziehen können.

kreuzer: Würden Sie sagen, es ist ein Unterschied, in einem Dorfverein – wie die TSG oft beschrieben wird – Trainer zu sein oder in einer wachsenden Stadt wie Leipzig? Und in Ostdeutschland?
Nagelsmann: Ich erkenne keinen extremen Unterschied. Die Leute nehmen mich hier ein bisschen mehr wahr. Heidelberg ist jetzt nicht so die Fußballstadt. Es gibt sehr viele große Firmen. Die Leute sind kulturbegeistert, aber nicht so die Fußballfanatiker. Es gibt hier auf jeden Fall mehr fußballbegeisterte Menschen. Die Strahlkraft ist ein bisschen größer. Ich werde nicht häufiger angesprochen, aber häufiger
angeguckt. Gestern war ich im Park joggen und dann sieht man schon, dass sich die Leute fragen, ist er es oder ist er es nicht. Dabei trage ich lauter RB-Zeug mit JN drauf. Da war ich leicht zu erkennen (lacht).

kreuzer: Sind Sie dann schneller gejoggt?
Nagelsmann: Nein, leider nicht. Das ist ein kleiner Unterschied. Ansonsten wohne ich jetzt in der Stadt. Vorher wohnte ich in einem ganz kleinen Dorf. Ich habe auch schon in München gewohnt. Ich bin an das Stadtleben ein wenig gewöhnt. Aber meistens bin ich hier im Büro oder auf Auswärtsfahrt. Ich bin sehr selten in der Stadt und wenn, dann gehe ich kurz mal was essen. Meistens bin ich mit meiner Familie zu Hause und habe nicht so viele Berührungspunkte mit dem Stadtleben als solches. Zum Osten: Ich war natürlich vor meiner Zeit hier schon ein paar Mal im Osten. Ich habe in Berlin Ost studiert. Ich merke jetzt keine Unterschiede. Ja gut, der Dialekt. Ich dachte, dass deutlich weniger Leute Ostdeutsch sprechen, aber es sind sehr viele.

kreuzer: Ostdeutsch muss man differenzieren!
Nagelsmann: Gut, das kann ich noch nicht. Dann sagen wir Dialekt.

kreuzer: Dialekte.
Nagelsmann: Deutschland lebt von seinen Dialekten verschiedenster Art und Weise und ich finde es grundsätzlich schön, wenn das beibehalten wird. Ich verstehe nicht immer alles. Ich habe bei meiner Fußballlehrerausbildung David Bergner kennengelernt, der hier groß geworden ist, hier lebt, mit dem ein bisschen gesprochen, aber ich nehme keine fühlbaren oder sichtbaren Unterschiede zwischen Ost und West wahr.

kreuzer: Vielleicht liegt es daran, dass die Fanszene etwas heterogener ist als in Hoffenheim? Kriegen Sie davon etwas mit?
Nagelsmann: Ich hatte noch nicht allzu viel Kontakt zu den Fans. Aber ich glaube, dass das Fan-Bild zwischen Hoffenheim und Leipzig gar nicht so extrem unterschiedlich ist. Auch in Hoffenheim waren es sehr viele Familien und kleine Fans, die wie hier ins Stadion kommen. Auch beim letzten Spiel (Paderborn) und wenn auf einmal Pyro im Block angeht, dann ist das einfach nicht gut. Die allermeisten im Block sind dafür, dass es keine Pyro gibt, und dass dann trotzdem zwei, drei Pyro zünden – das ist ein No-Go. In Hoffenheim war es auch so. Da hatten wir auswärts nicht so viele Familien wie hier, das ist schon auffällig. Das ist schön, wenn man nicht das Gefühl hat, es ist aggressiv, sondern es ist einfach auf Stimmung und Freude ausgelegt.

kreuzer: Sind Sie ein politischer Mensch?
Nagelsmann: Was heißt politischer Mensch?

kreuzer: Ich beziehe mich auf Aussagen von Ihnen aus dem Sommer, wo Sie gesagt haben, dass Sie kein Problem damit hätten, wenn Ihre Spieler zu Fridays-for-Future-Demonstrationen gehen. Was halten Sie beispielsweise von den Anti-Kohle-Protesten, die auch den Großraum Leipzig betroffen haben?
Nagelsmann: Ich bin keiner, der in einer Partei ist oder sich politisch in einer Partei engagiert. Natürlich gehe ich wählen oder habe Normen und Werte, die ich vertrete. Demnach auch, wenn ich zu Themen gefragt werde, die in meinem privaten Umfeld sind. Ich versuche nach gewissen Grundprinzipien, die mir wichtig sind, zu leben. Ich mach zum Beispiel keine Fernreisen. Ich war noch nie in Australien, in den USA oder in Neuseeland oder Singapur, wo viele meiner Freunde hinfahren, im Urlaub. Da hatte ich schon die eine oder 
andere Diskussion. Wobei ich weiß, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen kann, weil wir zu den Auswärtsspielen auch relativ oft in den Flieger steigen.

kreuzer: Sie sind nicht bei einem normalen Verein, wenn ich das mal so sagen darf, mit nur 17 Mitgliedern. Nehmen wir mal Bayern München mit fast 300.000 oder Eintracht Frankfurt mit 80.000 Mitgliedern. Denken Sie darüber nach – vielleicht auch im Hinblick auf das Verhältnis von Demokratie und der Rolle von Vereinen darin?
Nagelsmann: Gut, Red Bull ist unser Hauptsponsor. Das ist glaube ich klar. Ich denke jetzt nicht extrem darüber nach, dass RB 17 stimmberechtigte Mitglieder hat. Das war auch kein Thema, worüber ich vor dem Vereinswechsel nachgedacht habe, da bin ich ehrlich. Die Leute, die das entschieden haben, werden Gründe dafür gehabt haben, das so zu machen. Es gibt immer Für und Wider, was Mitglieder angeht. Dass es ein Club ist, bei dem es kurze Entscheidungswege gibt. Das ist wahrscheinlich ein Punkt bei RB gewesen. Ich habe in Hoffenheim einen Verein mit ein paar mehr Mitgliedern, aber auch nicht allzu viel, gehabt. Ich glaube, zu meiner Anfangszeit 9.500. Aber man hatte nicht allzu viele Berührungspunkte. Da gab es einmal im Jahr eine Mitgliederversammlung. Das war total harmonisch. Jeder hat irgendwie versucht, den Club nach vorne zu bringen. Ich glaube, dass das Vereinssterben keine ideale Entwicklung für das Land ist. Weil du im Verein, egal ob Sport, Musik oder Theater, ein soziales Gefüge kennenlernst und dich in diesem Gefüge einordnen musst: Hierarchie, Regeln, auch eine Streitkultur kennenlernst. Das Sozialgefüge heute ist sehr auf Individualität ausgelegt. Das geht bei sozialen Medien los, auf Instagram und Twitter, jeder ist dort für sich selbst der Boss und kann sein Leben vermarkten. In meiner Jugendzeit war das noch sehr auf Kollektiv ausgelegt. Da gab es auch diese Hülle und Fülle von Individualsportarten nicht, wo jeder sich selbst verwirklichen kann. Ich glaube, wir müssen gegen dieses Vereinssterben vorgehen, und da ist es völlig egal, ob es 17 oder 300.000 Mitglieder sind.

kreuzer: Was machen Sie in zehn Jahren? Können Sie sich vorstellen, wie Jupp Heynckes noch mit 70 an der Seitenlinie zu stehen?
Nagelsmann: Viele sagen, wenn du einmal in dem Business bist, dann ist das wie eine Sucht und du musst immer dabei sein. Ich habe eine Idealvorstellung – dass ich in zehn Jahren gerne einen Titel gewinnen will, um meine Trainerkarriere vollkommener zu machen. Ich wäre aber auch nicht unglücklich, wenn ich keinen hätte. Dann bin ich immer noch in einem guten Alter, in dem ich mich gut bewegen kann. In dem ich Dinge, die mich im Leben noch begeistern, wie Wandern, Mountainbiken, zu Fuß mit einem Zelt und einem Gaskocher über die Alpen zu gehen, gern in Angriff nehme. Das ist meine Idealvorstellung, dass ich mit
einer Outdoorfirma meiner eigenen Leidenschaft nachkommen kann und dass ich das in kleinen Menschengruppen mache. Nicht mit dreißig Leuten, sondern mit fünf oder sechs, wo man ein paar tiefer gehende Gespräche hat und wo es nicht darum geht, irgendwelche Massen irgendwo hinzubewegen.

kreuzer: War das einer der spezifischen Gründe, warum Sie nach Leipzig gekommen sind? Das Thema Sport und Outdoor würde ich persönlich als Erstes mit Ihrem Hauptsponsor verbinden.
Nagelsmann: Das war grundsätzlich kein Hauptgrund, aber ein schöner Nebeneffekt, dass man natürlich mit Red Bull eine Firma hat, die sich sehr viel in diesem Bereich bewegt. Natürlich noch einmal extremer, als ich mich da bewege. Ganz ehrlich, so gut bin ich nicht, wie manch einer da. Aber deswegen sind sie ja hauptberufliche Athleten. Der Hauptgrund war schon, den nächsten logischen Schritt zu machen. Vielleicht für einen Club zu arbeiten, der noch ein bisschen mehr Ansprüche hat als mein vorheriger Club. Wo ich einfach was gestalten kann. Ich bin einer, der noch mutig ist und viel probiert. Wenn du zu früh in festgefahrene Strukturen kommst, dann ist es nicht so einfach, seine eigenen Ideen durchzusetzen. Ich bin keiner, der gerne nur delegiert wird und das alles umsetzt, was von oben herab gesprochen wird, sondern ich versuche das selbst zu entwickeln.

kreuzer: Wenn man mit Leuten aus Ihrem alten Verein spricht, dann hört man immer mal wieder, dass es doch eine Enttäuschung ist, dass es nur RB geworden ist.
Nagelsmann: Echt? Was haben die sich gedacht?

kreuzer: Ja, was Größeres vielleicht? Bayern, Dortmund, Tottenham. Also da hört man immer wieder, doch nur RB.
Nagelsmann: Da bin ich offen und ehrlich, das habe ich schon oft gesagt, dass ich kurz die Option hatte, bei den Clubs ganz oben ins europäische Regal zu greifen, vielleicht eher zufällig, aber die gab es kurz mal. Natürlich war ich bei Hoffenheim sehr erfolgreich. Ich war dort Trainer seit der U16 und habe neun Jahre da verbracht. Ich kannte einfach jeden. Ich habe dieses Gefühl schon gemerkt, wenn du in ein Gebäude kommst und du bist neu, obwohl du Cheftrainer bist und du eigentlich in der Hierarchie nicht ganz unten stehst. Trotzdem bist du erst einmal ein bisschen unsicher, musst alle kennenlernen, jeder beäugt dich. Du kommst nicht rein und sagst, jetzt kommt der große Meister und alle machen, was ich sage. Du versuchst dich einzugliedern, auch wenn du von deiner Position her für den Club sehr bedeutend bist. Da war es einfach wichtig für mich, mich selbst zu überprüfen: Kann ich das eigentlich, was ich bei Hoffenheim gemacht habe, auch bei einem anderen Verein? Das Gesamtpaket war interessant. Ich habe in Hoffenheim alles gehabt, was ich zum Leben als Fußballtrainer gebraucht habe. Das war hier gegeben und von dem her habe ich mich so entschieden. Natürlich ist es so, dass ich irgendwann in meiner Zehn-Jahre-Fußballlebensplanung schon noch gerne einen der ganz großen Vereine trainieren möchte. Das ist kein Geheimnis, da wird Oliver Mintzlaff hoffentlich nicht vom Stuhl fallen.

kreuzer: Haben Sie Kontakt zu Herrn Mateschitz?
Nagelsmann: Im April war ich mal bei ihm – einfach, um mich mit ihm auszutauschen. Das ist mir wichtig. Zu Herrn Hopp hatte ich einen bisschen engeren Draht, weil er eigentlich immer da war, auch in der Kabine. Jedes Heimspiel, kann man sagen, wenn wir gewonnen haben zumindest. Da hatte ich etwas mehr Austausch, ganz ohne Wertung. Mit Herrn Mateschitz habe ich mich nur da getroffen. Seitdem haben wir uns nicht mehr persönlich gesehen. Er hat mir hin und wieder etwas über Oliver Mintzlaff ausgerichtet. Ich fand 
das damalige Gespräch sehr interessant, weil ich gerne mal beleuchten wollte, warum sie so viel mit jungen Athleten arbeiten. Das hat mich schon fasziniert. Auch die Kenntnis, die er über mich hatte. Das war jetzt keiner, der nur sagt, schlag einen vor und den holen wir dann. Der hat eigentlich alles über mich gewusst, vom Privaten, was man wissen kann, wie ich Fußball spielen lass und wo ich herkomme. Auch was ich für Begeisterungen habe oder was ich neben dem Sport noch mache. Aber seitdem gibt es jetzt keinen wirklichen Austausch. Aber das ist für mich kein Drama.

kreuzer: Interessieren Sie sich für die anderen Geschäfte von Herrn Mateschitz? Sind Sie da informiert? Also speziell geht es jetzt um den Bereich Journalismus, um sein journalistisches Projekt, das er da aufgezogen hat, das Addendum Magazin?
Nagelsmann: Nein, da bin ich nicht involviert und da habe ich auch keine Ahnung von. Natürlich kenne ich Servus TV oder das Red Bull Media Haus so ein bisschen, wie sie es aufziehen. Wir haben immer mal wieder einen Austausch mit Red Bull. Aber dann geht es tatsächlich mehr um Fußballthemen und Entwicklung, um reale Maßnahmen und Präventionsmaßnahmen mit dem Rehazentrum und so weiter. Da geht es weniger um andere Projekte.

kreuzer: Noch eine Frage, was die Zukunft und E-Sports angeht. Ist es gut, wenn Spieler zwei Tage frei haben und einen Tag davon an der Konsole hängen, weil sie damit ihre kognitiven Eigenschaften in die Höhe treiben? Oder ist das einfach nur eine Legende der Industrie?
Nagelsmann: Ich glaube nicht, dass man, wenn man nur an der Konsole hängt, ein guter Fußballer wird. Das würde ich nicht unterschreiben. Das ist ein Bereich, wo ich wenig über wissenschaftliche Arbeiten lese. Es ist schon so, dass gewisse kognitive Bereiche trainiert werden. Aber das geht sicherlich nicht über Masse. Es ist
ja klar – dein Hirn muss wach sein, um sich zu entwickeln. Wenn du sieben Stunden Mathe lernst, dann sind die Stunden zwei bis sieben auch nicht die produktivsten. So ist es beim Zocken auch. Ich glaube, eine halbe Stunde FIFA-Zocken kann schon ein bisschen für deine kognitiven Fähigkeiten – was den Rundumblick und was Wahrnehmung von verschiedenen Farben und so weiter angeht – wertvoll sein.
Aber das jetzt den ganzen Tag zu machen, wenn man zwei Tage frei hat, halte ich nicht für sinnvoll. Ganz unabhängig von welchem Spiel. Generell halte ich die Häufigkeit, mit der man insgesamt vor dem
Fernseher oder der Konsole oder dem Handy sitzt, für deutlich zu viel. Dieses ganze Thema E-Sports ist für mich auch noch ein wenig abstrakt, da bin ich ganz ehrlich. Ich habe das auch erst hier bei RB Leipzig kennengelernt. In Hoffenheim hatten wir kein professionelles Team. Ich selbst habe eine Playstation, aber ich spiele tatsächlich einmal im Jahr. Ich habe, glaube ich, auch immer noch FIFA 2015. Ich bin also nicht auf dem neuesten Stand.
Dass E-Sports jetzt zum Beispiel im asiatischen Raum ganz große Hallen füllt, mit 120.000 Zuschauern, ist schon abstrakt für mich. Ich kann das auch nicht wirklich begreifen. Ich persönlich würde mir kein Ticket kaufen und zwei Leuten beim Computerspielen zuschauen. Das darf natürlich jeder gerne machen, der das möchte. Ich sage trotzdem, dass wir in diesem Bereich grundsätzlich ein bisschen aufpassen sollten und das Thema Bewegung an der frischen Luft nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Julian Nagelsmann, geboren 1987 in Landsberg am Lech, spielte in seiner Jugend Fußball beim FC Augsburg und dem TSV 1860 München in der Abwehr. Nach einer Sportverletzung assistierte er 2008 bei der zweiten Mannschaft von 1860 unter Trainer Thomas Tuchel. Nach sechs Jahren Nachwuchs- und Co-Trainertätigkeit bei der TSG 1899 Hoffenheim übernahm er 2016 die erste Mannschaft. Seit dieser Saison ist Nagelsmann Trainer von RB Leipzig mit einem Vertrag bis 2023. Laut Ralf Rangnick ist er das »größte deutsche Trainertalent«.

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