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Kultur

Ran ans Meer

Der eröffnete Stadthafen ist die Kirsche auf der Geburtstagstorte des Grünen Rings

  Ran ans Meer | Der eröffnete Stadthafen ist die Kirsche auf der Geburtstagstorte des Grünen Rings  Foto: Tobias Prüwer

»Manch nennen es Größenwahn«, gibt Oberbürgermeister Burkhard Jung unumwunden zu, was eine Leipziger Eigenart sei. »Wir denken groß«, ist Teil seiner Einweihungssätze zum Leipziger Stadthafen. London, Wien, Paris und Hamburg hätten doch auch Häfen, warum nicht auch die Stadt an der Pleiße? Gut, sie habe keinen großen Strom, dafür viele kleinere. »Leipzig ist die coolste, größte und wichtigste Stadt Ostdeutschlands«, sekundiert Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer – wenn das die Dresdner hören.

Mit der Eröffnung findet das Projekt nach 25 Jahren seinen Abschluss. Der Ort soll zum »zentralen Ankerpunkt mit urbaner Hafenatmosphäre« werden, heißt es im Pressetext. Gruselautor Markus Heintz ließ hier schon vor Jahren einen Lifestyle-Bestatter hausen, so attraktiv ist die Idee. Immerhin sitzt der Stadthafen wie die Spinne im Netz des Gewässerverbunds Neuseenland. Er unterstreicht dessen wassertouristische Nutzung, einen Aspekt, den der Grüne Ring stets im Blick hat. Das Netzwerk, dem es auch um Landwirtschaft, Wald und Kultur bestellt ist, wurde selbst gerade 30 Jahre alt. Den Geburtstag begeht man mit thematischen Radtouren.

Die meisten Menschen kennen den Grünen Ring als Radweg. Wie in einem Radialsystem führen die Wege strahlenförmig von der Innenstadt weg. Zwei Kreise verbinden sie: Der Innere Grüne Ring führt um die Stadt, der äußere weiter durchs Umland. Das ist an sich schon ein Ausflugsziel und verdeutlich, worum es geht: das Verbindende. »Der Grüne Ring Leipzig ist eine Plattform, um die Natur- und Kulturlandschaft gemeinsam zu gestalten«, erklärt Christian Dietz. Der Leiter der Grünen-Ring-Geschäftsstelle spricht von einem »freiwilligen Kooperationsnetzwerk«, in dem Leipzig, die Landkreise Leipzig und Nordsachsen sowie 14 Kommunen zusammenarbeiten. Gemeinsam soll die Region entwickelt werden, nicht nur für den Tourismus, auch die Lebensqualität, der hier Lebenden, und die Erhaltung der Kulturlandschaft soll Platz finden. Dass die komplizierte Konstellation aus vielen Akteuren praktische Erfolge zeigt, erstaunt. Natürlich müssen Kompromisse gefunden werden, wenn etwa Naturschutz und Erholungsbedürfnis kollidieren.

Neben dem Radweg stellt den größten Erfolg – zumindest der sichtbarste – die Leipziger Seenlandschaft dar. Diese gab 1996 den Anschub, sich in einem Netzwerk zu koordinieren. »Damals herrschte Handlungsdruck«, sagt Geschäftsführer Dietz. Die Gestaltung der Seenplatte umfasste allein flächenmäßig mehr als ein Kommune. Man musste gemeinsam handeln. Der Grüne Ring bringt die Bedürfnisse der Partner bis heute zusammen, die Seenlandschaft bleibt eine Hauptaufgabe. So ist kürzlich die Machbarkeitsstudie für die Bootspassage Neue Harth abgeschlossen worden: Der Zwenkauer und Cospudener See sollen nun mit einer Schiffseisenbahn verbunden werden.

Im Jubiläumsjahr sollen thematische Radtouren die Aufgaben des Grünen Rings verdeutlichen. Der Start im April sei gut angenommen worden, so Dietz. »Wir haben verschiedene landwirtschaftliche Akteure im Nordosten der Stadt besucht. Schwerpunkt war das Thema stadtnahe Landwirtschaft. Wir trafen auch einen Imker und informierten uns und besuchten den Biotopverbund.« Im Juni wird die touristische Infrastruktur ins Zentrum gerückt. »Wir fahren zu Beispielen, wie sich die Bergbaufolgelandschaft entwickelt hat«, sagt Dietz, »nicht nur touristisch, sondern auch im Sinne des Naturschutzes«. Es geht in den oft idyllischen Südraum Leipzigs. Auf 40 Kilometern führt der Weg von Böhlen entlang der Pleiße zum Stausee Rötha. Über mehrere Seen endet die Route an der Schleuse Connewitz. Regionale Partner organisieren auf dem kostenlosen Ausflug die Verpflegung.

»Im Juli heißt es dann ›ran ans Meer‹«, sagt Geschäftsführer Christian Dietz. Vor hundert Jahren wurde der Elster-Saale-Kanal besiegelt; das Vorhaben, das Leipzig mit den Weltmeeren verbinden soll(-te). Immerhin wird der Kanalradweg 2030 fertiggestellt sein. Dietz berichtet kommunalen Bestrebungen in Sachsen-Anhalt, dem Grünen Ring. Das sei nur folgerichtig: »Der Saale-Kanal endet ja nicht in Günthersdorf.«

Zurück zum Stadthafen: Auch OMB Jung äußert die Hoffnung, dass der Elster-Saale-Kanal einmal am Meer endet. »Vielleicht werden es meine Amtsnachfolger erleben, dass man von der Leipziger Innenstadt bis an die Nordsee paddeln kann.« Immerhin verbindet der eröffnete Stadthafen die City mit dem Lindenauer Hafen und dem Cospudener See. In der Schreberstraße gelegen, ist er nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt und kann zur Oase werden. Noch dominiert Beton die Sicht auf dem 13.800 Quadratmeter großen Areal, das 49 Liegeplätze für Mehrpersonenschiffe und Sportboote bietet und Anlegeplätze für Paddelboote. Leipzig investierte rund 15,67 Millionen Euro, 90 Prozent der Kosten wurden aus Bundes- und Landesmitteln mitfinanziert.

Nicht allen ist zum Feiern zumute. Die Umweltschutzorganisation Ökolöwe kritisiert, dass der Hafen zur Übernutzung der Wasserwege im Auwald führen wird. Naturschutz habe Vorrang vor Tourismus. Bei der Eröffnung betonen alle Beteiligten, dass es um letzteren allein nicht gehe. Auch die Menschen in dieser Stadt hätten etwas vom Hafen. In der Tat deuten frisch gepflanzte Bäume und Sträucher an, dass der Ort zur kleinen Wasseroase werden könnte. Sitzgelegenheiten schaffen Aufenthaltsqualität, wie das stadtplanerisch heißt. Der Stadthafen ist frei begehbar und soll es auch sein. So könnte daraus ein so lebendiger Ort im öffentlichen Raum werden wie der Rostocker Stadthafen – nur im Miniaturformat. Mit Anwohnerbeschwerden ist dann allerdings zu rechnen in Ostdeutschlands coolster Stadt.


> Radtour zum Thema Touristische Infrastruktur, 27.6.2026, https://gruenerring-leipzig.de/27-06-2026-radtour-tourismus/

> https://gruenerring-leipzig.de/30jahre/


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