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Existenz-Raum

Bühnenbildner Etienne Pluss ist Träger des »Faust«-Preises – und entwirft neue Kulissen

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Am Samstag feiert »Mein Freund Harvey« im Schauspielhaus Premiere. Ein heimlicher Star bleibt dabei wortwörtlich im Hintergrund: Das Bühnenbild entwarf Etienne Plus, der kürzlich mit dem »Faust«-Preis geehrt wurde.

Ein Meer voller Liegestühle, alle creme-rosa gestreift. Etienne Pluss’ Leipzig-Premiere stach ins Auge. In der damaligen Schauspiel-Dependance am Floßplatz kreierte der Bühnenbildner 2003 die Optik für Becketts »Spiel«. Mit der Intendanz von Enrico Lübbe kehrte Pluss mehrmals gestaltend nach Leipzig zurück, schuf zuletzt das Schiffswrack für »Tristan und Isolde« an der Oper. Während er schon an der nächsten Kulisse für eine Leipziger Bühne feilt, hat er den wichtigsten deutschen Theaterpreis bekommen. Für den kreuzer nahm er sich eine halbe Stunde.

Eigentlich muss er gleich wieder weg, sagt Etienne Pluss. Der Berliner war Ende Oktober extra zur Konzeptionsprobe zu »Mein Freund Harvey« angereist, das im Januar Premiere hat. Es war das erste große Zusammentreffen aller Beteiligten, Pluss beschreibt es vor allem als eine Party. Was er genau mit der Bühne anstellt, wollte er noch nicht verraten, nur, dass sich zwei Räume in einem Raum öffnen. Und er raunt etwas vom Spiel mit den Theaterkonventionen.

Originell war sein Bühnenbild für »Violetter Schnee« an der Berliner Staatsoper. Mit diesem räumte Pluss im November den »Faust«-Preis in der Kategorie Bühne ab. So ganz wohl war ihm bei der Preisverleihung nicht: »Es ist ein Zwiespalt: Da sind so viele andere talentierte Nominierte und man wünscht sich, nicht unbedingt ins Rampenlicht auf die Bühne zu müssen. Aber natürlich war meine Freude groß.« Für die Inszenierung rückte er ein Wintergemälde Pieter Bruegels ins Zentrum, arbeitet mit Überblendungen und ineinander übergehenden Bildern. Und natürlich: Schnee. Dazwischen kommt immer wieder Schwärze ins Spiel, denn mit Fülle allein kann man nicht überzeugen: »Ein gutes Bühnenbild muss intelligent sein, es geht immer vor allem um die Geschichte.«

Bühnenbildner Etienne Plus (Foto: Schauspiel Leipzig)

Fürs hiesige Schauspiel entwarf er die Bühnenbilder von »Der nackte Wahnsinn« und »Der Gott des Gemetzels«. In seiner Gestaltung von »Die Maßnahme / Die Perser« überraschte er mit einer beweglichen Wand, aus der sich tragende Elemente herausschieben ließen. Letzte Spielzeit schickte er den »Faust« auf kleiner Drehbühne zum Kreiseln und machte ihn in Spiegelungen und Projektionen zur Doublette.

»Ähnliche Räume immer wieder neu zu gestalten, das mag ich.« Das ist die Kurzfassung, die Etienne Pluss von seiner Arbeit gibt. »Ich denke, dass mein Beruf der beste ist«, sagt Pluss über sein Tun. »Es ist oft sehr viel Arbeit, weil ich auf mehreren Hochzeiten gleichzeitig bin, in Konzeptionsphase, Aufbau oder Probenzeit.« Die Arbeit des Bühnenbildners an einer Produktion beginnt früh – und er ist viel auf Reisen. Da stehen Präsentationen der ersten Ideen an, dann der Modelle. Er muss sich mit den Werkstätten absprechen. Es wird gerechnet, was realisierbar ist, und die Konstrukteure denken über Gewicht, Statik und Haltbarkeit nach. Manche Opernhäuser lagern Kulissen 30 Jahre lang. Was wenige wissen: Der Bühnenbildner gibt das meiste Geld einer Produktion aus, beschäftigt die meisten Leute. Pluss schätzt die Zusammenarbeit mit allen Gewerken. »Ich habe alles richtig gemacht, wenn ich bei der Premiere keine Fragen zu beantworten habe.«

Pluss mag die Mischung: Im Gegensatz zur Opernarbeit sei das Gestalten fürs Sprechtheater ein »heftigerer Sport, bei dem man kurzfristig und flexibel arbeiten muss«. Er nennt sein Verhältnis zum Beruf »existenziell«: »Ich kann mir nicht immer aussuchen, was ich mache.« Er weiß, er hat gerade Erfolg, die Zeiten könnten sich aber wieder ändern.

Enrico Lübbe kennt er schon lange, beeindruckt hat ihn ein Besuch bei ihm: »Da hingen in seiner Küche Fotos von meinem Bühnenbild, da dachte ich: Wow.« Es sei »sehr freundschaftlich, vertrauensvoll und erfindungsreich, mit Enrico zu arbeiten«. Was er aus der Komödie »Mein Freund Harvey« optisch macht, will Etienne Pluss auch beim Abschied nicht verraten. Nur so viel: »Ich habe die unsichtbaren Nebenräume miterzählt. Ich stelle mir oft die Frage: Wie kann man die Architektur weiterführen, so dass für den Zuschauer die Bühne nur ein Ausschnitt eines ganzen Systems ist?«

■ »Mein Freund Harvey«: 18.1. (Premiere), 25.1., 19.30 Uhr, Schauspielhaus

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