anzeige
anzeige
Politik

Home Sweet Eisi

Die Hausgemeinschaft der Eisenbahnstraße 97 hat den Kampf gegen die Entmietung gewonnen

  Home Sweet Eisi | Die Hausgemeinschaft der Eisenbahnstraße 97 hat den Kampf gegen die Entmietung gewonnen  Foto: Marco Brás Dos Santos

Nach zweieinhalb Jahren Kampf gegen Entmietung hat die Hausgemeinschaft der Eisenbahnstraße 97 gewonnen: Ende April wurde ein Kaufvertrag unterschrieben, das Haus gehört jetzt ihnen.Beim letzten kreuzer-Interview im März verabschiedete sich Elena* noch mit »bis zum nächsten Mal« — bei diesem letzten Treffen geht es um das Ende des Mietstreits. Elena und Jens* erzählen, was das bedeutet.

Im März habt ihr noch gegen Weihnachtskündigungen und Spielautomaten im Erdgeschoss gekämpft. Was war der Moment, in dem Sie gemerkt haben: Das hier könnte wirklich klappen?

Jens: Das war so vor ein, zwei Monaten. Der Eigentümer hat auf einmal wieder Bereitschaft signalisiert, das Haus zu verkaufen. Diesen Moment gab es ja schon vorher ein-, zweimal — und dann ist er immer wieder abgesprungen. Deswegen waren wir verhalten: Wie ernst können wir das nehmen? Aber es war für uns die einzige Option, die Möglichkeit des Kaufes zu verfolgen — und wir haben es halt verfolgt.

Elena: Außerdem konnten wir Kontakt zu der Stiftung Trias aufbauen, die das Vorhaben mit uns zusammen realisieren wollte und letztendlich auch realisiert hat. Aber ja, bis zum letzten Moment, bis wir wirklich unterschrieben haben, war es für uns nicht sicher.


Altun, der vorherige Besitzer hat für das Haus 1,2 Millionen gezahlt, zweieinhalb Jahre war nicht klar, ob Sie bleiben können. Am Ende hat er sich geschlagen gegeben. Was denken Sie, wie es dazu kam?

Elena: Die Frage haben wir uns auch oft gestellt. Wir wünschen uns natürlich, dass es an unserer Beharrlichkeit lag — daran, dass wir einfach nicht aufgegeben haben. Das hat man auch an den letzten Versuchen gesehen: Die Kündigungen zu Weihnachten kamen, aber als wir wieder mit Widerstand reagiert haben, wurde das nicht mal mehr weitergeführt. So ein letztes Aufbäumen — und dann hat es aus Gründen nicht funktioniert. Dass es für uns so gut ausgegangen ist, lag auch an der stabilen Selbstorganisation, die wir hier seit Jahren aufgebaut haben.


Erbbaurecht, Stiftung trias, UG und Verein — das klingt nach viel Bürokratie für ein selbstverwaltetes Haus. Was hat das Konstrukt mit Ihrer Idee von kollektivem Wohnen zu tun?

Elena: Kollektives Wohnen ist auch Arbeitsteilung. Das gehört dazu, wenn man es realisieren will.

Jens: Wenig Arbeit ist es auf keinen Fall. Aber es ist zukunftsgerichtet. Mietkampf ist Reaktion und Verteidigung — das hier ist anders. Und das Hauptziel war ja auch, Häuser vom Markt zu holen. Das wäre ohne die Stiftung trias in dem Moment nicht möglich gewesen: Sie kaufen das Grundstück und geben es per Erbbaurecht an uns ab. Alles, was das Haus betrifft, liegt bei uns. Das entspricht schon unserer Vorstellung vom kollektiven Wohnen und Verwalten.


Das Goldhorn, das zehn Jahre im Erdgeschoss war, ist 2024 gegangen, der Nachmieter hat Ihnen 30.000 Euro Ablöse gezahlt. Drin sitzt jetzt ein Café mit Spielautomaten. Was passiert mit dem Laden?

Elena: Das ist auch für uns noch ein offenes Thema. Wir haben viel darüber geredet. Jedenfalls haben die Betreiber einen Mietvertrag. Und unser erster Schritt als kollektive Eigentümer:innen sollte eigentlich nicht sein, jemanden zu entmieten — das wollen wir vielleicht auch gar nicht. Aber wir müssen uns damit auseinandersetzen, inwiefern das unseren ideellen Ansprüchen gerecht wird. Das ist ein Aushandlungsprozess, den wir jetzt führen müssen.


Elena hat im März aufgezählt: Radsfatz, Japanisches Haus, Trautmanns, Dingdong — alles weg. Sie haben es geschafft. Warum Sie und nicht die anderen?

Jens: Ich würde nicht sagen, dass gerade wir es geschafft haben — also nicht nur wir als Hausgemeinschaft, sondern wir alle: Alle, die uns supportet haben. Auch von den Projekten, die es in Anführungszeichen nicht geschafft haben, haben wir viel Support bekommen. Das ist eine kollektive Leistung.

Zudem gibt es hier im Haus extrem viel Erfahrung. Der aktuelle Mietkampf lief jetzt zweieinhalb Jahre — aber es wohnen hier Leute seit 13 Jahren, und die sind seit 13 Jahren im Mietkampf, auch mit vorherigen Eigentümer:innen. Als es diesmal losging, wussten wir direkt: Wo sind die Anwält:innen, die man ins Boot holen muss? Wie müssen wir uns als Gruppe organisieren? Wir hatten auch schon Kontakte zu anderen mietpolitischen Akteur:innen, usw. Das heißt nicht, dass andere das nicht auch gemacht haben. Aber es war viel Wissen vorhanden.

Elena: Und das Con Han Hop (Anmerkung der Redaktion: Ladenprojekt in der E97) ist stabil geblieben. Das ist für mich persönlich ein Riesengewinn für das Viertel.


Hätten Sie sich mehr Support von der Stadtverwaltung erwartet?

Elena: Wir haben uns da mehr erwartet und mehr gewünscht. Es war so oft ein Kampf gegen Windmühlen. Als uns das Gas abgedreht wurde — über ein halbes Jahr ohne Gas —, lag das nicht daran, dass unklar war, wessen Schuld es ist. Die Mühlen mahlen einfach so langsam, dass das ewig gedauert hat. Da ist Enttäuschung entstanden, bis hin zu Frust.

Jens: Man resigniert dann auch ein bisschen und kümmert sich halt selber um seinen Scheiß.


Sie haben jetzt ein Haus — aber auch Schulden, Sanierungsstau, Verwaltungsverantwortung. Was hat der Kampf gekostet, und was kostet der Sieg?

Jens: Der Kampf hat viel Nerven, viel Arbeitskraft, viel Energie gekostet. Trotzdem möchten wir alle motivieren, ihn zu führen — weil sich Kämpfen lohnt, beziehungsweise lohnen kann. Auch einfach um nicht alles mit sich machen zu lassen. Klein beizugeben, ist da keine Option, auch aus politischen Gründen.

Was es in Zukunft kosten wird: Noch einige weitere Nerven und ganz viel Energie. Aber seit Jahren konnte ich zum ersten Mal die Wohnung betreten und musste nicht damit rechnen, dass da der nächste Brief drin ist. Jetzt kann ich da reingehen und sagen: Ich kann hier wohnen — und das auf eine ganz lange Dauer. Dafür lohnt sich die Arbeit.

Elena: Mietkampf ist, die eigene Existenz dauerhaft zu verteidigen. Jetzt geht man mit einem bestimmten Sicherheitsgefühl daran. Es ist nicht mehr so prekär.


Wer in Leipzig gerade in einem ähnlichen Konflikt steckt — was ist der eine Satz, den Sie ihnen mitgeben wollen?

Jens: Macht weiter, es ist gut, dass ihr das macht. Wenn ihr Hilfe braucht, kommt auf uns zu. Wir haben so viel Support bekommen — den wollen wir auch gern geben.

Elena: Und lasst euch nicht gegeneinander ausspielen, was Vermieter*innen gerne machen. Vernetzt euch. Gemeinsam ist man stärker.


Die Hausgemeinschaft E97 ist auf Direktkredite angewiesen, um anfallende Kosten für Kauf und Sanierung zu stemmen. Mehr Informationen: e97.org/direktkredite



Kommentieren


0 Kommentar(e)